Weihnachten ist für den reformierten Pfarrer Beat Allemand «das Fest der Gemeinschaft». Konkret: «Ein Lebensschimmer in der Dunkelheit.» Seine Nichte Elin hilft ihm, dem Geheimnis von Weihnachten näher zu kommen.
Beat Allemand*
Ich mag es, an den Schaufenstern in den Lauben Berns vorüberzugehen. Manchmal denke ich, der hat immer dasselbe Durcheinander in seinen Fenstern, jahraus, jahrein… Oder: Das ist gut präsentiert, nicht so überladen, und die hier, die gibt sich Mühe, immer wieder etwas anderes…
Der Bücherladen in der Münstergasse zum Beispiel, der hat stets ein anziehendes Schaufenster, weiter oben frische Blumen, Schmuck, schöne Kleider. Eine alte Frau erzählt mir, dass ihre Grosseltern früher sonntags jeweils in die Stadt gegangen waren, die Schaufenster anzuschauen, die Kunst des Ausstellens zu beurteilen, nicht eigentlich die Waren. Aber ich habe auch Freude an Waren, besonders an schönen Dingen.
Wenn ich im Dezember anfange, mir Gedanken zu machen, wem ich an Weihnachten ein Geschenk machen will, dann ist Weihnachten nicht mehr fern. Ich finde es schön, sich ein bisschen in Familienmitglieder, in den Freund oder die Freundin hineinzufinden, in diesem Wunsch, eine Verbindung herzustellen, und vielleicht leuchtet etwas auf, das man einen Funken Liebe nennen könnte. Vielleicht ist das Weihnachten? Kinder, die werden so reich beschenkt, dass sie am Weihnachtsabend zwischen ihren Päckchen und dem zerrissenen Weihnachtspapier ganz verloren dasitzen, gerührt betrachtet von Erwachsenen.
Ja, Weihnachten ist schon was. Aber was? Vielleicht ist es der grosse Vorteil von Weihnachten, dass der gewöhnliche Ablauf, das normale Geschäft einmal unterbrochen ist. Ich habe das Glück, an Weihnachten daran erinnert zu werden, auf sehr einfache Weise: von der kleinen Tochter meines Bruders. Ich muss von ihr erzählen. Elin heisst sie und ist gerade so alt, dass sie schon ganze Sätze mal flüsternd und mal schreiend hervorbringen kann.
Jedes Mal, wenn sie mich sieht, setzt sie sich blitzschnell in Bewegung und begrüsst mich mit einem kleinen Wortschwall. Doch dann wird sie still, und wir schauen uns beide freundlich an und freuen uns einfach daran, dass wir da sind. Danach nimmt das Weihnachtsfest seinen üblichen Verlauf, mitunter auch mit Ärger. Doch die Freude am Dasein dieser kleinen Person läuft mit und macht mich froh.
Der Schinken schmeckt hervorragend. Dazu gibt es Kartoffelsalat. Als Dessert Weihnachtsgebäck. Mailänderli, Brunsli und Änisbrötli. Nach dem Essen zündet mein Vater die Kerzen in der Stube an. Engelshaar, Lametta, die roten Kugeln glänzen. Ein geschmückter Tannenbaum, mitten im kalten Winter, wohl zu der halben Nacht. Wie altertümlich, wie unglaublich schön.
Am Heiligabend besuchen wir die Christnachtfeier im Münster. Während wir zum Münster gehen, taucht in mir der Ärger über erlebte Lieblosigkeit in den letzten Wochen wieder auf. Es ist ja nicht so, dass es in der Weihnachtszeit keinen Ärger oder Streit gibt. Ach, vielleicht ist es nur Gedankenlosigkeit. Beim Haupteingang begrüsst mich der Sigrist. Im schwarzroten Rock, in den Farben unserer Stadt, schliesst er mit dem grossen Schlüssel wie ein Petrus den Wartenden draussen die Tür auf.
Vor den Fenstern des Münsters die Nacht. Im Raum Wärme und Licht. Alte Menschen kommen herein, suchen mit traurigen Augen nach einem Platz. Kinder tänzeln zwischen den Eltern, drängen nach vorn. Und wieder geht die Tür auf, lässt einen Schwall des Geläutes und mehr Menschen herein. Sie füllen die Bänke.
