Ist Gott demokratisch? Eine Frage, die auf den ersten Blick absurd erscheint. Und doch schafft es Otfried Höffe (79) in seinem neuen Buch, viel Interessantes zum Verhältnis von Demokratie und Religion zu sagen. Das Christentum sei demokratischer als der Islam.
Wolfgang Holz
Blickt man aufs Alte Testament und seinen Gott, findet man zunächst wenig, was auf einen demokratischen Umgang mit den Gläubigen schliessen lässt. Gott lässt Lots Frau zur Salzsäule erstarren, stellt Abraham mit einem Kindesmordversuch auf die Probe, zerteilt das Meer für die Flucht aus Ägypten. Mal ist er gnädig. Mal straft er. Mitbestimmung oder Partizipation sind darin kaum zu erkennen.
Angesprochen auf den Titel seines neuen Buches «Ist Gott demokratisch?», weiss Otfried Höffe sogleich zu relativieren: «Natürlich kann ein monotheistischer Gott nicht demokratisch sein. Aber das Christentum hat Wege gefunden, Gott zunächst als Trinität zu verstehen. Und der Mensch wurde ja schliesslich als Ebenbild Gottes geschaffen – worin alle Menschen gleich sind, gleich an Würde. Also kann man demokratische Elemente im Christentum attestieren.»
Die Demokratie ist eigentlich für das weltliche Wohl zuständig, die Religion für das spirituelle Seelenheil der Menschen. Im Hier und Jetzt – und vor allem im Jenseits. Das staatliche Prinzip der Gewaltenteilung und der Glaube an eine Allmächtigkeit existieren dennoch schon lange nebeneinanderher. Warum also ein Buch darüber?
Die rasante Entwicklung der Weltlage, Krisen und Konflikte machen das Verhältnis zwischen Religion und Demokratie hochaktuell. Hinzu kommt: «Weil Religionsgemeinschaften Teil des Gemeinwesens sind, treffen deren Ansprüche und Forderungen aufeinander», sagt Otfried Höffe.
Im Idealfall garantiert die konstitutionelle Demokratie, so Höffe, die Glaubens- und Religionsfreiheit und lässt Neutralität gegenüber Religionen walten. Die Religion ihrerseits wiederum hält sich an die staatlichen Gesetze, welche ein gesellschaftliches Zusammenleben ermöglichen.
«Beide Sphären sollten sich nicht in die andere einmischen», sagt der 79-jährige. Denn klar ist: Radikale und fundamentalistische Formen der Religion, die Gewalt zeitigen, vertragen sich nicht mit einem demokratischen Verfassungsstaat. Stichwort: Menschenopfer. Stichwort: Verstümmeln junger Frauen, beispielsweise.
Aber natürlich sind auch Kreuze in bayerischen Amtsstuben nicht ganz korrekt – was Höffe nicht abstreitet. «Doch das ist politisch damals etwas hochgespielt worden, weil es im Grunde von niemandem wirklich beanstandet wurde», sagt Otfried Höffe.
Andererseits sei die französische Laïcité, die Religion und Demokratie strikt voneinander trenne, kein Patentrezept für ein funktionierendes Nebeneinander: «Man muss die verschiedenen europäischen Traditionen respektieren.»
Der Islam scheint in letzter Zeit der «Troublemaker Nummer eins» zu sein, wenn es um Probleme zwischen Religion und Politik geht. Insbesondere der politische Islam, der die Scharia über das staatliche Recht stellt, und die Religion zum Staat macht. Siehe IS. Siehe Iran.
Wobei der Tübinger Professor zu den Vorstufen des politischen Islams nicht nur die Forderung zählt, dass etwa während der Arbeitszeit die vom Koran vorgeschriebenen Gebetszeiten zu vollziehen und bei der Ausübung eines öffentlichen Amtes das Kopftuch zu tragen seien.
«Bedenklich sind auch jene Koranschulen, die mit einem fundamentalistischen Weltbild den Jugendlichen erschweren, zu mündigen Bürgern heranzuwachsen.» Aus der Schweiz sei ja die Weigerung eines muslimischen Schülers bekannt, einer Lehrerin, «da sie eine Frau ist, die Hand zu geben».
Der renommierte deutsche Philosoph räumt ein, dass man den Islam in speziellen Ausprägungen als Religion durchaus als undemokratisch bezeichnen müsse: «Da der politische Islam grundsätzliche demokratische Errungenschaften wie die Menschenrechte und die Geschlechtergleichheit nicht anerkennt.»
Trotzdem ist Höffe überzeugt, dass der Islam zu Europa gehört: «Dort, wo Musliminnen und Muslime ihre Religion in den demokratischen Rechtsstaat integrieren, ohnehin unsere Amts- und Verkehrssprache beherrschen, zusätzlich sich in die Arbeits- und Sozialwelt einleben.» Auf diese Weise könnten sie sogar Teil eines europäischen Islams werden. Ein klares Votum für die Aufklärung und die staatliche Freiheit.
In seinem Buch lässt Otfried Höffe auf eine grundsätzliche philosophische Erörterung die historische Entwicklung von Religion und Demokratie folgen. Er zeichnet verschiedene Phasen der Ent- und Resäkularisierung nach, von der Antike bis zur Moderne, von Aristoteles, später Cicero über Augustinus und Thomas von Aquin, über Kant bis Hegel und Marx. Letzterer wurde ja durch sein Diktum legendär, dass Religion wie «Opium für das Volk» sei, das gesellschaftlichen und politischen Fortschritt blockiere.
Doch Religion bleibt für die Menschen auch nach politischen Freiheitsrevolutionen elementar. Religion ist laut Höffe sogar für den säkularen Staat bedeutsam. Durch ihren Einfluss auf die persönliche Gefühlswelt und das Seelenheil der Menschen, aber auch durch ihr Erbe in Sachen Kunst und Kultur.
«Architektonisch schöne Kirchengebäude prägen noch immer unsere Dörfer und Städte, und auch die Kirchenmusik und Sakralkunst sind ein wesentlicher kultureller Beitrag für demokratische Gesellschaften», sagt der deutsche Professor, der von 2009 bis 2015 Präsident der Nationalen Ethikkommission im Bereich der Humanmedizin der Schweiz war.
Höffe würdigt das Engagement der Kirchen, etwa «in Form von Stiftungen, Spitälern und karitativen Einrichtungen, durch die der Staat unterstützt und entlastet wird».
Andererseits sei die Demokratie auch heutzutage noch durch Religion gefährdet: «Weil Religionsgemeinschaften gegen Aberglauben, Fanatismus und Bigotterie nicht gefeit sind, die zu kulturellen Verwerfungen führen können», sagt Otfried Höffe. Wie zum Beispiel die jüngsten Abtreibungskontroversen in den USA und in Polen zeigen. Gleichzeitig sei auch eine «bedenkliche Demokratieverdrossenheit» in Form von Partei- und Politikverdrossenheit zu erkennen.
Damit das Nebeneinander von Religion und Demokratie weiterhin gut funktioniert, sind für Höffe Besonnenheit und eine gewisse Bereitschaft zum Verzicht grundlegend für die weitere Entwicklung menschlicher Gemeinschaft. Das gilt sowohl für die demokratische Staatsform als auch für die religiöse Praxis.
«Die Religionen müssen einsehen, dass die Demokratie mit der Religionsfreiheit jeder Religionsgemeinschaft politische Chancen gewährt und gewährleistet, die andere Staatsformen kaum bieten können und auf jeden Fall nicht überbieten können», ist Höffe überzeugt. Die Demokratie müsse ihrerseits begreifen, dass die Religionsfreiheit und die Neutralität gegenüber Weltanschauungen «ein zwar nicht einfaches, aber doch friedliches Miteinander erlaubt».
«Wegen immer wieder neuer Herausforderungen ist das Verhältnis von Demokratie und Religion störanfällig», bilanziert Otfried Höffe. Beide, Religion und Demokratie, scheinen einander irgendwie zu brauchen. Gott sei Dank.
Otfried Höffe (79) lehrte als Professor in Duisburg, Freiburg und Zürich. 1994 gründete er die Forschungsstelle für Politische Philosophie an der Universität Tübingen, wo er bis zu seiner Emeritierung 2011 auch als Professor für Philosophie tätig war. Sein neues Buch «Ist Gott demokratisch? Zum Verhältnis von Demokratie und Religion» erscheint am 10. Oktober im Hirzel-Verlag.
02.10.2022, 10.30 Uhr: Wir haben «Troubleshooter» in «Troublemaker» geändert.
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