Kurz vor Ostern stürmte ein Veganer-Ehepaar eine Sonntagsmesse in Zürich und prangerte den Konsum von Tierprodukten an: «Tiere zu töten, steht im Widerspruch zu dem, wofür Jesus einstand», finden Anja und Matej Glivar. Ob sie nochmals eine Störaktion in der Kirche machen, wissen sie noch nicht. Doch: Für das Wohl der Tiere würden sie gar Gefängnisstrafen in Kauf nehmen.
Jacqueline Straub
Was ist seit Ihrem Protest in St. Anton in Zürich passiert?
Anja Glivar*: Wir versuchen eine Doku für Netflix zu drehen. Zudem schreiben wir gerade ein Buch für Aktivistinnen und Aktivisten.
Hat Netflix bereits angebissen – oder ist das eine kühne Hoffnung von Ihnen?
Anja: Soweit sind wir noch nicht. Wir haben 50 Prozent der Aufnahmen im Kasten und sind im Kontakt mit spannenden und bekannten Persönlichkeiten, welche wir im Film dabei haben möchten.
Hatte Ihre Aktion Konsequenzen?
Matej Glivar*: Wir müssen uns für unsere Protestaktion bald vor Gericht verantworten.
Was wird Ihnen konkret vorgeworfen?
Anja: Nötigung, Störung der Glaubens- und Kultusfreiheit und Hausfriedensbuch.
«Einer, der mit uns die Aktion gemacht hat, sollte laut Strafbefehl 11’000 Franken bezahlen.»
Matej Glivar
Welche Strafe droht Ihnen beiden?
Anja: Das weiss ich nicht. Das werden wir erst nach der Gerichtsverhandlung sehen. Da ich noch vier weitere offene Prozesse habe, ist es sehr schwer vorauszusagen.
Matej: Wir haben die Strafbefehle angefechtet, da wir mit den Anschuldigungen nicht einverstanden sind. Zwei Aktivisten hatten bereits die Gerichtsverhandlungen. Einer, der mit uns die Aktion gemacht hat, sollte laut Strafbefehl 11’000 Franken bezahlen. Das ist ja lächerlich. Sie sind zwar leider beide verurteilt worden, jedoch wurden die Strafbefehle erlassen.
Werden Sie Ihre Strafe bezahlen?
Matej: Nein, das wäre ja ein Eingeständnis, dass wir etwas falsch gemacht haben.
Wie sind Sie bei Ihrer Aktion in der Kirche vorgegangen?
Matej: Einer aus der Gruppe sass im Gottesdienst und hat uns informiert, als die Kommunion fertig ausgeteilt war. Bis auf den Segen hatte der Gottesdienst keine wichtigen liturgischen Elemente mehr. Uns war es wichtig, die besonders sakralen Elemente nicht zu stören. Während des Evangeliums, bei der Predigt oder während des Hochgebets hätten wir niemals protestiert.
Dennoch hat Ihre Aktion zu einer Störung geführt.
Anja: Wir haben uns vor die Gemeinde gestellt und von Anfang an kommuniziert, dass wir nach vier Minuten wieder weg sind. Wir wollten nur ein paar Minuten Aufmerksamkeit. Wir haben nicht geschrien und waren auch nicht aggressiv. Unsere Rede war so verfasst, dass wir nicht verurteilen, sondern aufklären.
«Menschen, die nicht vegan leben, bezahlen für den Tod dieser Tiere.»
Anja Glivar
Wie verliefen die vier Minuten in der Kirche?
Matej: Als wir vorgelaufen sind, hat die Gemeinde noch gesungen. Wir wollten sie zu Ende singen lassen. Aber als der Priester merkte, dass wir eine Aktion machen wollen, sang er weiter. Wir begannen dann mit unserer kurzen Rede.