Trotzdem kein Geschwätz wie im Konzertsaal vor dem Beginn. Als wären hier alle gekommen wegen der Ruhe. Als wäre die Stille ein kostbares Gut, das in der Stadt sonst nirgends zu haben ist. Die Glocken verklingen, die Orgel setzt ein. Der Chor singt, die Pfarrerin liest den Text, legt ihn aus. Es geht um Gemeinschaft in unserer polarisierten, krisengeschüttelten Welt.
Beim Gemeindelied höre ich den Gesang der Frau, die Schulter an Schulter neben mir sitzt und mit ihrem Partner noch immer nach der Nummer im Gesangbuch blättert. Ich sehe von ihr nur die Hand mit den roten Nägeln, den Mantel und die Stiefel. Wollte ich ihr Gesicht erkennen, bräuchte es eine aufdringlich neugierige Wendung meines Kopfes.
Merkwürdig, denke ich, so nah sitzen wir nebeneinander, hören und singen denselben Text, dieselbe Auslegung, unsere Gedanken werden in dieselbe Richtung gezogen, aber während ich wohl ahne, was meine Familie an meiner linken Seite empfindet, weiss ich von der Nachbarin an meiner rechten nichts.
Bald werden wir aufstehen und auseinander gehen, wie man das nach einer Fahrt im Tram oder Bus tut. Nach dem letzten Orgelspiel stehe ich auf und verabschiede mich flüchtig von der Unbekannten. Dabei sehe ich ihr Gesicht, ihre Augen. Aus diesen Augen strömt mir eine Freundlichkeit entgegen. Ich bin berührt. Ist es nicht so, dass das Wort «Gemeinschaft» für jeden eine Geschichte umschliesst? Eine Geschichte von tiefen Erfahrungen, schönen, aber auch schweren; von Erfüllung und Enttäuschung zugleich?
Kurz vor Mitternacht gehen wir nach Hause. Beim Zytglogge hören wir Musik. «Stille Nacht», gespielt von einer Kapelle der Heilsarmee. Wir bleiben stehen und lauschen. Leise singe ich mit: «Alles schläft, einsam wacht. Nur das traute hoch heilige Paar…» Ich merke, wie ich gerührt bin.
In Gedanken verloren schlendern wir quer über die Gasse in die andere Laube, Richtung Bahnhof. Hin und wieder schauen wir in ein Schaufenster. Die Läden und Restaurants haben längst geschlossen. Auf der Gasse treffen wir immer noch auf Menschen. Wahrscheinlich auch traurige Menschen, die sich nicht heimzugehen trauen und am Bahnhof noch einen letzten Schnaps zur Stärkung nehmen.
Vielleicht auch verlassene Menschen, die nirgends dazugehören. Jeder weiss, die Stunden des 24. Dezember sind die prekärsten im ganzen Jahr, Schönheit und Traurigkeit liegen so eng beisammen wie nirgends sonst. Das Wort «Gemeinschaft» aus der Predigt kommt mir in den Sinn. Gemeinschaft ist ein Projekt. Das erledigt sich nicht an einem Tag, das braucht seine Zeit. Manchmal wird man mit Gemeinschaft beschenkt, ohne dass man weiss, wie einem geschieht.
Weihnachten: das Fest der Gemeinschaft. Ein Lebensschimmer in der Dunkelheit. So hat die Geschichte in Bethlehem angefangen – in der Kälte einer Nacht und mit dem Gesicht eines Kindes. Das war keine grosse Geschichte damals. Das war ein leises Geschenk.
Und als das Kind gross geworden war und unterwegs war in seinem Land zu seinen Menschen, hat er niemanden überredet, verführt, auf die Knie gezwungen. Er hat auf die Menschen gehofft und auf ihre guten Lichter – auf ihren Mut zum Vertrauen, auf ihre Lust an der Freude, auf ihre Bereitschaft zum Frieden. Die Hoffnung ist lebendig geblieben seither – die Hoffnung auf Zeichen des Vertrauens trotz Hass und Missgunst, der Freude auch unter Tränen und Leid, des Friedens mitten im Streit.
Liebe Hörerin, lieber Hörer, ich wünsche Ihnen ein frohes Fest der Gemeinschaft und des Dazugehörens.
* Beat Allemand ist evangelisch-reformierter Pfarrer in Bern.
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