Vor 100 Jahren erblickte die Sowjetunion das Licht der Welt. Der Staat, den Ronald Reagan und andere US-Politiker noch Anfang der 80er-Jahre als «Imperium des Bösen» bezeichneten, ist längst von der Landkarte verschwunden. Trotzdem geistert die einstige kommunistische Weltmacht wie ein Untoter durch die Krisen und Kriege der Gegenwart, wie der Bonner Osteuropa-Historiker Martin Aust erläutert.
Joachim Heinz
Herr Professor Aust, lassen Sie uns die Sache von ihrem Ende her betrachten. Russlands Präsident Wladimir Putin hält den Untergang der Sowjetunion vor gut 20 Jahren für ein grosses Unglück. Was will er uns damit sagen?
Martin Aust: Diese Interpretation geht zurück auf eine Rede Putins vor der Föderalen Versammlung Russlands im Jahr 2005. Damals nannte er den Untergang der Sowjetunion die «grösste geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts». Sein Bezugsrahmen war vor allem die russische Geschichte. Denn als 1991 die Sowjetunion zerfiel, fanden sich die in den 14 nichtrussischen Nachfolgestaaten lebenden Russen gleichsam über Nacht in einem anderen Land wieder. Davon abgesehen spielt die Sowjetunion natürlich eine Rolle in der Erinnerung beim Sieg über Hitler-Deutschland. Allerdings denkt Putin eher in den Kategorien des alten Zarenreichs.
Woran machen Sie das fest?
Aust: Kurz vor dem erneuten Überfall auf die Ukraine hielt Putin am 21. Februar eine TV-Ansprache. Darin bezeichnete er es als einen Fehler, dass man nach dem Ersten Weltkrieg an den Rändern des ehemaligen Reichs die Bildung von Nationen zugelassen habe. Konkret meinte er damit Staaten wie Finnland, Lettland, Litauen und Estland sowie Belarus, die Ukraine und Georgien.
«Putin hat Angst vor der Ansteckungsgefahr, die von diesem demokratischen Selbstbehauptungsprozess in der Ukraine auf sein eigenes Land ausgehen könnte.»
Welche Rolle spielt ganz aktuell Putins Blick auf die Geschichte im Ukraine-Krieg?
Aust: Eine immer grössere. Grundsätzlich sehe ich drei Ursachen für den russischen Überfall. Der erste liegt im Maidan 2004 und den 2013/14 erneut aufgeflammten Demonstrationen für einen demokratischen Wandel in der Ukraine. Damals konnte man erleben, wie sich die Zivilgesellschaft gegen eine autoritäre Herrschaft zur Wehr setzte. Putin hat Angst vor der Ansteckungsgefahr, die von diesem demokratischen Selbstbehauptungsprozess in der Ukraine auf sein eigenes Land ausgehen könnte.
Und das zweite Motiv …?
Aust: … ist ein technokratisch-ökonomisches. Putin wollte, dass die Ukraine der Eurasischen Wirtschaftsunion beitritt – zu einem Zeitpunkt, als sich das Land in Verhandlungen über ein Assoziierungsabkommen mit der EU befand. Das führte zu Friktionen. Inzwischen scheint mir aber Putins Blick auf die Geschichte die Oberhand zu gewinnen. Der Präsident ist von einer historischen Mission getrieben und macht sich die Argumente russischer Nationalisten zu eigen.
«Die Ukraine ist kein eigener Staat, aber ein integraler Bestandteil der russischen Nation und wichtiger Baustein für das russische Imperium.»
Die da lauten?
Aust: Die Ukraine ist kein eigener Staat, aber ein integraler Bestandteil der russischen Nation und wichtiger Baustein für das russische Imperium.
Wagen wir einen Sprung zurück ins Jahr 1922 – wie lässt sich die Ausgangslage bei Gründung der Sowjetunion zusammenfassen?
Aust: Lenin und die Bolschewiki waren zur sogenannten Oktoberrevolution 1917 mit dem Anspruch angetreten, eine Weltrevolution zu entfesseln. Anfangs gab es durchaus Anzeichen für eine Fortsetzung zumindest in Europa. Die Aufstände in Deutschland am Ende des Ersten Weltkriegs gehörten dazu, ebenso wie die Münchner Räterepublik oder auch die ungarische Räterepublik. Aber spätestens 1921 zeichnete sich ab, dass aus einer Weltrevolution nichts werden würde. Die Bolschewiki standen vor der Frage: Wie verhält sich Russland dazu?
«Letzten Endes verbündeten sich die Bolschewiki mit nationalistischen Kräften, um ihre eigenen Machtansprüche durchzusetzen.»
Wie lautete die Antwort?
Aust: Letzten Endes verbündeten sich die Bolschewiki mit nationalistischen Kräften, um ihre eigenen Machtansprüche durchzusetzen und ihre Gegner, die «Weissen», in die Ecke zu drängen.
Gibt es einen Grund, warum ausgerechnet am 30. Dezember 1922, also kurz vor Jahreswechsel, die Sowjetunion aus der Taufe gehoben wurde?
Aust: Es handelte sich um einen rein formalen Akt. Die Phase des Bürgerkriegs war vorbei – die Bolschewiki hatten Zeit, die Verhältnisse neu zu ordnen.
«Die Revolution der Bolschewiki war ideologisch getrieben. Daraus ergab sich die antikirchliche Propaganda und die Verfolgung von Geistlichen in den 1920er-Jahren.»
Damals stand die orthodoxe Kirche im Abseits – heute scheint sie im Zentrum der Macht zu stehen. Was ist da passiert?
Aust: Die Revolution der Bolschewiki war ideologisch getrieben. Daraus ergab sich die antikirchliche Propaganda und die Verfolgung von Geistlichen in den 1920er-Jahren.
«Das sieht man schon allein daran, wie viel Mühe darauf verwendet wird, die teuren Armbanduhren am Handgelenk von Patriarch Kyrill per Photoshop zu entfernen.»
Heute…
Aust: … ist die russisch-orthodoxe Kirche als staats- und herrschaftstragende Institution zurückgekehrt an die Schaltstellen der Macht. Zugleich sind ihre führenden Protagonisten Teil der gigantischen Reichtumsumverteilungs- und Aneignungsmaschinerie im System Putin geworden. Das sieht man schon allein daran, wie viel Mühe darauf verwendet wird, die teuren Armbanduhren am Handgelenk von Patriarch Kyrill per Photoshop zu entfernen.
Sucht aber nicht die ukrainische-orthodoxe Kirche, wenngleich unter anderen Vorzeichen, auch die Nähe zur Macht?
Aust: Nein. Das zeigte sich etwa bei den Euro-Maidan-Protesten 2013. Da öffnete das orthodoxe Michaelskloster in Kiew seine Pforten für die Demonstranten. In der Ukraine versteht sich die Kirche als Teil einer pluralistischen Gesellschaft. (kna)
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant