Andalusien, Arabien, Ayuso: Franziskus' Triple-A-Kardinal für den Dialog mit dem Islam

Miguel wer…? Kardinal Ayuso ist weitgehend unbekannt. Dabei ist er Franziskus’ Joker für den Dialog mit dem Islam. Er spricht fliessend arabisch – und stammt aus Andalusien. Warum die Bahrain-Reise auch Ayusos Erfolg ist.

Ludwig Ring-Eifel

Anders als die Papstreise in die Vereinigten Arabischen Emirate im Jahr 2019 wird sein viertägiger Besuch in Bahrain wohl nicht in die Geschichtsbücher eingehen. Damals geschah alles zum ersten Mal: Die erste Reise eines Papstes auf die Arabische Halbinsel, die erste katholische Messe dort in einem Stadion mit Zehntausenden Gläubigen. Zum ersten Mal war der Papst damals zu Gast im Palast des Monarchen. Und zum ersten Mal wurde eine gemeinsame islamisch-christliche Erklärung unterschrieben.

«Abu-Dhabi-Dokument»

Das vom Papst und vom gemässigten geistlichen Führer der Sunniten, Ahmed Al-Tayyeb, unterzeichnete «Abu-Dhabi-Dokument» gilt seither als programmatisch und wegweisend für die friedliche Koexistenz der beiden weltweit grössten Religionen.

Doch obwohl die Reise in die Vereinigten Arabischen Emirate im Jahr 2019 mit Fug und Recht als historisch gelten kann, ist der jüngste Aufenthalt des Papstes in dem viel kleineren und wirtschaftlich weniger bedeutenden Königreich Bahrain keineswegs ein blosser «Nachklapp» gewesen. Vielmehr zeigt der Verlauf der interreligiösen Treffen in Bahrain, dass auf der Basis von Abu Dhabi jetzt weitere Schritte möglich sind, einige davon mit neuer Qualität.

Eintreten für Menschenrechte

Dazu zählt, dass der Papst bei seinen öffentlichen Reden Konflikte und Probleme ansprechen konnte, die im öffentlichen Diskurs vieler arabischer Länder tabu sind. Dazu zählte das Eintreten für Menschenrechte, für die Rechte von Gastarbeitern, für die Gleichberechtigung von Frauen, gegen das am Golf allgegenwärtige Luxusstreben, gegen die Benachteiligung Andersgläubiger und gegen die Todesstrafe.

Selbst den Konflikt im Jemen, in dem sich Schiiten und Sunniten stellvertretend für die regionalen Grossmächte Saudi-Arabien und Iran seit Jahren mit hohem Blutzoll bekriegen, sprach Franziskus an. Auchdamit berührte er ein Tabuthema in dem verminten Gelände der sunnitisch-schiitischen Spannungen am Golf, die sich in jedem Land zu jeder Zeit in blutigen Aufständen und Unterdrückungsfeldzügen entladen können.

Katar überträgt kritische Worte des Papstes

Wie weit der Papst ging, zeigte ein kleiner Vorfall am Rande. Der im Nachbarland Katar ansässige arabische Sender Al-Dschasira, der in der gesamten Golfregion gesehen wird, berichtete – anders als das regierungsnahe Staatsfernsehen in Bahrain – ausführlich und mit vielen wörtlichen Zitaten auch über die kritischen Passagen in den Ansprachen des Papstes.

Umgehend protestierte der Informationsminister des Königreichs bei der Regierung in Katar gegen diese Art der Berichterstattung, die ein verzerrtes Bild der Lage im Land zeichne – und das, obwohl Al-Dschasira lediglich die Worte des Papstes wiedergegeben hatte.

Schiitisch-sunnitischer Gegensatz

Die Furcht der sunnitischen Herrscherklasse vor einer Wiederbelebung der blutigen und blutig niedergeschlagenen Schiiten-Aufstände des Jahres 2011 sitzt offenbar so tief, dass selbst die sehr allgemeinvorgetragenen Anti-Diskriminierungs-Slogans des Papstes als potenziell explosive Botschaften gelten.

Die Entschärfung des stets dominierenden und vieles lähmenden schiitisch-sunnitischen Gegensatzes war erstmals auch offizielles Thema beim interreligiösen Dialogforum, an dem der Papst in Bahrain teilnahm. Es war Al-Tayyeb, der in seiner Rede feierlich dazu einlud, die Gegensätze zwischen den beiden grössten islamischen Konfessionen zu überwinden. Auch dies ein Novum in einem solchen Rahmen.

Warum wurde der Name Ayuso verschwiegen?

Bei dem Treffen im Vorhof der Moschee auf dem Gelände des Königspalastes in Awali trat auf vatikanischer Seite prominent der Mann in Erscheinung, der seit mehr als zehn Jahren der Architekt des Brückenschlags zwischen Rom und den Gemässigten in der muslimischen Welt ist: Der aus Andalusien stammende Kardinal Miguel Ayuso sprach zunächst in perfektem Arabisch, bevor er in die Konferenzsprache Englisch wechselte.

Im offiziellen Programm fehlte sein Name in auffallender Weise. Während bei allen anderen Redebeiträgen der Name des Redners vorab genannt wurde, war an seiner Stelle lediglich «ein Mitglied der vatikanischen Delegation» angekündigt worden. Möglich, dass es im Vorfeld Rangeleien zwischen dem vatikanischen Staatssekretariat und dem vatikanintern lange Zeit eher nachrangigen Dikasterium für den Interreligiösen Dialog gab, das Ayuso seit Mai 2019 leitet.

Benedikts problematische Regensburger Rede

Viel spricht dafür, dass Franziskus dem Spanier eine Menge zutraut. Als Comboni-Missionar wirkte Ayuso 20 Jahre lang in Ägypten und im Sudan, bevor er 2005 seine römische Karriere am Päpstlichen Islaminstitut PISAI begann. 

2012 holte ihn Papst Benedikt als Sekretär in den damaligen Päpstlichen Rat für den Interreligiösen Dialog. Er sollte mithelfen, die Risse zu kitten, die Benedikt selbst durch seine berühmte Regensburger Rede zwischen dem Vatikan und der islamischen Welt verursacht hatte –insbesondere den Islam-Gelehrten an der Kairoer Al-Azhar-Universität.

Beinahe freundschaftliche Beziehungen

Unter Franziskus schaffte es Ayuso dann, die Verletzungen aus dem Benedikt-Pontifikat nicht nur zu heilen, sondern den einstigen Tiefpunkt weit hinter sich zu lassen und ganz neue, beinahe freundschaftliche Beziehungen zu knüpfen. Als Ayusos Meisterstück gilt die Erklärung von Abu-Dhabi. Wenige Monate nach dessen Unterzeichnung beförderte Franziskus Ayuso zum Präfekten, noch im selben Jahr machte er ihn zum Kardinal.

Das von Ayuso mitformulierte katholisch-islamische Freundschafts-Dokument aus dem Jahr 2019 wurde schon Jahre zuvor – wie Papst Franziskus auf dem Rückflug von Abu Dhabi berichtete – bei einem Mittagessen zwischen dem Papst und dem Gross-Imam in der Vatikan-Residenz Santa Marta in Grundzügen beschlossen. Es hat Ratzingers Regensburger Rede inzwischen zu einem Text aus einer anderen Epoche werden lassen. (cic)


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

https://www.kath.ch/newsd/andalusien-arabien-ayuso-franziskus-triple-a-kardinal-fuer-den-dialog-mit-dem-islam/