Mit «Grosser Gott wir loben dich» macht Fredy Kuttipurathu (32) ältere Menschen glücklich. Ohne den Pflichtzölibat wäre der Tenor wohl Priester geworden. Stattdessen feiert er nun mit «Sister Äct» Premiere – hier spielt er einen Gangster. Der Spitalseelsorger mag Allerheiligen und Allerseelen.
Raphael Rauch
Im Gespräch gibt sich Fredy Kuttipurathu (32) bescheiden. Dabei liebt er das Rampenlicht und die ganz grosse Bühne. «Ich brenne für alles, was mit Unterhaltung zu tun hat», verrät er einer Casting-Plattform. «Gesang, Schauspiel und Tanz. Aber ich begeistere mich auch für Bühnenzauberei, Comedy, Beatboxen oder Stimmenimitation.» Dabei gehe es ihm nicht nur um «Show», sondern um «wahrhafte Momente» mit dem Publikum.
Wahrhaftigkeit ist auch in der Betagten- und Spitalseelsorge gefragt, für die Fredy Kuttipurathu ebenfalls arbeitet. Aktuell ist er für zwei Zürcher Altersheime zuständig. Der Theologe schätzt die Arbeit mit Seniorinnen und Senioren, wie er mehrmals betont.
Sein musikalisches Talent kann der Tenor auch im Altersheim einbringen. Fredy Kuttipurathu hat hier auch mit Menschen zu tun, die an Alzheimer und Demenz leiden. «Singen geht in vielen Fällen aber in gewisser Form noch immer», sagt Fredy Kuttipurathu. Der Favorit unter den Seniorinnen und Senioren sei das Lied «Grosser Gott wir loben dich».
Als Betagtenseelsorger steht Fredy Kuttipurathu mitten im Leben – und hat doch viel mit dem Tod zu tun. Er mag die Feiertage Allerheiligen und Allerseelen. Diese verdeutlichten, wie wichtig «Beziehungen und Gemeinschaft sind – auch über den Tod hinaus».
Die Erinnerungen an die Verstorbenen zeigten, «dass nicht der Tod das letzte Wort hat, sondern die Liebe, die uns mit den Verstorbenen bleibend verbindet». An Allerheiligen und Allerseelen gehe es für ihn darum, «die Menschen in unsere Mitte zu holen, die nicht mehr da sind».
Das Grab seiner indischen Grosseltern kann Fredy Kuttipurathu an Allerheiligen nicht besuchen – es wäre zu weit weg, in Kerala. Fredy Kuttipurathu ist Secondo – geboren und aufgewachsen in Zürich.
Der Tenor ist durch und durch Schweizer – zuhause hat er sich geweigert, Malayalam zu sprechen, die Muttersprache seiner Eltern. «So sehr ich mich als Schweizer fühle, werde ich nie für alle Schweizerinnen und Schweizer als Landsmann erkennbar sein», sagt Fredy Kuttipurathu. Auf der Casting-Plattform steht, er könne folgende «ethnische Typen» spielen: «Indisch, Maori, Pakistani, Schwarz-Karibik, australischer Raum.»
Fredy Kuttipurathu sagt, seine Hautfarbe sei «in der Regel weder ein grosses Problem noch ein grosses Thema». Er habe dadurch auch Vorteile: «Menschen mit Migrationshintergrund vertrauen mir schneller. Gerade im Spital, bei schwierigen Situationen, entsteht da schnell eine Verbundenheit. Gewisse Menschen mit Migrationshintergrund duzen mich schnell auf freundschaftliche Weise.»
Schon als kleiner Junge hat Fredy Kuttipurathu gerne und viel gesungen. Im Fernsehen sah er, wie Heintje «Oma so lieb, Oma so nett» sang. Fredy Kuttipurathu lernte das Lied – und brachte damit seine Mutter vor lauter Rührung zum Weinen.
Der junge Mann erzählt bei einer «Cola Zero», er sei «sehr katholisch» erzogen worden. Seine Familie habe nie die indische Mission besucht, sondern sich in der katholischen Pfarrei in Oerlikon wohlgefühlt.
