Joseph Ratzinger wandelte Monica Morells Schlager ab: «Ich fange immer wieder sonntags an!»

Joseph Ratzinger wurde 1927 geboren – an einem Karsamstag. Jahrzehnte später predigte er an einem Karsamstag und liess sich von der Schweizer Schlagersängerin Monica Morell inspirieren. kath.ch veröffentlicht die Predigt in voller Länge.

Joseph Ratzinger*

«Zwischen Finsternis und Licht»: Karsamstag

In einem Schlager heisst es: «Ich fange nie mehr was an einem Sonntag an.» Das singt ein junges Mädchen, dessen Freund an einem Sonntag tödlich verunglückte. Hinter diesem Schlagertext steht eine Erfahrung, die viele Menschen gemacht haben. Da hat einer ein Kind verloren. Ein anderer musste Abschied nehmen von einem lieben Menschen. Ein Dritter verlor – vielleicht durch eine Scheidung – den Partner. Vielleicht ist das auch Ihre Erfahrung, liebe Hörerinnen und Hörer?

Dieser Abschied von dem, was einem lieb ist, verändert auch manchmal die Einstellung zum Leben. Das zeigt sich an unbedeutenden Dingen. Eine Frau trägt das Kleid nicht mehr, das der Ehemann so gerne sah. Ein Vater besucht den Urlaubsort nicht mehr, an dem er zuletzt mit seiner verunglückten Tochter war. Das Haus wird nicht vollendet, das man gemeinsam geplant und für das man gemeinsam gespart hatte. 

«Ich fange nie mehr was an einem Sonntag an.» In dem Schlagertext steht das Wort Sonntag für Harmonie, für Glück und für Freude. Das heisst, die Katastrophe kam zu einem Zeitpunkt, als man sie am wenigsten erwartete. Der Sonntag verlor seinen Glanz, als die Freude in Schmerz umschlug. Jetzt ist der Sonntag unerträglicher als der Alltag.

Der Schlager bleibt bei dieser wehmütigen, ja bitteren Stimmung stehen. Aber das Leben darf nicht dabei stehenbleiben. Manchmal trösten wir Trauernde mit der Feststellung: «Das Leben geht weiter». Der Satz mag zunächst unangebracht erscheinen, angesichts des Verlustes. Aber er enthält die einzig richtige Entscheidung, weil das Leben sie fordert.

Für den Glaubenden hat das aufmunternde «das Leben geht weiter» noch einen tieferen Sinn. Christen fangen ihre Woche bewusst am Sonntag an. Dahinter steckt keine gefühlsselige Sonntagsromantik. Im Gegenteil! Vor dem Sonntag der Christen stand ja auch die Erfahrung des Karfreitags.

Der Karfreitag nahm den Jüngern den Meister, tötete ihren Freund. Die Erfahrung das Karfreitags lähmte die Jünger Jesu ebenso wie manchen von uns das erfahrene Leid lähmt. Aber was sie aus ihrer Mutlosigkeit herausriss, war der Ostermorgen. Die Botschaft weckte, sie gab ihnen neue Lebenskraft: Er ist auferstanden! 

Dieses Osterereignis begriffen die ersten Christen als eine neue Schöpfungstat Gottes. Gott ruhte, so sagt die Bibel, am siebten Tag seines Schöpfungswerkes. In der Auferweckung seines Sohnes aber begann er von Neuem und schrieb wiederum einen ersten Tag in die Geschichte der Menschheit. So wichtig war den frühen Christen dieser erste Tag, dass sie ihn von nun an am Anfang jeder Woche feierten. So entstand der Sonntag. Darum kommen wir als Gemeinden bis heute zusammen, um das Wort Gottes zu hören und den Tod und die Auferstehung des Herrn zu feiern. 

Einmal im Jahr aber feiern wir den Sonntag aller Sonntage. Einmal im Jahr feiern wir Ostern. Viele Menschen nehmen in der Nacht zum Ostertag an der Auferstehungsliturgie teil. Die Menschen spüren, mit welcher Dramatik in diesem Gottesdienst der Kampf zwischen Finsternis und Licht, zwischen Resignation und Hoffnung, zwischen Tod und Leben dargestellt wird. Vielleicht ist es diese Erfahrung, die vor allem junge Menschen heute Nacht in die Klöster zieht, wo sie an der Liturgie der Osternacht teilnehmen. Wir erleben Jahr für Jahr wachsendes Interesse an dieser Art der Mitfeier. Vielleicht kommen die jungen Leute, weil sie, wie kaum eine Jugend zuvor, gefährdet sind von Resignation oder Rebellion. Aber zugleich spüren sie, dass Gott nach ihnen greift, und dass das Grosse und Wunderbare, das sich als neue Schöpfung in der Auferstehung Jesu ankündigt, auch als neue Schöpfung ihr Leben betrifft.

Aber nicht nur junge Leute, sondern jeder von uns darf hoffen, dass das Leben weitergeht, ja, dass es eigentlich erst auf uns zukommt.  In dieser Osterhoffnung bekennt die Gemeinschaft der Glaubenden: «Ich fange immer wieder sonntags an!» Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Osterfest!

* Diese Predigt ist folgender Publikation entnommen: Joseph Ratzinger, Gesammelte Schriften, Band 14.1, Predigten. Homilien – Ansprachen – Meditationen. Erster Teilband, ISBN: 978-3-451-38114-0, Herder-Verlag. Als Schweizer Medium geben wir Ratzingers «ß» mit «ss» wieder. (rr)


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

https://www.kath.ch/newsd/joseph-ratzinger-wandelte-monica-morells-schlager-ab-ich-fange-immer-wieder-sonntags-an/