Peter Henrici: Benedikt XVI. wollte Hans Küng rehabilitieren – doch Küng wollte nicht widerrufen

Die Professoren Joseph Ratzinger und Peter Henrici kannten und schätzten einander. Ein Gespräch über gemeinsame Begegnungen, Hans Küng – und Henricis Intervention bei Papst Franziskus für einen guten Bischof in Chur.

Regula Pfeifer

Wann haben Sie Joseph Ratzinger kennen gelernt?

Weihbischof Peter Henrici*: Ich habe ihn während des Zweiten Vatikanischen Konzils in Rom kennen gelernt. Da kam er ab und zu ins Kollegium Germanicum, wo ich wohnte. Ich kannte damals bereits seinen Bruder. Georg Ratzinger war Leiter der Regensburger Domspatzen und hatte in den Ferien am Germanicum Stimmbildung gelehrt.

Blieben Sie in Kontakt mit dem späteren Papst Benedikt XVI.?

Henrici: Ja, mehr oder weniger. Als ich in Regensburg eine Gastvorlesung hielt, kam er zum Zuhören. Und in Rom habe ich ihn später ab und zu getroffen, vor allem wegen Angelegenheiten der Glaubenskongregation, als er diese als Präfekt leitete. Als er nach Rom kam, bat er mich, sein Nachfolger in der Herausgeberschaft der Zeitschrift Communio zu sein. So kannte ich ihn recht gut.

Wie war Joseph Ratzinger als Mensch?

Henrici: Er war sehr umgänglich und gleichzeitig zurückhaltend. Es war für mich kein Problem, mit ihm in Kontakt zu kommen – auch als er Kardinal und später Papst war. Dazu habe ich eine Anekdote.

«Benedikt sagte: ‘Wir haben uns schon lange nicht mehr gesehen. Wie geht es?'»

Bitte erzählen Sie die Anekdote!

Henrici: Die Medienbischöfe wurden nach ihrer jährlichen Sitzung Papst Benedikt XVI. vorgestellt. Auch ich war dabei. Erzbischof Foley wollte mich dem Papst vorstellen. Da sagte dieser: «Wir haben uns schon lange nicht mehr gesehen. Wie geht es?»

Wann haben Sie Benedikt XVI. zum letzten Mal persönlich gesehen?

Henrici: Als er emeritiert war, habe ich ihn einmal besucht in seinem Klösterchen. Er war körperlich schwach, aber geistig sehr wach. Wir sprachen über die Zeitschrift Communio und über andere Dinge, an die ich mich nicht mehr erinnere. Es war ein sehr nettes Gespräch. So nahe wie damals war ich nie bei einem Papst.

Auch nicht bei Papst Franziskus?

Henrici: Meine Beziehung zu Papst Franziskus ist nicht eng. Wir kannten uns nicht von früher. Aber ich habe einmal eine längere Privataudienz bei ihm gehabt, bei der es um die Nachfolge von Bischof Huonder ging. Die war noch schwieriger als seinerzeit die Nachfolge von Bischof Wolfgang Haas. Ich habe dem Papst erzählt, was viele Katholikinnen und Katholiken im Bistum Chur sich wünschen. 

Wann war das?

Henrici: Es war recht lange bevor der Papst Joseph Maria Bonnemain im Februar 2021 zum Bischof von Chur ernannt hat.

Zurück zu Joseph Ratzinger: Was schätzen Sie an seiner Theologie?

Henrici: Er war ein sehr guter Theologe, einer der besten am Zweiten Vatikanischen Konzil. Seine Theologie war historisch begründet. Sie fusste auf der Lehre der Kirchenväter Augustinus und Bonaventura. Er argumentierte weniger aristotelisch und formallogisch, als vielmehr vom Herzen und vom Menschen her.

«Als Präfekt der Glaubenskongregation hat Ratzinger mehrfach Schlimmeres verhindert.»

War Ratzinger oder Papst Benedikt XVI. schon immer traditionalistisch? Wenn nicht, wann schwenkte er um?