Fredy Kuttipurathu überlegte sich, Priester zu werden. Doch im Priesterseminar des Bistums Chur sei ihm schnell klar geworden: Er ist nicht für den Zölibat gemacht. «Aber auch als Laientheologe kann ich mich mit meinen Fähigkeiten einbringen», sagt Fredy Kuttipurathu, der an der Theologischen Hochschule Chur studierte. «Es geht darum, den Menschen nahe zu sein, ihnen zuzuhören. Ob das ein Priester macht oder ein Seelsorger ohne Weihe, ist den meisten Menschen, mit denen ich im Berufsalltag zu tun habe, egal.»
Bei «Sister Äct» spielt Fredy Kuttipurathu einen Gangster. Er gehört also zu den Bösewichten, die das Showgirl Deloris Van Cartier umbringen wollen, weil sie Zeugin eines Mordes wurde. «Auch ein Gangster ist schlussendlich ein Mensch, den das Leben zu diesem Punkt gebracht hat», sagt der Theologe.
«Natürlich sehnt sich auch der Gangster, den ich spiele, zutiefst nach Liebe. Er kämpft um Anerkennung und Gemeinschaft.» Als Seelsorger denke er: «Auch Menschen, die gefährliche und folgenschwere Fehlentscheidungen getroffen haben, sind voller Sehnsüchte, Träume und Hoffnungen.»
Zurzeit ist Fredy Kuttipurathu nur mit einem 20-Prozent-Pensum in der Zürcher Pfarrei St. Franziskus angestellt. Denn die Proben für «Sister Äct» erfordern viel Zeit. Am Donnerstag ist Premiere.
Brotjob Seelsorger, Künstler aus Leidenschaft? Fredy Kuttipurathu widerspricht. «Ich habe den Luxus von zwei Traumjobs. Wenn ich in der Seelsorge nur einen Brotjob sehen würde, könnte ich den Menschen nicht gerecht werden.»
Für eine steile Musical-Karriere werde es schwierig, gibt Fredy Kuttipurathu zu. «Mit 32 Jahren bin ich echt nicht mehr der Jüngste. Aber ich kann noch viel schaffen.» Ein absoluter Traum wäre es, einmal in London zu spielen – zum Beispiel im Musical «Aladdin».
Also Adieu, Bistum Chur? «Nein», sagt Fredy Kuttipurathu und lacht. «Ich träume in erster Linie davon, ein Leben lang Bühnenkunst zu machen. Auch die Kirche braucht Künstlerinnen und Künstler.»
In einem Interview war neulich zu lesen, woran die «Sister Äct»-Stars glauben. Sandra Studer spielt die Mutter Oberin und gab an: «Ans Gute. Ich glaube, dass eine positive Energie existiert, die einen begleitet.»
Walter Andreas Müller hat die Rolle des Pfarrers Bischoffs. Er gab zu Protokoll: «Jeden Abend, wenn ich im Bett liege, bete ich. Es ist nicht mehr ein Gebet ›an den Vater im Himmel’, sondern mehr ein Gespräch mit einer höheren Macht. Darin lasse ich den Tag Revue passieren, sage Danke, dass ich da sein und das alles machen darf.»
Und Fabienne Louves, die das Showgirl Deloris Van Cartier spielt, sagte: «Gott, Allah, Buddha – egal, eine Macht ist da. Was mir meine Eltern mitgegeben haben: Ich glaube an Schicksal, dass alles so kommt, wie es muss. Und ich glaube an meine Schutzengel, die mir den Weg zeigen.»
Fredy Kuttipurathu sagt, er könne diese Einschätzungen teilen. Die Aussagen seiner Kolleginnen und Kollegen zeigten, «wie verbindend solche Hoffnungen und Sehnsüchte sind – über die Grenzen von Konfessionen und Religionen hinaus».
Und das nächste Musical? «Wer weiss», sagt Fredy Kuttipurathu und lacht. Wenn es mit «Aladdin» nicht klappt, dann vielleicht mit «Jesus Christ Superstar».
Das Musical «Sister Äct» ist auf Mundart und feiert am Donnerstag, 3. November, in der Zürcher Maag-Halle Premiere.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/vom-theologen-zum-gangster-spitalseelsorger-singt-bei-sister-aect/