Kurz vor dem 6. Dezember verwandelt sich der Kirchturm von St. Niklaus VS jeweils in einen Samichlaus. Den grössten der Welt, notiert im Guinness-Buch der Rekorde. Der Grund dafür: Der Heilige Nikolaus soll das Dorf vor einem Steinschlag gerettet haben.
Sarah Stutte
Wer im Winter mit der roten Matterhorn-Gotthard-Bahn nach St. Niklaus einfährt, übersieht ihn nicht: den grossen bärtigen Mann mit dem roten Umhang und dem Bischofsstab in der Hand. Pünktlich zum 6. Dezember wird aus dem steinigen Kirchturm des Ortes jeweils ein Nikolaus.
Die Kirche liegt in dem Walliser 2000-Seelen-Dorf direkt unterhalb des Bahnhofs. «Zaniglas» selbst, wie die Einheimischen die Ortschaft nennen, ist im Nikolaital eingebettet zwischen den beiden Tourismusorten Grächen und Zermatt.
Seit 1998 wird das Gotteshaus vom Fuss bis zur Zwiebelspitze in diesem speziellen Gewand eingekleidet – einer riesigen Plastikblache, die von einer ansässigen Firma hergestellt wurde. Erste Abklärungen ergaben damals, dass dieser Nikolaus mit seinen 36,8 Metern Höhe somit der grösste der Welt wird – und das im tiefsten Tal der Schweiz.
Denn in St. Niklaus beträgt der Höhenunterschied zwischen der Domspitze und der Talsohle ganze 3768 Meter. Das Dorf meldete also offiziell einen Weltrekord an und sicherte dem Nikolaus, dem Dorf und den Verantwortlichen bei der offiziellen Einweihung am 5. Dezember 1998 einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde.
«Das war eine grosse Freude für die Organisatorinnen und Organisatoren sowie die ganze Bevölkerung. Der grösste Nikolaus der Welt zog die Massen ins Dorf, um die 5000 Menschen sind bestimmt zu diesem Anlass gekommen», erinnert sich der damalige Gemeindepräsident Roger Imboden.
Die Bahn liess alle, die an jenem Tag auf dem Weg nach St. Niklaus waren und entweder als Nikolaus, Schmutzli oder Engel verkleidet waren, gratis hin und zurück reisen. Im Dorf selbst wartete ein grosser Umzug mit Nikoläusen aus dem ganzen Oberwallis auf die Besucherinnen und Besucher. Der jetzige Pfarrer Rainer Pfammatter fügt schmunzelnd hinzu: «Auch heute noch kommen Touristinnen und Touristen speziell wegen dem Samichlaus ins Dorf. Er wird halt gerne fotografiert».
Doch wie entstand in den ausklingenden 90er-Jahren überhaupt die Idee, ein monströses Nikolaus-Kostüm über den Kirchenturm zu ziehen? «Der heilige Nikolaus ist unser Kirchen-, Orts- und Talschutzpatron und hat der Gemeinde ihren Namen gegeben», erklärt der Pfarrer. Einer alten Legende nach versuchten einmal zwei Teufel das Dorf mit Gesteinsbrocken zu verschütten, doch der heilige Nikolaus («ds Glasi» im Dialekt) liess das nicht zu. Indem er seine schützende Hand unter den Berg hielt, bewahrte er St. Niklaus vor Schaden.
«Also wollten wir ihm auch etwas Gutes tun», erzählt Roger Imboden. Ein Mitglied der damaligen Gruppe «Dorfkern», einem Dorfverschönerungsverein, habe damals vorgeschlagen, den Kirchenturm als Nikolaus zu verkleiden. Der Gemeinderat sei von dieser Idee sofort begeistert gewesen, so Imboden.
Warum aber der Kirchturm? Hätte beispielsweise ein aufblasbarer Riesen-Nikolaus auf dem Dorfplatz nicht auch gereicht? «Nein. Weil wir hier immer mit relativ starken Föhnwinden zu kämpfen haben, bot der Kirchturm neben der guten Grösse die beste Stabilität», erklärt Imboden.
Die erste Herstellung der Blache habe ungefähr ein Jahr gedauert, so der ehemalige Gemeindepräsident Imboden. Mass musste genommen werden, hier und dort wurde korrigiert, bis der Plastikmantel richtig sass.
Rund alle zehn Jahre muss die Blache nun erneuert werden. Die jährliche Einkleidung koste dabei zwischen 20’000 und 25’000 Franken, so Imboden. Finanziert wird dieser Betrag durch die Gemeinde, den örtlichen Tourismusverband und Gönnerbeiträge.
Die Installation verursacht jedes Jahr einen enormen Aufwand. Allein für die Montage der übergrossen Blache werden rund zwei Wochen Zeit, ein Kran und auch die Air Zermatt benötigt. «Unser Turm wird immer Ende November eingekleidet», sagt der Pfarrer Rainer Pfammatter.
In einem ersten Schritt wird dabei die gemauerte Wand mit einer Schicht Wolldecke abgedichtet. Damit die Plane geschützt wird und sich nicht an den Steinen abreibt. Normalerweise bleibt sie dann bis zum Dreikönigstag über dem Turm. Danach werde sie wieder oben im Kirchenturm gelagert, bis zum nächsten Jahr, so der Pfarrer.
Eindrücklich war für den Pfarrer, dass er in einem Jahr am 6. Dezember das gerade neu renovierte Kirchendach segnen durfte. «Die Feuerwehr fuhr eine lange Leiter aus, an der ich hochgestiegen bin – natürlich gesichert», sagt der Pfarrer lachend. Er sei bis zum Rand des Kirchendachs gekommen und hätte diesem dann das Weihwasser gespendet.
Auch in Erinnerung geblieben ist Pfarrer Pfammatter, als 2018 der Sturm «Evi» in der Schweiz wütete und auch im Wallis Spuren hinterliess. «In dem Jahr wurde unsere Samichlaus-Plane total zerfetzt. Im Jahr darauf mussten wir deshalb erstmals die Verkleidung aussetzen, bis eine neue vom Versicherungsgeld in Auftrag gegeben werden konnte. Danach stand im Dezember dann wieder ein neuer Nikolaus im alten Kleid im Dorf», erzählt der Pfarrer.
Der 6. Dezember ist ein katholischer Feiertag im Dorf, der mit einem Hochamt und Festpredigern begangen wird und anschliessend mit Glühwein und Lebkuchen abklingt. Schon einige Tage zuvor ziehen Schülerinnen und Schüler mit Glocken und Laternen durch die Gassen und am Abend des 5. Dezember – nach altem Kalender – besucht der Nikolaus die Kinder.
Vor diesem müsse heutzutage niemand mehr Angst haben, so der Pfarrer. «Die Zeiten des ‘In-den-Sack-Steckens’ sind vorbei. Der Samichlaus ist heute viel anständiger. Nur der Schmutzli fuchtelt ein wenig mit seiner Rute herum, um den Kindern einen Schrecken einzujagen».
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/der-heilige-st-nikolaus-auf-dem-kirchenturm-bricht-rekorde/