Henrici: Er war konservativ, das ist jeder gute Theologe und Bischof. Obwohl er sich auf die Tradition berief, vertrat Ratzinger eine sehr offene Theologie. Als Präfekt der Glaubenskongregation hat er mehrfach Schlimmeres verhindert.

Was hat er verhindert?

Henrici: Mehrmals, wenn eine unglückliche Entscheidung der Glaubenskongregation bevorstand, sagte er: «Das müssen wir noch einmal überdenken.» So berief er eine neue Kommission ein mit Theologen ausserhalb der Glaubenskongregation. So kam es zu besseren Entscheidungen.

Waren Sie 1988 in Luzern, als Ratzinger die Predigt für den verstorbenen Fast-Kardinal Hans Urs von Balthasar hielt?

Henrici: Ja, natürlich war ich dabei. Joseph Ratzinger und Hans Urs von Balthasar waren gute Freunde. Sie verstanden sich gut, auch theologisch. Sie arbeiteten eng zusammen. 1972 haben sie – mit weiteren Theologen – die Internationale katholische Zeitschrift Communio gegründet, eine Zeitschrift für katholische Theologie. Und als Balthasar – sehr widerwillig – hätte Kardinal werden sollen, sagte ihm Ratzinger, er könne die Kardinalsgarderobe jeweils bei ihm deponieren, wenn er nach Basel reise. Von Balthasar starb dann allerdings kurz vor seiner Kardinalsernennung.

Wie hat sich Ratzinger gegenüber Hans Küng verhalten?

Henrici: Darüber weiss ich nicht viel. Die beiden kannten sich als Kollegen in Tübingen recht gut und trafen sich regelmässig. Darüber gibt es sogar ein Buch. Es war aber ein schwieriges Verhältnis, vor allem wegen Hans Küng. Benedikt XVI. hat Küng angeboten, ihn zu rehabilitieren, wenn er ein paar Aussagen widerrufen würde. Das wollte Küng nicht. Beide sind am Konzil als zwei der jüngsten Theologen tätig gewesen. Küng trat dabei laut nach aussen auf, Ratzinger hingegen hielt sich zurück, war still.

Wie stark hat Ratzinger bei Bischofsernennungen mitgewirkt, etwa in Chur und in Vaduz?

Henrici: Das kann ich nicht sagen. Ich weiss nicht, ob er sich bei der Ernennung von Wolfgang Haas zum Bischof von Chur oder zum Erzbischof von Vaduz persönlich eingebracht hat. Bei jeder Bischofsernennung muss die Glaubenskongregation konsultiert werden, aber nicht der Präfekt. Für meine eigene Ernennung zum Weihbischof hat er mich Monate vorher zum Konsultor der Glaubenskongregation ernannt. Damit fiel alle weitere Untersuchung dahin.

«Ratzinger und ich haben uns gut verstanden.»

Haben Sie mit Ratzinger über Bischof Wolfgang Haas gesprochen? 

Henrici: Ich denke ja, weiss es aber nicht mehr genau. Als ich Weihbischof und Generalvikar in Zürich war, kam ich alle paar Monate nach Rom und redete mit den Leuten. Ratzinger und ich haben uns gut verstanden – wir waren uns auf der geistlichen Linie sehr einig. 

Unbestritten ist: Der Rücktritt von Benedikt XVI. war historisch. 

Henrici: Sein Rücktritt war sicher historisch, aber nicht unerwartet. Ich habe das von ihm erwartet. Er hatte das Dokument vorbereitet, das die Nachfolge des Papstes regelt. Darin liest man fünf Mal: Das gilt auch, wenn der Papst noch am Leben ist. Das zeigt, dass Ratzinger immer damit gerechnet hat, dass ein Papst zurücktreten kann. 

Das tat er dann auch.

Henrici: Ja, und zwar zum richtigen Zeitpunkt. Als er sah, dass er nicht mehr genug Kraft hatte, die Osterfeier zu leiten, gab er im Februar 2013 rechtzeitig den Rücktritt bekannt. So konnte noch ein neuer Papst gewählt werden, der das übernahm.

