Aufregung beim «Marsch fürs Läbe»: Plötzlich küssen sich zwei Frauen auf der Bühne. Kritikerinnen der Anti-Abtreibung-Kundgebung hatten sich auf die Rednerinnenliste geschmuggelt. Eine anarchistische Plattform bekennt sich zum Vandalismus an der Kirche Herz-Jesu Oerlikon.
In Zürich sind am Samstag mehrere Hundert Abtreibungsgegnerinnen und -gegner an einer Kundgebung durch Zürich-Oerlikon gezogen. Die Polizei verhinderte ein Zusammentreffen mit Gegendemonstrantinnen und -demonstranten.
Noch vor Beginn der Demonstration kesselte die Polizei rund 50 Menschen ein, die gegen die Kundgebung demonstrieren wollten. Die Gegendemonstranten seien nach einem kurzen Marsch gestoppt worden, teilte die Stadtpolizei Zürich mit.
Acht Personen hat die Stadtpolizei bis am Abend festgenommen, unter anderem aufgrund von verbotenem Waffentragen sowie Hinderung einer Amtshandlung. Gemäss Mitteilung hat die Polizei zudem mit Gummischrot und Tränengas eine Gruppe Gegendemonstranten daran gehindert, eine Polizeisperre zu durchbrechen.
Der «Marsch fürs Läbe» hätte nach der Platzdemo losgehen sollen, die um 14.30 Uhr begann. Mit etwas Verspätung startete der bewilligte Umzug schliesslich kurz vor 16 Uhr vom Marktplatz aus durch den Kreis 11. Gemäss den Veranstaltern zogen rund 1000 Menschen durch die Strassen. Die Route sei verkürzt geführt worden, teilte die Stadtpolizei mit.
Auf der Bühne hatte es zuvor einen Zwischenfall gegeben. Offenbar konnten sich Gegnerinnen ins Programm einschleichen: Eine Frau, die ihre Abtreibung angeblich bereut, stand auf der Rednerinnenliste. Sie entpuppte sich aber als Gegnerin, die dafür einstand, selber entscheiden zu wollen.
Sie kritisiert die Volksinitiative «Einmal darüber schlafen», die vor jedem Schwangerschaftsabbruch einen Tag Bedenkzeit einführen will. Die Initiative wurde im Dezember vergangenen Jahres von den SVP-Nationalrätinnen Andrea Geissbühler (Bern) und Yvette Estermann (LU) lanciert und befindet sich noch im Stadium der Unterschriftensammlung.
«Wir haben die Entscheidung über unsere Körper, niemand anders», sagte die Aktivistin auf der Bühne in Zürich-Oerlikon, und betonte: «Unsere Körper, unsere Entscheidung, unsere Strasse.»
Sie küsste eine andere Frau auf der Bühne, beide wurden von den Organisatoren von der Bühne geleitet. Entschuldigend sagte ein Veranstalter, dass man die Teilnehmenden eigentlich sehr genau kontrolliere.
Zu Beginn des eigentlichen Marsches formierten sich Dutzende weitere Gegendemonstranten in der Nähe des weiträumig und mit Gittern abgesperrten Marktplatzes. Sie skandierten aus sicherer Entfernung Parolen, störten den Marsch aber nicht weiter.
Der öffentliche Verkehr in Oerlikon wurde am Nachmittag vorübergehend eingestellt, auf einzelnen Tramlinien kam es zu Verspätungen oder Umleitungen, wie die Stadtpolizei Zürich im Kurznachrichtendienst Twitter mitteilte.
Um 16.30 Uhr kam der Demonstrationszug nach einem friedlichen Marsch wieder auf dem Marktplatz an. Gegen 17.30 Uhr endete die Veranstaltung. Das Polizeiaufgebot, um eine Konfrontation zu verhindern, war massiv. Ein Polizeihelikopter kreiste über Oerlikon. Schon vor Beginn der Demonstration hatte die Polizei rund um den Bahnhof Personenkontrollen durchgeführt.
Insgesamt 150 Personen seien weggewiesen worden, teilte die Stadtpolizei am Abend mit. An den Eingängen zum Marktplatz kontrollierten die Veranstalter die Teilnehmenden. Der «Marsch fürs Läbe» fand zum 12. Mal statt. Die Organisatoren aus mehrheitlich freikirchlichen Kreisen setzen sich gegen Abtreibungen ein.
Mit dabei war auch der emeritierte Weihbischof von Chur, Marian Eleganti. Er feierte in der Pfarrei Herz-Jesu Oerlikon eine Messe. Dort kam es im Vorfeld zu Vandalismus. Die Zahl 666 steht für den Antichristen. Unbekannte haben sie vor die Kirche Herz-Jesu Oerlikon gesprüht. In roten Lettern prangt auch das Wort «burn» an der Kirchenwand, «brennen». Die Messe fand unter Polizeischutz statt.
Das anarchistische Portal «barrikade.info» bekannte sich zu der Attacke: In der Nacht auf Freitag hätten Kritikerinnen und Kritiker des «Marsch fürs Läbe» der Kirche «einen Besuch abgestattet», berichtete das Portal. Die Kirche paktiere mit christlichen Fundamentalisten, «die die Rechte von Menschen mit Gebärmutter direkt angreift». (sda/rr)
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