Wie sich die Eidgenossen und die Habsburger auseinanderlebten

Das Stammschloss der Habsburger steht in der Schweiz. Doch heute wird die Dynastie mit Österreich in Verbindung gebracht. Was es mit der Habsburg, dem Wappentier und dem schwindenden Einfluss der Dynastie in der Eidgenossenschaft auf sich hat, weiss Simone Heimann. Sie hat in Speyer eine Ausstellung mit vielen Exponaten aus der Schweiz organisiert.

Beate Laurenti

Warum verbinden wir mit Habsburg Österreich – und nicht die Schweiz? Dabei liegt die Habsburg doch in der Schweiz!

Simone Heimann*: Die Habsburger traten das Erbe der Babenberger an und übernahmen nicht nur das Herzogtum Österreich, sondern auch das Wappen der Babenberger, den markanten rot-weissroten Bindenschild. So wurde über die Jahrhunderte Habsburg mit Österreich gleichgesetzt und der Bindenschild zum Wappen der Republik Österreich.

Was bedeutet eigentlich der Name Habsburg?

Heimann: Für die Bedeutung des Namens Habsburg gibt es zwei Erklärungen – eine gehört in das Reich der Legenden. Die Habsburg, auch Habichtsburg genannt, ist die namengebende Stammburg der Habsburger. Der Sache nach soll Radbot von Habsburg bei der Jagd sein Habicht entflohen sein. Nach langer Suche fand er den Jagdvogel auf einem Felsen wieder, der für eine Burg strategisch günstig gelegen war. Er soll dort eine Burg errichtet und ihr den Namen «Habichtsburg» gegeben haben. Die älteste schriftliche Überlieferung des Namens stammt aus dem Jahr 1108. Es ist anzunehmen, dass die Bezeichnung auf das mittelhochdeutsche Wort «hav» zurückgeht, was für Flussübergang und Furt steht.

Für die Geschichte Habsburgs müssen wir bis ins 11. Jahrhundert zurückgehen. Wie können wir uns die Schweiz damals vorstellen?

Heimann: Die Schweiz war im Hochmittelalter ländlich geprägt. Für die Entwicklung der Städte möchte ich auf den Beitrag von Professorin Martina Stercken im Historischen Lexikon der Schweiz verweisen.

War die Habsburg eine für damalige Verhältnisse ganz normale Burg? Oder hatte sie etwas Besonderes?

Heimann: Die strategisch günstig gelegene Burg war zum Ende des 11. Jahrhunderts eine imposante und hochmoderne Burganlage mit einem markanten, über Eck stehenden Turm. Die Vordere Burg im Osten der Anlage diente den Habsburgern als Wohntrakt. Ein zweiter grosser Ausbau der Burg begann um 1200, rund 20 bis 30 Jahre später verliessen die Habsburger ihren Stammsitz.

Warum ist die Habsburg dort gebaut worden, wo sie gebaut worden ist? Warum nicht woanders?

Heimann: Der Gipfelgrat des Wülpelsberges war strategisch besonders gut für die Errichtung einer Burganlage geeignet.

Mit Blick auf den Tod Annas von Habsburg im Jahr 1281. Warum war ihre Beerdigung im Basler Münster ein politisches Statement?

Heimann: Basel war Reichsstadt wie auch Bischofssitz und damit von grosser Bedeutung im Heiligen Römischen Reich. Zugleich konkurrierten hier verschiedene Interessen, es kam zu Konflikten zwischen dem Bischof von Basel und dem bürgerlichen Rat der Stadt. Durch die Lage inmitten des habsburgischen Streubesitzes waren auch die Habsburger bestrebt, ihren Herrschaftsbereich auf die Stadt auszuweiten, vielleicht auch, um die Stadt zu ihrer Residenz zu erheben.

Ein von 1270 an geführter Krieg zwischen dem Basler Fürstbischof und Rudolf von Habsburg wurde mit Rudolfs Wahl zum König beigelegt. Die Nachricht seiner Königswahl erreichte Rudolf – so ist es in den Quellen zu lesen – wohl bei der Belagerung der Stadt, als König konnte er friedlich einziehen. Gertrud von Hohenberg, die mit der Königinnenkrönung den programmatischen und an die Staufer erinnernden Namen Anna annahm, starb 1281 in Wien. Sie wurde ihrem Wunsch entsprechend in das Basler Münster überführt, wo sie am 19. März 1281 links des Hochaltars im Hochchor beigesetzt wurde. Rudolf und Gertrud brachten damit wohl auch ihre Verehrung für das Heilige Kaiserpaar Heinrich II. und Kunigunde zum Ausdruck, die 1019 das Münster gestiftet hatten.

Warum wurden nicht alle Habsburger – so wie am Anfang – in Muri bestattet?

Heimann: Das Bewusstsein für Familiengrablegen hatte sich noch nicht entwickelt. Zwar gab es seit den Saliern im Speyerer Dom eine zentrale Grablege der Kaiser und Könige nebst den Kaiserinnen und Königinnen, dass sich aber eine Familie bewusst an einem Ort besetzen lassen wollte, war ein im Hochmittelalter noch fremder Gedanke. Mit der Wahl der Grablege wollte man immer auch eine Verbundenheit ausdrücken oder ein politisches Statement abgeben.

Heute verbindet man mit Habsburg den Doppeladler. Sie zeigen jedoch Siegel aus dem Zürcher Landesmuseum mit einem Löwen. War einst der Löwe ein Symbol für Habsburg?

Heimann: Der Schenkungsurkunde des Ritters Burchard Schenk von Habsburg aus dem Zürcher Landesmuseum hängt das gräfliche Siegel Rudolfs von Habsburg an. Das Wappentier Rudolfs als Graf von Habsburg ist der steigende Löwe.