Er lebte dann im Kloster «Mater Ecclesiae».

Henrici: Er selbst wäre gern zurückgekehrt nach Bayern. Diesen Wunsch hatte er lange vorher schon, er litt, dass er nicht zurückkehren konnte. Er war ein begeisterter Bayer, der Freude hatte, wenn ihm Leute aus seiner Heimat Bier mitbrachten und bayerische Lieder sangen. Ich glaube aber, es war gut, dass er schliesslich im Vatikan blieb.

«Als Erzbischof von München war Joseph Ratzinger gar nicht so beliebt.»

Weshalb?

Henrici: Im Vatikan ist der Zugang zu ihm überwacht – unter anderem durch die Schweizergarde. Da braucht es einen Antrag, um ihn besuchen zu können. In Bayern hätte jedermann Zutritt zu ihm gehabt. Da wäre er wahrscheinlich zwischen die Fronten der unterschiedlichen theologischen Meinungen geraten. Hinzu kommt: Als Erzbischof von München war er gar nicht so beliebt.

Sie galten als Weihbischof in Zürich als grosser Freund der Ökumene. Hatten Sie deswegen mal Ärger mit Ratzinger?

Henrici: Nein. Einzig der Ökumenebrief, den ich mit dem reformierten Pfarrer Ruedi Reich geschrieben und veröffentlicht hatte, verursachte Schwierigkeiten. Brave Katholiken meldeten nach Rom, dass das nicht mehr katholisch sei. Darauf liess mich Joseph Ratzinger zu sich kommen. Er hörte mich an und forderte mich auf, einen Artikel über das katholische Verständnis von Eucharistie zu veröffentlichen. Das hatte ich bereits getan, damit war alles in Ordnung.

«Niemand soll gedankenlos zur Kommunion oder zum Abendmahl gehen, ohne sich vorher zu überlegen, ob das in Sinne seiner eigenen Konfession richtig ist.»

Was war das für ein Ökumenebrief?

Henrici: Damals wünschten einige Frauen in unseren Kirchen die allgemeine Kommuniongemeinschaft. Pfarrer Reich wusste, dass das für uns Katholiken nicht möglich ist. Darum schrieben wir zusammen einen Brief über das ökumenische Verhalten zwischen den christlichen Kirchen. Er musste am Schluss natürlich auch eine kurze Passage über die Kommunion enthalten. Gemeinsam sagten wir: «Niemand soll gedankenlos zur Kommunion oder zum Abendmahl gehen, ohne sich vorher zu überlegen, ob das in Sinne seiner eigenen Konfession richtig ist.» 

Was wissen Sie noch über Joseph Ratzinger?

Henrici: Er war sehr musikalisch. Solange er bei guter Gesundheit war, spielte er abends am Klavier oft ein Stück von Mozart. Das habe ich indirekt erfahren, ich war leider nie dabei.

* Der Jesuit Peter Henrici (94) lehrte von 1960 bis 1993 Philosophiegeschichte an der Gregoriana in Rom. Zusammen mit Paul Vollmar wurde er 1993 von Papst Johannes Paul II. zum Weihbischof ernannt, um das Bistum Chur zu befrieden.

Zuletzt ist von Peter Henrici das Buch erschienen «Rückblick – Ereignisse und Erlebnisse. Ein Interview mit Urban Fink». Darin schildert Henrici unter anderem, wie Wolfgang Haas am Churer Domkapitel vorbei Bischof werden konnte: Der Churer Bischof Johannes Vonderach wollte unbedingt Wolfgang Haas als Nachfolger. Laut Henrici bezahlte Vonderach die Spitalrechnungen von Kardinal Andrzej Maria Deskur, der sich in Zürich behandeln liess. Im Gegenzug überzeugte Deskur seinen Landsmann Papst Johannes Paul II., Wolfgang Haas zum Weihbischof mit Nachfolgerecht zu ernennen.


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