Nach vier Minuten haben Sie die Kirche verlassen. Sie standen dann vor der Kirche – mit einem toten Lamm und einem toten Huhn auf dem Arm. Können Sie verstehen, dass das manchen Menschen zu weit geht?
Anja: Nicht wirklich. Denn Menschen, die nicht vegan leben, bezahlen für den Tod dieser Tiere. Es muss darauf aufmerksam gemacht werden, was unsere Handlungen verursachen. Die zwei toten Tiere haben wir auf einem Bauernhof gefunden, wo sie ohne Hilfe gestorben sind.
Matej: Gerade zu Weihnachten und Ostern werden so viel mehr Tiere geschlachtet. Gott sagt, man soll die Schwachen schützen. Die Schwachen sind in unserer Gesellschaft die Tiere.
Wie haben die Gottesdienstbesuchenden auf Sie reagiert?
Matej: Die Gottesdienstbesuchenden haben uns heftig angeschrien. Im Gottesdienst ging es um Vergebung und Liebe – davon haben wir leider nichts gespürt.
Anja: Ich habe schon viele Protestaktionen gemacht, bei denen ich nicht willkommen war, da ich keine Bewilligung hatte. Etwa bin ich mal in Unterwäsche in einen Pelzladen gegangen, um auf das Tierleid aufmerksam zu machen. Oder habe Tiere von Bauernhöfen befreit und die Missstände bei der Tierhaltung durch Videoaufnahmen dokumentiert. Aber ich habe nie so viel verbale Gewalt erlebt wie in der Kirche. Eine Person schrie mich an, dass ich mich umbringen solle – und das vor den eigenen Kindern.
«Manche sagten, dass wir recht hätten.»
Matej Glivar
Gab es auch positive Reaktionen?
Matej: Durchaus. Manche sagten, dass wir recht hätten. Doch sie verstanden nicht, warum wir in der Kirche protestiert haben. Einer zeigte uns den Daumen nach oben und lächelte.
Wie ging es weiter?
Matej: Ich wurde verhaftet und war einige Stunden auf der Polizeistation.
Anja: Ich und die anderen der Gruppe wurden nicht verhaftet. Wir gingen nach der Aktion in einen Wald und haben den zwei toten Tieren ein würdevolles Begräbnis ermöglicht.
Planen Sie weitere Aktionen in Kirche?
Matej: Wir wissen es noch nicht konkret. Aber wir werden auf jeden Fall die Aktionen machen, die wir als am effektivsten einstufen.
Wie hat Ihre Familie auf die Aktion reagiert?
Anja: Die väterliche Seite ist sehr katholisch und konnte die Aktion nicht verstehen. Meine Grossmutter sprach eine Zeit lang nicht mehr mit mir. Und mein Vater sagte mir, dass er sich noch nie so geschämt habe. Meine Mutter, welche auch religiös aufgewachsen ist, ist sehr stolz darauf, wie ich mich für die Tiere einsetze.
Der Gottesdienst in St. Anton war ein Gottesdienst der englischen Mission. Gab es eine Aussprache?
Anja: Einer aus der Gruppe schrieb der Gemeinde und versuchte zu erklären, warum eine Strafanzeige gegen uns gegen die christlichen Werte verstösst. Sie sagten, dass sie kein Interesse an einer Aussprache haben.
Wie weit werden Sie mit Ihrem Aktionismus gehen?
Anja: Ich wäge immer ab, was eine Aktion bringt.
Matej: Würden wir mit unseren Protesten die Schweiz zur pflanzenbasierten Nahrung bewegen können, ja, dann würde ich zehn Jahre Gefängnis auf mich nehmen.
Wir befinden uns im Advent. In der Vergangenheit war die Adventszeit, wie die Zeit vor Ostern eine Fastenzeit. Es wurde kein Fleisch und teilweise wurden auch keine tierischen Produkte gegessen. Was halten Sie davon?
