Putins Angriff auf die Ukraine dauert länger als gedacht. Umso toxischer wird die Propaganda. So ist vom Kampf gegen Homosexualität die Rede. Andere sehen die ukrainische Regierung als «Haufen von Wahnsinnigen und Drogensüchtigen». In Kiew herrsche «Satan, Luzifer oder Iblis».
«Mit der aberwitzigen Rechtfertigung des Krieges als Kampfes gegen Homosexualität und andere Perversionen folgt Putin dem Patriarchen, der schon am 6. März erklärt hatte, der Konflikt in der Ukraine habe metaphysische Bedeutung als Kampf für die göttliche Wahrheit und gegen die Sünde. Russland müsse den leidenden Glaubensbrüdern in der Ukraine zu Hilfe kommen, weil der Westen die Menschen im Donbass zur Sünde zwingen wolle und von ihnen die Tolerierung von Homosexualität und die Abhaltung von Gay-Paraden verlange.
Passend dazu unterzeichnete der Präsident am 5. Dezember ein Gesetz, welches die positive Darstellung von Homosexualität in der Literatu/r, der Kunst und den Medien generell unter Strafe stellt. Bei der Anhörung zu dem Gesetzentwurf in der Staatsduma hatte der russisch-orthodoxe Erzpriester Andrej Tkatschow, der aus der Ukraine stammt, das Gesetz als Voraussetzung für den Sieg Russlands bezeichnet. Gott schenke den Sieg nur denen, die seiner moralisch würdig seien.
Der von Putin gegen den Westen gerichtete Vorwurf des Satanismus war schon im April von dem russischen Ultranationalisten Alexander Dugin zur Rechtfertigung des Krieges in der Ukraine benutzt worden. In einem Artikel bezeichnete Dugin den Krieg in der Ukraine als Auseinandersetzung zwischen «geistigen Wirklichkeiten». Entweder die Ukraine komme wieder «unter die Herrschaft Christi und seiner unbefleckten Mutter, oder sie wird unter der Herrschaft Satans bleiben», so Dugin. Mit dem Kampf in der Ukraine habe die grosse endzeitliche Schlacht zwischen der «Orthodoxen Zivilisation» und «der Welt des westlichen Antichrists» begonnen. Auf die Pest der Corona-Pandemie folge nun der zweite apokalyptische Reiter – der Krieg. Nicht Russland brauche die Ukraine, wohl aber Christus.
Fanden Dugins Endzeitphantasien zunächst kein grosses Echo, so änderte sich dies nach Putins Anprangerung des angeblichen «Satanismus» des Westens. Zu den Kriegszielen der Entnazifizierung und Entmilitarisierung der Ukraine kam in der russischen Propaganda nun auch das der «Entsatanisierung». Als Erster forderte dies das Oberhaupt der Republik Tschetschenien, Ramsan Kadyrow. Aber auch Alexej Pawlow, der stellvertretende Sekretär des Russischen Sicherheitsrates, behauptete, die satanischen Kulte nähmen in der Ukraine überhand und Russland müsse die Ukraine «entsatanisieren».
Schon der Umsturz in der Ukraine 2014 sei ein Werk neuheidnischer Kräfte gewesen. Und Ex-Präsident Dmitrij Medwedjew, der sich seit geraumer Zeit als der radikalste Kremlvertreter zu profilieren sucht, beschimpfte am 4. November, dem russischen «Tag der Einheit des Volkes», die ukrainische Regierung als einen «Haufen von Wahnsinnigen und Drogensüchtigen» und erklärte, es sei die Aufgabe Russlands, in der Ukraine den obersten Herrscher der Hölle zu stoppen, egal welchen Namen er trage – «Satan, Luzifer oder Iblis». Anfang Dezember wurde im russischen Staatsfernsehen allen Ernstes diskutiert, ob Selenskyj selbst der Antichrist sei oder nur einer seiner Dämonen.»
Reinhard Flogaus (57) lehrt Kirchengeschichte mit dem Schwerpunkt Ostkirchenkunde an der Humboldt-Universität zu Berlin. In einem Gastbeitrag für die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» (27. Dezember) analysiert er die religiöse Kriegspropaganda in Russland. (rr)
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https://www.kath.ch/newsd/satan-luzifer-oder-iblis-moskaus-toxische-propaganda/