Eigentlich ist die Demokratische Republik Kongo reich an Rohstoffen. Doch das Land ist eines der ärmsten in Afrika – in Folge von Ausbeutung, Korruption, Misswirtschaft, Bürgerkrieg und Vertreibungen. Nun bereist es Papst Franziskus mit einer Botschaft zur Versöhnung. Die Kirche habe dort viel Einfluss, versichert Kongo-Experte François Mercier von Fastenaktion.
Wolfgang Holz
«Der Kongo ist eigentlich ein reiches Land und doch so arm», beschreibt François Mercier von der katholischen Hilfsorganisation Fastenaktion die dramatische und gleichzeitig tragische Situation des zweitgrössten afrikanischen Landes am Äquator.
Der 51-Jährige weiss, wovon er spricht. Zehn Jahre lang hat er das Kongo-Programm von Fastenaktion geleitet. Nun ist er verantwortlich für Menschenrechte und Rohstoffe. «Ich bin schon rund 20 Mal im Kongo gewesen», sagt er.
In einem Land mit «extrem freundlichen Menschen» und wunderschöner Regenwaldnatur einerseits. Mit lausiger Infrastruktur, «schlechter Governance», 70 Prozent unterernährten Menschen und dem Fluch der Bodenschätze andererseits.
Die Bodenschätze werden, wie gesagt, von internationalen Konzernen wie Glencore – mit Sitz im schweizerischen Baar – ausgebeutet, die wiederum ihre Gewinne steuerfrei ins Ausland transferieren. Beziehungsweise, die in den Taschen korrupter Staatsbeamter verschwinden. «Der Kongo ist nach der Unabhängigkeit merklich ärmer geworden, während andere afrikanische Staaten mit weniger Rohstoffen, wie etwa Senegal oder Ghana, deutliche Fortschritte machten», so Mercier.
Auch die kongolesische Landwirtschaft darbt. «Die meisten Menschen ernähren sich fast ausschliesslich von Maniok – deren Wurzel zwar stärkehaltig ist, aber für eine gesunde Ernährung nicht ausreicht», erklärt der Fastenaktion-Mitarbeiter. Und nicht nur das. Mangels Strassen könnten die Kleinbauern ihre Produkte auch nicht auf städtischen Märkten verkaufen.
In den landwirtschaftlichen Hilfsprogrammen von Fastenaktion im Kongo vermittle man seit 1971 den Kleinbauern deshalb das nötige Know-How, um die Produktion zu erhöhen und neben Maniok auch noch anderes Gemüse wie Tomaten, Zwiebeln, Ananas und Auberginen anzubauen. Dabei bilden Agronomen die Bauern in Kleingruppen aus und leisten auf diese Weise Hilfe zur Selbsthilfe in Sachen Ernährungssicherheit.
«Wir liefern keine Traktoren nach Afrika», sagt Francois Mercier. Das würde auch keinen Sinn machen – angesichts des bescheiden wirkenden Finanzierungsrahmens von 800’000 Franken für den Kongo pro Jahr. Doch das Programm zeitigt tatsächlich Fortschritte.
«Sobald die Menschen sich nämlich besser ernähren können, sind sie gesünder und können sich einiges leisten, etwa schönere Kleider.» Um den Eiweissanteil an der Ernährung zu erhöhen, werden auf dem Land übrigens auch Fischteiche angelegt. Not macht erfinderisch.
«Papst Franziskus kann mit seinem Besuch die weltweite Aufmerksamkeit wieder auf die Demokratische Republik Kongo richten.»
François Mercier, Fastenaktion Schweiz
Nun reist der Heilige Vater in das Land. «Papst Franziskus kann mit seinem Besuch die weltweite Aufmerksamkeit wieder auf die Demokratische Republik Kongo richten – zumal die katholische Kirche wesentlich zur Demokratisierung des afrikanischen Staats beigetragen hat», lässt Mercier wissen.
Insbesondere der seit 2018 amtierende Erzbischof von Kinshasa, Kardinal Fridolin Ambongo (63), gilt als engagierter Seelsorger mit einer hohen Sensibilität für Menschenrechte und Gerechtigkeit.