Anja: Meine Mutter ist serbisch-orthodox. Jeden Mittwoch und Freitag fasten Orthodoxe und ernähren sich vegan. Vor Ostern fasten sie sechs Wochen, um Gott näher zu sein. Ich verstehe nicht, warum man sich nur an gewissen Zeiten vor grossen Festtagen vegan ernährt, um näher bei Gott oder rein zu sein. Es ist für mich widersprüchlich, sich nur kurz vor dem Fest pflanzenbasiert zu ernähren und an Ostern oder Weihnachten dann ein Tier zu essen.
Matej: Aus meinem katholischen Verständnis heraus glaube ich nicht, dass Gott will, dass wir Tiere töten oder quälen, um unseren Gelüsten nach tierischen Produkten zu frönen. Jene, die Fleisch essen, sind wie Auftragsmörder. Sie bezahlen jemanden, der Tiere tötet.
Anja: Tiere zu töten, steht im Widerspruch zu dem, wofür Jesus eintrat.
«Heute haben wir die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, ob wir vor Gott rein sein wollen.»
Matej Glivar
Jesus ass auch Tiere und früher mussten die Menschen Tiere essen, sonst hätten sie nicht überlebt.
Matej: Das stimmt. Aber heute haben wir andere Möglichkeiten. Wir brauchen keine tierischen Produkte, um zu überleben. Jedes Mal, wenn wir für tierische Produkte bezahlen, führt das zu Leiden von Tieren. Heute haben wir die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, ob wir vor Gott rein sein wollen.
Anja: Ich bin mir sicher, dass Jesus heute vegan wäre.
In der Messe wird vom «Lamm Gottes» gesprochen. Sollte die liturgische Sprache geändert werden?
Anja: Das Lamm Gottes steht für Jesus Christus. Das muss unbedingt geschützt werden und hat seinen Platz im Gottesdienst. Aber wir sollten dafür sensibilisiert werden, dass etwa an Ostern kein Lamm oder an Weihnachten kein Braten gegessen werden sollte. Denn das Christentum steht für Liebe. Gott ist Liebe.
Was wünschen Sie sich von der Kirche?
Anja: Es wäre notwendig, dass die Kirche auf das Tierleiden aufmerksam macht und die vegane Lebensform mehr in den Vordergrund stellt. Wenn Frieden gepredigt wird, darf dieser nicht bei den Tieren aufhören.
Matej: Manche Traditionen müssen überwunden werden. Vor allem jene, die anderen Leid zufügen. Früher war es Tradition, Sklaven zu halten oder Frauen die Rechte zu verwehren. Diese wurden nicht weitergeführt – warum dann jene, die Tierleid verursachen?
«Gott will nicht, dass wir Fleisch essen.»
Anja Glivar
Sollten die Schweizer Bischöfe die Adventszeit nutzen, um für eine vegane Vorweihnachtszeit Werbung zu machen?
Matej: Die Bischöfe müssen uns nicht sagen, wie wir zu leben haben. Aber sie sollten darauf aufmerksam machen, dass es wichtig ist, friedvoll mit unseren Mitmenschen, Tieren und der Schöpfung umzugehen.
Anja: Ich fände es schön, wenn Tiere einen Platz im Gottesdienst hätten. Denn die Bibel sagt wunderbares über Tiere – auch, dass Gott nicht will, dass wir Fleisch essen.
Wo lesen Sie das?
Anja: In Jesaja 1,11-16 spricht Gott darüber, dass er kein Gefallen am Blut der Tieropfer hat.
* Anja Glivar (27) stammt aus dem Kanton Solothurn. Ihre Mutter ist serbisch-orthodox, ihr Vater ist katholisch. Sie wuchs katholisch auf. Sie macht eine Ausbildung zur Pflegefachfrau. Ihr Ehemann Matej (36) stammt aus Slowenien und lebt seit zwei Jahren in der Schweiz. Er ist katholisch aufgewachsen und berät Unternehmen.
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