Antonio Hautle (61) ist Ehemann, vierfacher Vater und Manager. Vor 33 Jahren hatte er andere Pläne: Kardinal Joseph Ratzinger weihte ihn mit weiteren Germanikern wie Agnell Rickenmann zum Priester. Fünf Jahre später zeigte sich der vermeintliche Panzerkardinal sehr pastoral: Er half Hautle bei der Laisierung.
Boris Burkhardt
«Ich trage Joseph Ratzinger im Gebet. Ich glaube, dass er das auch umgekehrt mit mir getan hat», sagt Antonio Hautle. Der ehemalige Priester des Bistums Basel und heutige Wirtschaftsethiker hat eine ganz persönliche Beziehung zum emeritierten Papst Benedikt XVI., der am Silvestermorgen um 9.34 Uhr verstorben ist.
Joseph Ratzinger war 1989 Kardinal und Präfekt der Glaubenskongregation. Er weihte Hautle und weitere Germaniker zum Priester. Und er begleitete Hautle bei seinem Entscheid fünf Jahre später, das Priesteramt für eine Frau und Familie aufzugeben: «Ich habe ihn als Seelsorger erlebt, der immer guten Willens gewesen ist.»
Hautle stammt aus Belp BE und war später zwölf Jahre lang Direktor des Hilfswerks Fastenopfer. Er kennt zwei Gesichter Ratzingers. Zum einen jenes des Panzerkardinals und des konservativen Papstes, in dessen Pontifikat es keinen Fortschritt gab, dafür Rückschritte, etwa mit Blick auf die Alte Messe.
Hautle findet, der deutsche Papst sei in der Schweiz noch kritischer betrachtet worden als in seinem Heimatland – auch wegen des Streits mit Hans Küng. «Als Dogmatiker erlebte ich Joseph Ratzinger als sehr linientreu und konservativ», sagt Hautle. Dabei sei die Kirche nur glaubwürdig, wenn sie nahe bei den Menschen sei. Das habe Benedikt XVI. nicht geschafft. Er sei immer Professor geblieben: «Für mich war er ein Übergangspapst.»
Dennoch habe er Joseph Ratzinger und später Benedikt XVI. immer «wohlwollend-kritisch» begleitet. Denn das andere Gesicht zeigte Ratzinger Hautle auf überraschende und sehr persönliche Weise. Denn zunächst lehnte Papst Johannes Paul II. Hautles Wunsch ab, von seinen Ämtern und Pflichten als Priester entbunden zu werden. Daraufhin schreib Hautle einen sehr persönlichen Brief an den Bischof, der ihn zum Priester geweiht hatte: Joseph Ratzinger.
«Ich befand mich in einer massiven Lebenskrise und schrieb ihm, weil mir sein Rat ein Bedürfnis war», sagt Hautle. Er habe mit einer «dogmatischen Antwort» gerechnet. Doch sei er positiv überrascht worden von der «sehr persönlichen, sehr menschlichen, sehr unterstützenden» Reaktion Ratzingers: «Er kam mir sehr menschlich entgegen.»
Ratzingers Antwort habe ihn mit der Kirche versöhnt und massgeblich dazu beigetragen, dass er nicht mit ihr gebrochen habe. Beide hätten danach den Kontakt aufrechterhalten: «Er schickte stets eine Postkarte aus seinem Sommerurlaub in Österreich und gratulierte uns zur Geburt jedes unserer vier Kinder.» Anfang der Nullerjahre hätten er und Ratzinger sich in Lugano noch einmal persönlich getroffen.
Der Kontakt sei erst mit Ratzingers Wahl zum Papst abgebrochen, erzählt Hautle: «Danach kam nur eine Standardantwort seines Sekretariats zurück.» Auch, als Ratzinger emeritiert sei, habe er noch einmal erfolglos geschrieben. Hautle hat dafür aber Verständnis: «Schliesslich ging es ihm damals nicht gut.»
Dass er von Joseph Ratzinger zum Priester geweiht wurde, sei Zufall gewesen, sagt Hautle. Er studierte im traditionsreichen Germanicum in Rom. Und hier ist Tradition, dass ein deutschsprachiger Bischof die Studenten zu Priestern weiht. Bei Antonio Hautle und seinem Basler Mitbruder Agnell Rickenmann war das 1989 Joseph Ratzinger.
Ratzinger habe damals einmal im Jahr einen Vortrag im Germanicum gehalten. Der Kontakt sei nur sporadisch geblieben: «Dogmatik war nicht mein Fachgebiet.» Hautle lernte den konservativen Neoscholastiker Ratzinger vor allem als Disputationsgegner seiner eigenen theologischen Vorbilder kennen: Hans Urs von Balthasar, Karl Rahner, Carlo Maria Martini und Hans Küng.
Hautle ist überzeugt: Ratzingers grösste Hinterlassenschaft als Papst sei sein Mut gewesen, zurückzutreten. Das meint er weniger böse, als es vielleicht klingen mag: «Er hat das überhöhte Papstbild aufgebrochen, der bis zum Tod im Amt ausharren muss.» Ratzinger habe damit dem Papsttum gedient: «Es wird nun als Amt wahrgenommen, das ein Mensch ausfüllt.»
Ratzinger habe mit seinem Rücktritt als erster Papst seit dem Mittelalter diesen Weg für seine Nachfolger eröffnet. Die Leiden von Ratzingers Vorgänger Johannes Paul II. habe er am Schluss kaum noch mit ansehen könnten, sagt Hautle über sich selbst. Er ist sich deshalb sicher, dass auch Franziskus von dieser Möglichkeit Gebrauch machen wird, «wenn er spürt, dass es nicht mehr geht».
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