Am Stephanstag denkt Diakon Stefan Staub nicht an das Martyrium des Heiligen Stephanus – sondern an die Menschen in der Ukraine. Anfang März kamen 120 Geflüchtete aus der Ukraine nach Teufen AR. Das Pfarreileben hat sich dadurch verändert. Staub wehrt sich gegen «Schönwetterpredigten». Dennoch leuchte «selbst in finsterster Dunkelheit immer ein Licht».
Wolfgang Holz
Neulich ist Stefan Staub der Kuchen fast im Hals steckengeblieben. Als beim Gemeindenachmittag eine Ukrainerin plötzlich ihr Handy zückte und es dem Teufner Diakon reichte.
«Auf dem Smartphone konnte ich per Facetime ihren Mann, einen ukrainischen Offizier, an der Front erkennen», erzählt der Gemeindeleiter. «Es blickte mir das regungslose Gesicht eines Menschen entgegen, der innerhalb von wenigen Monaten um Jahrzehnte gealtert schien.»
Der furchtbare Krieg in der Ukraine ist zwar mehr als tausend Kilometer entfernt vom beschaulichen appenzellischen Dorf, das an diesem Nachmittag von dicken Flocken friedlich eingeschneit wird. «Doch der Krieg ist für uns hier nach wie vor ganz präsent», versichert der 55-jährige katholische Gottesmann.
Seit zwölf Jahren ist er Diakon und Gemeindeleiter der katholischen Kirchgemeinde Teufen-Bühler-Stein. Nebenher arbeitet der drahtige, energiegeladene Geistliche noch als Armeeseelsorger – was man nicht nur daran erkennen kann, dass die Regenschirme vor seiner Wohnung hinter der Kirche in Granathülsen stecken. «Die hat mir Pfarrer Albert Wicki geschenkt», sagt Stefan Staub und lacht.
Er hat als Militärseelsorger schon viel menschliches Leid erlebt. In Mossul im Irak. Im Kosovo. Doch das Zusammenleben mit den 120 ukrainischen Flüchtlingen – vor allem junge Frauen mit Kindern und ältere Personen – haben ihn völlig herausgefordert. «Bei meinen Auslandseinsätzen als Armeeseelsorger habe ich das Elend jeweils hinter mir lassen können. Nun lebt die kaputte Welt mitten unter uns.»
Wobei es den ukrainischen Flüchtlingen in Teufen verhältnismässig gut geht. Von den ursprünglich 120 Personen leben mittlerweile nur noch 64 in Teufen und Umgebung, weil die anderen schon wieder in ihre weniger gefährliche, westukrainische Heimat zurückgekehrt sind.
«Alle Flüchtlinge sind anfangs privat untergekommen, wir hätten sogar für 200 Personen eine Unterkunft gefunden. Unter anderem in Ferien- und Zweitwohnungen», skizziert Staub die grosse Hilfsbereitschaft und die grosse Solidaritätswelle der Appenzellerinnen und Appenzeller. Eingegangene Spenden von rund 170’000 Franken sorgten für ein finanzielles Polster.
Inzwischen konnten so manche Ukrainerinnen und Ukrainer in Sozialwohnungen einziehen, weil sie arbeiten und ihr eigenes Geld verdienen. «In Fabriken, im Spital, im Service, als Automechaniker», zählt der Teufner Diakon auf.
«Das Verständigungsproblem war anfangs riesig.»
Stefan Staub, Diakon Teufen
Viele würden auch Deutschkurse besuchen. «Das Verständigungsproblem war anfangs riesig», erinnert er sich. Doch dank Übersetzungs-Apps und klassischer Kommunikation mit «Händen und Füssen» sei es insgesamt super gelaufen. «Man konnte das Gefühl empfinden, dass der Segen Gottes auf uns gelegen hat.»
Apropos. Auch spirituell sind die Ukraine-Flüchtlinge versorgt. «Jeden Sonntagnachmittag um 15 Uhr gibt es einen Gottesdienst für die überwiegend lutheranischen, methodistischen und freikirchlichen Christinnen und Christen», sagt Staub. Die Flüchtlinge seien bestens integriert.
«Der FC Teufen durfte sich diesen Sommer dank der hervorragenden jungen Fussballspieler aus der Ukraine auch glücklich schätzen», lobt der Teufner Seelsorger. Andere Jugendliche seien in der Pfadi oder in der Jubla untergekommen. «Eine junge Frau kann im Symphonieorchester St. Gallen mitspielen.»
Eine ablehnende Haltung der Bevölkerung in Appenzell AR – das aufgrund der humanitären Teufner Aktion unterm Strich doppelt so viele Flüchtlinge aus der Ukraine aufgenommen hat wie laut Kontingent vorgesehen war – ist laut Stefan Staub nie zu spüren gewesen. Offiziell habe sich kein Widerstand gegen die Flüchtlinge geregt. «Dafür sind die Appenzeller zu anständig.»
Staub kann sich nur an eine Ausnahme erinnern: «Einmal, als ein Audi A8 mit ukrainischem Kennzeichen vor der Kirche stand, der einer wunderschönen Frau mit zwei Mädchen gehörte, fragten sich manche Leute im Dorf, was der Wagen hier zu suchen habe», erzählt Staub.
«Unter den Flüchtlingen sind nicht alle arm.»
Stefan Staub
Es sei der Wagen der Ehefrau des ukrainischen Agenten der Zürich-Versicherung gewesen – die eben auch geflüchtet sei. «Unter den Flüchtlingen sind nicht alle arm», sagt der Diakon.
Das Zusammenleben mit den ukrainischen Flüchtlingen hat Stefan Staub in den letzten Monaten geprägt. Und verändert. «Es hat bei mir eine Kerbe reingeschlagen», versichert der 55-Jährige. Weil er bislang die «Realität des Bösen» in Gestalt der Opfer von Krieg und Vertreibung nicht derart miterlebt habe.
Deshalb könne er keine «Schönwetterpredigten» in der Kirche bei Gottesdiensten mehr halten. «Es gibt für mich keine Allgemeinplätze mehr, ich predige nun viel authentischer als früher», ist er überzeugt. Denn die Theologie sei durch das Leben der Gegenwart erschüttert worden.
Die Gläubigen in seinen Gottesdiensten scheinen seinen nahe am Leben orientierten Weg der Verkündigung zu schätzen. «Ich erhalte immer wieder gute Resonanz auf meine Predigten. Wichtig ist für mich und für andere zu wissen, dass auch in finsterster Dunkelheit immer ein Licht leuchtet. Kein Scheinwerferlicht wie in der Stadt – sondern so ein Licht in der Pampa, wie es im Stall zu Bethlehem bei der Geburt Christi aufgegangen ist.»
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/diakon-stefan-staub-der-krieg-hat-die-theologie-erschuettert/