Der Kapuziner war auch einer der Väter des sogenannten Silvesterabkommens von 2016, das am Ende der Kabila-Jahre einen friedlichen Übergang der Macht im Land einläuten sollte. Im selben Jahr sagte er vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag über die Aktivitäten lokaler Warlords aus. Ein mutiger Gottesmann.
Die Demokratische Republik Kongo ist laut KNA das Land mit den meisten Katholiken auf dem Kontinent. Auf einem Gebiet, das etwa 57-mal so gross wie die Schweiz ist, leben Schätzungen zufolge mehr als 100 Millionen Menschen, darunter bis zu 45 Millionen Katholiken. Das Land im Zentrum Afrikas ist darüber hinaus ein Vielvölkerstaat mit mehr als 200 Ethnien.
Die katholische Ortskirche gliedert sich in 6 Erzdiözesen sowie 42 Diözesen und gilt als wichtige Mittlerin im Land. Sechs Millionen Schülerinnen und Schüler besuchen katholisch geführte Schulen. Rund 40 Prozent der Gesundheitseinrichtungen des Landes stehen in kirchlicher Trägerschaft. Das verleiht der Ortskirche nicht nur soziale Legitimität, sondern auch politisches Gewicht.
Religion ist im Alltag der Kongolesen also allgegenwärtig. In kaum einem anderen afrikanischen Staat besitzen die katholischen Bischöfe so viel Einfluss wie in der DR Kongo. Mit ihrer moralischen Hebelkraft können sie eine entscheidende Rolle dabei spielen, Dialog und Toleranz zu stärken, meinen Experten.
«Kinshasa ist eine lebhafte Stadt wie viele andere afrikanischen Metropolen.»
François Mercier, Kongo-Experte
Derweil macht sich Kinshasa schön für Franziskus. «Kinshasa ist eine lebhafte Stadt wie viele andere afrikanischen Metropolen», sagt Mercier. «Die Menschen dort halten sich mit vielen Gelegenheitsjobs über Wasser – als Taxifahrer, als Händler, als Verkäufer von Mobiltelefonkarten oder als Bedienstete in Restaurants.»
Die Stadt sei auch relativ sicher. In all den Jahren sei ihm in Kinshasa nie etwas zugestossen. «Mein Kollege wurde einmal ausgeraubt, aber man kann sagen, dass die Kriminalität in lateinamerikanischen Städten deutlich höher liegt», so Mercier. Nicht zuletzt auch deshalb, weil deutlich weniger Waffen im Umlauf sind. «Auf den Dörfern hatte ich gar nie Angst. Die Leute sind sehr gastfreundlich und kochen einem ein gutes Essen – obwohl sie selbst nicht viel haben», schwärmt Mercier.
Doch was müsste getan werden, um den Kongo politisch und wirtschaftlich tatsächlich auf Vordermann zu bringen? François Mercier hat konkrete Vorstellungen.
«Man muss in erster Linie den Rohstoffsektor besser kontrollieren und die Wirtschaft endlich korrekt besteuern, um staatliche Einnahmen zu generieren und um auf diese Weise die Infrastruktur des Landes verbessern zu können», sagt Mercier.
Beispielsweise würde pro Jahr tonnenweise Gold aus den Minen in Kivu einfach im Ausland beziehungsweise in den Nachbarstaaten verschwinden. «Der Goldschmuggel ist relativ einfach.»
Von besseren Infrastrukturen könnten dann auch die Kleinbauern profitieren, um ihre landwirtschaftlichen Produkte in den Städten verkaufen zu können. «Was den Welthandel angeht, sind natürlich faire Preise Voraussetzung, damit es im Agrarsektor wirklich aufwärts gehen kann.» Ausserdem müsste man weiter bessere Anbaumethoden fördern – anstelle der traditionellen, landschafts- und bodenschädigenden Brandrodungen im Regenwald. «Last, but not least muss die grassierende Korruption bekämpft werden.»
Dies sind alles Herkulesaufgaben. Der Papstbesuch ist ein erster Anfang, um neue Hoffnung unter den Menschen im Kongo auszusäen.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant