Giuseppe Gracia gehört zu den prominentesten katholischen Stimmen in der Schweiz – und zu den umstrittensten. Früher arbeitete er für den reaktionären Bischof Vitus Huonder. Carmela Bonomi stellte Gracia existenzialistische Fragen von Ministranten und Firmbegleiterinnen.
Silvan Maximilian Hohl
Für Giuseppe Gracia ist der Fall klar. Der Sinn des Lebens sind die Liebe und die Beziehungen, die daraus entstehen. Das kann die Verbindung zu Gott sein, zu seinen Mitmenschen oder auch zur Natur. Auf die Frage, ob es eine Welt ohne Glauben geben kann, meint Gracia nur, dass auf jeden Fall viele Menschen ohne Glauben existieren. Denn Glauben hat viel mit Vertrauen zu tun – und das fehlt einigen Menschen.
Es brauche viel Vertrauen, an eine Schöpferkraft zu glauben, die liebend und gütig ist und dass der Mensch nicht einfach als ein Evolutionsprodukt in eine sinnlose Welt geworfen wird. Grundsätzlich sei es wichtig, dass man sich im Leben nicht am Zweifel festklammere, aber auch nicht zwanghaft versuche zu glauben. Denn beides wäre künstlich, so der Autor. Das Wichtigste sei, dass man offen bleibe für gute Erfahrungen.
Warum gibt es so viel Leid auf der Welt, wenn Gott so liebend ist, will Carmela wissen. Gracia erklärt, dass Gott den Menschen als ein freies Wesen schafft. Und als solches könne der freie Mensch sich eben auch für das Böse entscheiden. Daher komme die Schlechtigkeit auch nicht von Gott, sondern aus uns selbst.
Die Frage, die Giuseppe Gracia im Religionsunterricht umtrieb, war: Warum macht Gott uns so frei, dass wir als Spezies zu Gräueltaten wie zum Beispiel dem Holocaust fähig sind? Sein Religionslehrer meinte, wenn er uns diese Freiheit nicht geschenkt hätte, dass wir dann auch nicht frei genug wären, um zu lieben. Und Gott wolle die Liebe. Daher schenke er uns die Freiheit und nehme damit das Böse in Kauf.
Sind wir mit dem katholischen Glauben auf dem richtigen Weg, fragt Carmela. «Das kann ich so nicht sagen», antwortet der Kommunikationsexperte. Für ihn sei klar, dass die katholische Tradition die weiseste, die genaueste und tiefste Variante über die Erklärungen zu Gott sei.
Im Notfall entscheide er sich immer für die Tradition. Diese sei klüger als das eigene Ego und die momentane Erkenntnis. Und vor allem sei sie Tausende Jahre alt. Letzten Endes sei die Tradition nur eine eingefrorene Erfahrung.
In der Serie «Frag mal» stellen Jugendliche Fragen aus verschiedenen Lebensbereichen, die sie beschäftigen. Unsere Moderatorin Carmela Bonomi nimmt die Fragen auf und stellt sie dann prominenten Menschen aus Kirche und Gesellschaft. Die Fragen an Giuseppe Gracia stellten Firmbegleiterinnen und Firmbegleiter aus Oberrieden. Das Projekt wird in Kooperation mit der Jugendseelsorge Zürich durchgeführt.
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