Haben sich die Schweiz und Habsburg im Konflikt bei Morgarten 1315 entzweit? Oder wann haben sich die Habsburg anderswo orientiert? Warum wurde die Schweiz für die Habsburger zunehmend uninteressant?

Heimann: Während die Habsburger ihre Herrschaft in den österreichischen Ländern stetig ausbauten, entwickelte sich in ihren einstigen Stammlanden – der heutigen Schweiz – eine zunehmende Opposition gegen die alteingesessene Herrschaft. Mit der Eidgenossenschaft entstand ein Bund, dem sich im Laufe der Zeit zahlreiche Städte und Gemeinden anschlossen.

Seit dem 14. Jahrhundert mündeten die unterschiedlichen Interessen der Eidgenossen und der Habsburger immer wieder in grösseren militärischen Auseinandersetzungen mit jeweils wechselndem Erfolg. Bereits in der Schlacht von Morgarten 1315 schlugen die Schweizer das Habsburger Heer in die Flucht. Zur entscheidenden Schlacht aber sollte es am 9. Juli 1386 kommen: Bei Sempach verloren der Habsburger Herzog Leopold III. und zahlreiche seiner Ritter ihr Leben. Der Sieg der Eidgenossen schwächte Habsburg-Österreich so sehr, dass es seine Herrschaftspositionen in den Gebieten südlich des Hochrheins langfristig nicht halten konnte.

Heute sind von der Habsburg nur noch Ruinen übrig. Wann begann die Zerfallsgeschichte der Burg?

Heimann: Bereits um 1220/30 verliessen die Habsburger ihren Stammsitz, die Burg wurde von Ministerialen bewohnt. Für das ambitionierte Grafengeschlecht war die Anlage zu klein geworden. Der Streubesitz und der politische Einfluss der Familie im Aargau, Breisgau, Zürichgau und Oberelsass konnte in den folgenden Jahren durch eine geschickte Heiratspolitik und Erbfall, aber auch durch die Übernahme von Reichsvogteien erheblich ausgebaut werden. Mit dem Aussterben der Lenzburger und Kyburger Grafenfamilien traten die Habsburger deren reiches Erbe an und wurden so zu einer führenden Familie im Südwesten des Reiches.

Welche Rolle hat das Haus Habsburg kirchenpolitisch gespielt?

Heimann: Die Kirchenpolitik der Habsburger gehört zu den Themen, die wir aufgrund der Themenfülle bei über 250 Jahren Reichsgeschichte haben ausklammern müssen – eine Antwort auf die Frage muss ich Ihnen daher schuldig bleiben.

Welche Exponate zeigen Sie aus der Schweiz? Was ist an ihnen besonders?

Heimann: Wir dürfen in unserer Ausstellung Leihgaben folgender Museen und Bibliotheken zeigen: Staatsarchiv Aarau, Historisches Museum Basel, Museum Kleines Klingental in Basel, Burgerbibliothek Bern, Historisches Museum Bern, Staatsarchiv Bern, Kantonsarchäologie Aargau in Brugg, Archäologie und Museum Basel-Land in Liestal, Historisches Museum Luzern, Kantonsarchäologie Luzern, Museum Aargau in Wildegg, Landesmuseum Zürich.

Die Bedeutung der Leihgaben und die Vielzahl der Leihgeber unterstreichen, dass die Frühzeit der Habsburger eigentlich ein Schweizer Thema ist und die Habsburger ihren Ursprung in der Schweiz und eben nicht in Österreich hatten.

Heute sind die Benediktiner von Muri-Gries in Südtirol für das spirituelle Erbe Habsburgs zuständig. Wann begann die Verbindung zu den Benediktinern?

Heimann: Schon als Graf von Habsburg erweiterte Rudolf seinen Macht- und Herrschaftsbereich kontinuierlich. So erwarb Rudolf 1254 die Vogtei des Benediktinerklosters St. Blasien im Südschwarzwald. Das reiche Kloster stellte sich unter den weltlichen Schutz des Vogtes, der wiederum die Gerichtsbarkeit über den Klosterbesitz ausübte. Neben den Einnahmen waren mit einer Vogtei auch Herrschaftsrechte verbunden und so konnten die Habsburger durch den Erwerb von St. Blasien ihren Machtbereich in Vorderösterreich ausweiten. Der erhaltene Klosterschatz zeugt von der kulturellen und materiellen Bedeutung des Klosters, das auch als Grablege und Erinnerungsort der Habsburger wichtig werden sollte.

Welche Impulse gibt uns die Auseinandersetzung mit Habsburg für die Gegenwart?

Heimann: Auf eine solche Familiengeschichte blicken zu können, über heutige Landesgrenzen und Territorien hinweg, muss etwas ganz Besonderes sein. Die eigenen engen Grenzen zu überwinden kann vielleicht ein solcher Impuls sein.

Das Interview wurde schriftlich geführt.

*Simone Heimann hat Mittelalterlichen Geschichte, Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit sowie Europäische Ethnologie an den Universitäten Münster und Bamberg studiert. Von 2004 bis 2009 war sie an verschiedenen Museen zur Vorbereitung und Durchführung grosser kulturhistorischer Sonderausstellungen tätig sowie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Osnabrück im Fach Mittelalterliche Geschichte. Seit 2009 arbeitet sie als Kuratorin/Sammlungsleiterin Frühmittelalter am Historischen Museum der Pfalz in Speyer. Dort wird noch bis am 16. April 2023 die Landesausstellung «Die Habsburger im Mittelalter. Aufstieg einer Dynastie» gezeigt, für die Heimann als Projektleiterin verantwortlich ist.


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