Die Churer Professorin Birgit Jeggle-Merz (62) hat ein Treffen zum synodalen Prozess in Einsiedeln mitgestaltet. Der Bischof setze sich dafür ein, dass künftig Laiinnen und Laien Paare trauen können. Und auch bei der Sexualmoral tue sich etwas: «Das Wort LGBTQ fiel öfters und wurde zum Glück nicht aus dem Papier gestrichen.»
Jacqueline Straub
Sie haben im Kloster Einsiedeln über den synodalen Prozess im Bistum Chur diskutiert. Worum ging’s genau?
Birgit Jeggle-Merz*: Das Treffen in Einsiedeln ist Teil eines längeren Prozesses. Die vorherigen Ergebnisse der Umfrage und Diskussionen sind nun in ein Arbeitspapier eingegangen. Darüber haben wir in einzelnen Arbeitsgruppen diskutiert.
Was ist das Ziel dieses Papiers?
Jeggle-Merz: Es soll eine Leitlinie für das Bistum Chur sein. Wenn ich es mit einem Unternehmen vergleichen darf: Es ist ein Leitbildprozess entstanden. Es geht darum, sich darauf zu verständigen, welche Grundlagen uns leiten sollen und welche Ziele und nächsten Schritte es geben soll.
Wie war die Stimmung vor Ort?
Jeggle-Merz: Wir haben in guter Weise über das Papier diskutiert. Es gab einen intensiven Austausch, der von einem respektvollen Umgang geprägt war. Im Bistum Chur haben wir eine lange Geschichte von Gegensätzen und Polarisierungen. Davon war beim Treffen in Einsiedeln nichts zu spüren.
«Es geht um ein Miteinander – nicht um ein Gegeneinander.»
Seit einem halben Jahr gibt es heftige Diskussionen über den neuen Verhaltenskodex des Bistums Chur. War der Thema?
Jeggle-Merz: In Einsiedeln haben alle betont, dass wir aufeinander hören müssen. Trotz Streitigkeiten in der Vergangenheit gab es eine grosse Zustimmung, dass wir gemeinsam einen Weg gehen möchten. Darüber freue ich mich sehr.
Wie sieht dieser Weg aus?
Jeggle-Merz: Es hat sich aus den Voten herauskristallisiert, dass es zuerst einmal eine Grundhaltung der Kirche im Bistum Chur braucht. Es geht um ein Miteinander – nicht um ein Gegeneinander. Das bedeutet auch, dass man sich in bestimmten Positionen zurücknehmen muss. Es ist nicht einfach alles Friede, Freude, Eierkuchen.
«Im Bistum Chur sieht man zuerst den Menschen und seine Fragen nach dem Glauben.»
Immer wieder ist von einem «geistlichen Prozess» die Rede. Was heisst das genau?
Jeggle-Merz: Ich möchte jetzt nicht total fromm klingen, aber es geht um ein Hören auf den Heiligen Geist und um ein gemeinsames Ringen darum, welche Gestalt die Kirche Jesu Christi im Bistum Chur annehmen soll.
Welche konkreten Ziele und Massnahmen wurden formuliert?
Jeggle-Merz: Ich greife ein paar Beispiele heraus: Der Bischof setzt sich dafür ein, dass mit der Trauassistenz auch Nicht-Geweihte beauftragt werden können. Die Vielfalt der Gottesdienstformen wurde begrüsst. Auch Details wie etwa, dass es Videobotschaften im Gottesdienst geben könne, wurden angesprochen. Bischof Joseph Bonnemain will dafür sorgen, dass das Volk Gottes bei einer Bischofswahl gehört werden soll – also nicht nur das Domkapitel und einige exemplarisch ausgewählte Personen. Und ganz grundlegend: Im Bistum Chur sieht man zuerst den Menschen und seine Fragen nach dem Glauben.
Was heisst das konkret für queere Menschen?
Jeggle-Merz: Das Wort LGBTQ fiel öfters und wurde zum Glück nicht aus dem Papier gestrichen. Wenn die Grundhaltung ist, dass wir in der Kirche alle willkommen heissen, wie sie sind, und niemand zurückgewiesen wird, dann muss das auch Konsequenzen haben.
