Berge beeindrucken uns Menschen, weil sie uns überragen. Weil sie dem Himmel so nah sind. Es verwundert deshalb nicht, dass es viele heilige Berge gibt. Der emeritierte Geschichtsprofessor Jon Mathieu (70) hat ein interessantes Buch geschrieben. Im Interview verrät er unter anderem, warum Berge angebetet werden.
Wolfgang Holz
Welcher ist Ihr Lieblingsberg, Herr Mathieu?
Jon Mathieu* (überlegt kurz): Mein Lieblingsberg ist wohl der Berg in der Gemeinde, in der ich im Unterengadin heimatberechtigt bin, in Ramosch. Der Berg heisst Arina, weist eine konische Form auf und ist 2827 Meter hoch. Es handelt sich dabei um den einzigen Berg in dieser protestantisch geprägten Region, der ein Gipfelkreuz trägt.
«Beim Berg Arina spielt für mich eine persönliche Zuneigung eine Rolle.»
Der Arina hat auch einen Bezug zu meiner Familie: Mein Grossvater war Bauer und errichtete weiter unten ein Maiensäss, eine Berghütte. International betrachtet gibt es sicher spektakulärere Berge mit tolleren Geschichten. Aber beim Arina spielt für mich eben eine persönliche Zuneigung eine Rolle.
Ist das auch ein heiliger Berg?
Mathieu: Nein, das würde ich nicht sagen. Das Christentum hat ja ein distanzierteres Verhältnis zur Natur im Vergleich etwa zu asiatischen Religionen und Kulturen.
Wie wird denn ein Berg heilig?
Mathieu: Man kann sich verschiedene Wege vorstellen. In der asiatischen Kultur wurden Naturelemente von vornherein in die religiöse Wahrnehmung inkludiert. Eremiten und Asketen begaben sich in die Berge und benutzten sie als Vorlage zur Meditation und religiöse Übungen. Einige von ihnen wurden berühmt, zogen viele Leute nach und brachten so eigentliche Wallfahrten hervor.
«In Europa entstanden erst spät Gipfelkreuz-Begegnungen.»
In Europa, wo mit dem Christentum eine urbane, introvertierte Religion tonangebend war, begann man sich erst im Verlauf der neuzeitlichen Naturforschung für die Berge zu interessieren. Im Gefolge dieser Forschung und des beginnenden Alpinismus entstanden zuerst die Physikotheologie und später die Gipfelkreuz-Begegnung. Im Jubeljahr 1900 kam es unter Papst Leo XIII. zu einer legendären Initiative: Auf 19 italienischen Bergen sollten Gipfelkreuze errichtet werden, je eines für jedes Jahrhundert seit Christi Geburt.
Ist es eigentlich nicht logisch, dass Menschen früher das Höchste als das Höchste, also als das Göttliche ansehen? Beispiel: Himalaya.
Mathieu: Logisch vielleicht schon, aber praktisch nicht unbedingt. Denn der Himalaya ist als Gebirgsmassiv schwer in den Blick zu bekommen. Selbst der Everest ist aus dem indischen Tiefland fast nicht zu sehen.
«Das Phänomen vom Höchsten, das dem Göttlichen gleicht, ist schwer zu belegen.»
Ausserdem ist dieses Phänomen vom Höchsten, das dem Göttlichen gleicht, historisch schwer zu belegen. Selbstverständlich wird kulturwissenschaftlich oft davon ausgegangen, dass hohe Berge eine Nähe zu Gott symbolisieren. Aber aus Quellen ist schwer zu belegen, dass zum Beispiel die Zermatter in ihrem eindrücklichen Matterhorn ein göttliches Phänomen sahen.
Warum? Hatten die Zermatter zu wenig religiöse Fantasie?
Mathieu: Die Walliserinnen und Walliser, die ich kenne, sind sehr fantasievoll. Die Vorstellung von heiligen Bergen hat aber vor allem mit religiös-philosophischen Vorstellungen zu tun. Das sieht man in China, wo es viele Gottes- und Himmelsberge gibt. In den Alpen gibt es dagegen sehr wenige Gipfel mit einer Heiligen-Bezeichnung.
«Im Christentum gibt es zwar ‹heilige› Ortsnamen, aber keine ‹heiligen› Berge.»
Im Christentum geht es um die Gemeinschaft der Gläubigen und ihre Gebäude, sprich: die geweihten Kirchen. Deshalb gibt es zwar viele «heilige» Ortsnamen in den Alpen wie St. Moritz oder Pässe wie den Grossen Sankt Bernhard. Aber eben keine «heiligen» Gipfel.
Und was sagen Sie zum griechischen Olymp? Wohnten dort nicht die Götter?
Mathieu: Ich befasse mich mit der Neuzeit, also mit den letzten fünf Jahrhunderten. In dieser Periode haben wir viel genauere historische Quellen als für das Mittelalter und die Antike. Ja, in der Antike war der Olymp zweifellos ein heiliger Berg, aber später nicht mehr. Das Christentum hatte eine ganz andere Einstellung zur Sakralität. Erst im Neo-Klassizismus des 19. Jahrhunderts fand ein gewisses Revival statt. Die bildungsbeflissenen Bergsteiger lernten in der Schule die alten Sprachen und fühlten sich auf dem Gipfel manchmal wie die Götter auf dem Olymp. Heute würden sie ein Selfie machen.
Sie haben Ihr Buch «Mount Sacred» betitelt und schaffen damit quasi einen Symbolberg der Heiligkeit. Welche Eigenschaften muss ein heiliger Berg haben?
Mathieu: Eigentlich keine besonderen. Der Kailash, ein Modellberg der Heiligkeit (6800 Meter) in Westtibet, verfügt über eine auffällige Form – er ist sehr symmetrisch und harmonisch. Die Form könnte also eine gewisse Rolle spielen. Andererseits gibt es total zerklüftete Berge, die hochheilig sind.
«Heiligkeit ist eine Wahrnehmungssache.»
Wie gesagt, Heiligkeit ist eine Wahrnehmungssache. Es sind die daran beteiligen Akteure, die darüber entscheiden. Die Höhe und die Gestalt ihrer Favoriten müssen nicht unbedingt entscheidend sein.
Der Alpinismus ab dem 19. Jahrhundert hat dafür gesorgt, dass hohe Berge bezwungen und bestiegen wurden. Kann man sagen, dass durch die Besteigung eines Bergs seine Heiligkeit verschwindet, dass er entehrt wird?
Mathieu: In einigen asiatischen Gebieten gibt es Berge, die nicht bestiegen werden dürfen, weil es die Orte der Gottheiten sind, zum Beispiel der erwähnte Kailash. In Europa kann man dagegen sagen, dass der Alpinismus eher dazu beigetragen hat, den Bergen eine religiöse Bedeutung zu verleihen.
«Die Gemeinde ging mit ihrem Priester auf Berge Gottesdienste feiern.»
Als Antwort auf den materialistischen Hochleistungsalpinismus entstand ein «katholischer Alpinismus». Die ganze Gemeinde ging mit ihrem Priester auf ungefährliche Berge, um Gottesdienste zu feiern. Einige gingen dann trotzdem noch höher hinauf und sprachen ausdrücklich von der «Gottesnähe». 1902 ist beispielsweise ein Priester aus dem Aostatal mit einigen Gefährten aufs Matterhorn gestiegen und hat auf dem Gipfel eine Messe für seine kleine, schwindelfreie Gemeinde gelesen. Er hat das als wunderbares Erlebnis beschrieben.
Wiemit dem Mount Everest als höchstem Gipfel der Erde? Ist er trotz Massenbesteigungen nach wie vor ein heiliger Berg?
Mathieu: Traditionell gilt der Mount Everest im Buddhismus als nicht besonders heilig. Man weiss, dass Tensing Norgay, der 1953 als Sherpa mit dem Neuseeländer Edmund Hillary den Mount Everest als Erster bestiegen hat, auf dem Gipfel ein Gebet gesprochen und ein Opfer dargebracht hat – während Hillary Fotos gemacht hat. Aber das war kein zentraler religiöser Akt wie zum Beispiel eine Bergumrundung. Die Bedeutung der Höhe ist eine westliche Erfindung. In China sind die staatstragenden heiligen Berge «nur» zwischen 1300 und 2000 Meter hoch.
Sie beschreiben in Ihrem Buch, dass das Christentum erst spät auf den Geschmack der Sakralisierung der Berge gekommen ist. Ist der Akt christlicher Inbesitznahme der Alpen durch Gipfelkreuzsetzungen seit 1800 im Grunde nicht ein imperialistischer Frevel, da besitzergreifend und entweihend?
Mathieu: Das wird von vielen in der Tat so gesehen und gesagt. Es gibt Alpinisten, die sich unwohl fühlen mit der Vorstellung der Gipfelkreuze – allen voran der legendäre Reinhold Messner. Der stammt ja aus Südtirol, einem veritablen Epizentrum der Gipfelkreuzsetzungen.
«Seit den 1960er Jahren ist nicht mehr die katholische Kirche Impulsgeberin für Gipfelkreuzsetzungen.»
Andererseits muss man sehen, dass seit den 1960er Jahren nicht mehr die katholische Kirche als Impulsgeberin für Gipfelkreuzsetzungen aktiv ist, sondern vor allem private Vereine, Trachtengruppen, Berglaufvereine. Selbstverständlich bleibt in diesem säkularen Bereich eine gewisse Verbindung zur Kirche bestehen.
Sie sagen säkular. Welche Rolle spielen Berge denn heute in Zeiten von Umweltschutz und Globalisierung?
Mathieu: Ich denke, Berge spielen eine wichtige, und vielleicht zunehmend wichtige Rolle. Sie sind zum Beispiel eine Art Sensor und mahnender Finger, wenn es um die globale Klimaerwärmung geht. Stichwort: Gletscherschmelze. Nächstens haben wir über eine «Gletscherinitiative» abzustimmen, die das Bergsymbol für den allgemeinen Klimaschutz nutzbar macht.
*Jon Mathieu (70) ist emeritierter Geschichtsprofessor der Universität Luzern. Sein Buch «Mount Sacred. Eine kurze Globalgeschichte der heiligen Berge seit 1500» erscheint Ende Januar. Mathieu selbst ist begeisterter Bergwanderer.
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