In Deutschland reformieren die Bischöfe das Arbeitsrecht. Wer schwul oder lesbisch ist, soll trotzdem eine Missio erhalten können. Bischof Joseph Bonnemain will keine pauschale Lösung – sondern im Einzelfall entscheiden. Wie bewerten Sie das?
Jeggle-Merz: Dass das Arbeitsrecht im Bistum Chur verändert werden soll, habe ich nicht gehört. Aber vielleicht wurde es in einer Arbeitsgruppe besprochen. Aber ja, wenn das Grundprinzip der Kirche in Chur nicht nur eine Phrase sein sollen, muss es Konsequenzen haben. Bislang sind die Konkretionen aber nicht Gegenstand des Papiers.
«Die unterschiedlichen Charismen und Berufungen dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden.»
Wir haben gehört, dass die Berufsbezeichnung «Pastoralassistent» geändert werden soll – ähnlich wie im Bistum Basel und St. Gallen. Nicht-Geweihte Theologinnen und Theologen im Bistum Chur sollen künftig «Seelsorgerin» oder «Seelsorger» genannt werden. Was steckt dahinter?
Jeggle-Merz: Wir wünschen ein gemeinsames Leben und Arbeiten in der Pastoral. Wenn es also um Teamarbeit geht und darum, Menschen in ihren Berufungen und Stärken einzusetzen, dann dürfen die Berufsbezeichnungen nicht hierarchisch sein. Die unterschiedlichen Charismen und Berufungen dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Wenn ein Begriff auf Widerstand stösst und etwas assoziiert, was gegen die Grundhaltung des Bistums spricht, dann muss dieser geändert werden.
Worauf sind Sie nach dem Treffen in Einsiedeln besonders stolz?
Jeggle-Merz: Für unser Bistum ist es das Wichtigste, dass wir respektvoll aufeinander zugehen. Das bedeutet, dass auch theologische Meinungen anzuerkennen, die uns nicht sympathisch sind.
Zum Beispiel die Reaktion von Bischof Joseph Bonnemain auf Monika Schmids Konzelebration?
Jeggle-Merz: Das mag in Einsiedeln ein Gesprächsthema in den Pausen gewesen sein. Im Plenum selbst ist ihr Name nicht gefallen.
Schauen wir auf die Jugend: Viele Jugendliche haben signalisiert, dass sie Gottesdienste langweilig finden. Was kann die Kirche im Liturgie-Bereich besser machen?
Jeggle-Merz: Es braucht eine lebendige und sensible Liturgie, die auf die Menschen hört. Was Jugendliche vorbringen, sind nicht einfach Impulse, sondern sie legen den Finger in die Wunde. Mit dem Heiligen Benedikt gesprochen: Der Abt soll bei Entscheidungen immer auch auf die Jungen hören. Denn Gott gibt den Jüngeren oft ein, was das Bessere für die jeweilige Situation ist.
Welchen Vorschlag machen Sie als Liturgie-Expertin?
Jeggle-Merz: Wenn der Mensch von heute und insbesondere die jungen Menschen digitale Medien nutzen, müssen wir uns überlegen, wie wir das in den Gottesdienst hineinnehmen können. Wenn die Zugangsweisen digital sind, stellen sich auch theologische Fragen anders. Meine Generation nutzt digitale Medien, wir sind aber keine «digital natives». Junge Menschen hingegen schon. Jede Zeit hat ihre eigene Musik gefunden. So müssen wir auch heute Ausdrucksformen finden, die den Menschen heute entsprechen.
«Ich würde mir auch wünschen, dass manches schneller geht.»
Was macht Ihnen Hoffnung, dass sich die Kirche verändert?
Jeggle-Merz: In erster Linie, dass ein gemeinsamer Weg gegangen wird. Da entsteht ein Boden, auf dem Veränderungen möglich sind.
Was antworten Menschen, denen die Veränderungen in der Kirche nicht schnell genug kommen?
Jeggle-Merz: Sie sind zurecht ungeduldig! Ich würde mir auch wünschen, dass manches schneller geht. Dennoch gegen Veränderungsprozesse immer nur Schritt für Schritt.
* Birgit Jeggle-Merz (62) ist Professorin für Liturgiewissenschaft an der Hochschule Chur und der Universität Luzern.
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