«Jesus hat nie den Mächtigen gehorcht»: Maria 2.0 ruft in Zürich zu Ungehorsam auf

Die Kirche entmachten, um sie neu gestalten zu können: Dazu rufen Maria Mesrian und Lisa Kötter auf. Die beiden Mitbegründerinnen von Maria 2.0 sprechen in Zürich Klartext. Und der Churer Präventionsbeauftragte Stefan Loppacher schlägt Alarm.

Barbara Ludwig

«Ich wollte gemeinsam mit Maria, die in Köln zum Gesicht des Widerstands geworden ist, ein Buch schreiben», sagte Lisa Kötter, freischaffende Künstlerin aus Münster. Die katholische Theologin Maria Mesrian wiederum sprach von Lisa Kötter als dem «pulsierenden Herzen und Gehirn» von Maria 2.0. Am Freitagabend stellten die beiden Mitbegründerinnen der kirchlichen Reforminitiative im Gespräch mit Csongor Kozma, dem Direktor der Paulus-Akademie, ihr neues Buch vor. Der Abend fand in Zusammenarbeit mit kath.ch statt.

Weiter die Spur Jesu suchen

Die Zürcher Synodalratspräsidentin Franziska Driessen-Reding ist seit langem mit Maria Mesrian und Lisa Kötter in Kontakt. Es war ihre Idee, die beiden Reformfrauen nach Zürich zu bringen. Und es war Franziska Driessen-Reding, die den Abend in der Paulus-Akademie eröffnete.

Lisa Kötter betonte, es gehe ihr und auch Maria 2.0 nicht darum, gegen etwas zu arbeiten. Vielmehr habe sie in einem Buch darlegen wollen, welche Kirche ihr wichtig sei. «Wir sind überzeugt, dass Jesus für uns eine Spur gelegt hat. Diese Spur wollen wir weiter suchen», so Kötter, die im vergangenen Jahr aus der römisch-katholischen Kirche ausgetreten ist.

Maria Mesrian zählte vier Werte auf, die in ihrer Vision von Kirche wichtig sind und denen das Buch je ein Kapitel widmet: Gemeinschaft, Liebe, Gerechtigkeit und Freiheit. «Was mich antreibt, sind diese vier Werte und die Liebe zur Spur, die Jesus gelegt hat.» Die Theologin geht hart ins Gericht mit der römisch-katholischen Kirche. Die Kirche habe die Gläubigen mit diesen Werten «gefüttert». Doch letztlich würden diese Werte in der aktuellen kirchlichen Struktur nicht verwirklicht.

«Wandel ist nur möglich, wenn wir ihn selber gestalten.»

Maria Mesrian

«Jeder einzelne dieser Werte wird verraten. Nichts davon wird umgesetzt», kritisierte Mesrian mit Blick auf die absolutistisch-monarchische Organisation der Kirche und die Machtkonzentration. Seit der Gründung von Maria 2.0 ist die Theologin um einige Illusionen ärmer. Sie sei – das war 2019 – vor dem Kölner Dom mit einer Rede angetreten, die den Titel «Wandel ist möglich» trug. Heute ist Mesrian überzeugt: «Wandel ist nur möglich, wenn wir ihn selber gestalten. Die Kirche ist aufgrund ihrer Strukturen dazu nicht in der Lage.»

Die Analyse von Lisa Kötter ist nicht weniger schonungslos. Sie vergleiche manchmal die römisch-katholische Kirche mit einer alten Maschine, «die läuft und läuft und läuft» – und die auch mal geölt worden sei. «Aber die Schlüssel für die Reparatur haben nur eine paar wenige Leute. Wenn wir als Volk Gottes die Kirche umgestalten wollen, haben wir nicht einmal die Reparaturschlüssel dazu», sagte die Künstlerin.

Jesus hat Ungehorsam vorgelebt

Für Lisa Kötter ist deshalb klar: Es braucht eine Revolution, weil die Kirche monarchisch verfasst ist und ein Monarch seine Macht nie von sich aus abgebe. Für die Kirchenreformerin aus Deutschland ist eine Revolution ohne Gewalt möglich, wie sie mit Blick auf das Ende der DDR sagt. Was es aber brauche sei zunächst eine Entlarvung. Also die Erkenntnis, dass das, was die Kirche verspreche, nicht umgesetzt werde. Vor allem aber brauche es Ungehorsam.

«Ein grosses Vorbild ist hier Jesus von Nazareth. Er hat niemals den Mächtigen gehorcht», sagte Kötter. Jesus habe Vertrauen in Gott und die Menschen gezeigt. Genau dies vermisst sie aber in der Kirchenleitung. «Die Kirche arbeitet mit Angst und Kontrolle. Sie hat weder Vertrauen in Gott noch die Menschen.»

Politisch aktiv werden

Ihre Mitstreiterin Maria Mesrian plädierte dafür, für die Kirchen-Revolution auf politischer Ebene zu kämpfen. «Es braucht eine demokratische Verwaltung des Geldes», forderte sie. In Deutschland gibt es im Gegensatz zur Schweiz kein duales System. Aus diesem Grund verfügen die Bischöfe über die finanziellen Mittel.

«Wir müssen viel politischer denken», findet sie. So empfiehlt sie, den Staat in die Pflicht zu nehmen. Diesen müsse man darauf aufmerksam machen, dass die Kirche ein diskriminierendes System sei. «Der Staat soll der Kirche auf die Finger schauen.»

«Es sind nicht unsere Kirchen.»

Maria Mesrian

Das Buch der beiden Frauen trägt den Titel «Entmachtet diese Kirche. Und gebt sie den Menschen zurück». Der Direktor der Paulus-Akademie, Csongor Kozma, wollte von Mesrian wissen, ob das Zurückgeben nicht nur theologisch, sondern auch ganz konkret gemeint sei.

Die Theologin erzählte, sie habe sich tatsächlich mal überlegt, mit anderen Frauen «eine Kirche zu besetzen». Um dann nüchtern festzustellen: «Es sind nicht unsere Kirchen.» Die Schlüssel dazu habe der Pfarrer. «Wenn er will, kann er die Polizei rufen und uns raustragen. Das wäre uns grad recht so ein Bild!», meinte sie scherzhaft – eine Bemerkung, die die Gäste des Abends zum Lachen brachte.

Maria Mesrian plädierte dafür, die oft wenig genutzten Kirchen in «Menschen-Orte» umzuwandeln. In der Nähe des Bahnhofs Köln etwa gebe es einen Mahlzeiten-Dienst für Bedürftige. Sie findet, man könnte die Mahlzeiten auch direkt in einer der Kirchen verteilen.

Mangelhafte Personalführung als Risiko

In der Diskussion mit dem Publikum wurde schliesslich auch das Thema Missbrauch und dessen Prävention angesprochen. Unter den Gästen fanden sich die beiden Präventionsbeauftragten des Bistums Chur, Stefan Loppacher und Karin Iten.

Loppacher sagte zur Situation im Bistum Chur, es bestehe «das Risiko, dass Präventionsbemühungen durch eine mangelhafte Personalpolitik sabotiert werden». Er forderte eine «sorgfältigere Auswahl» von kirchlichem Personal und «ein engmaschigeres Netz, um gefährliche Personen fernzuhalten».

Der Diözesanrichter stellte auch die Frage in den Raum: «Wurden Kirchgemeinden in den letzten Jahren tatsächlich jeweils transparent über problematische Hintergründe einer anzustellenden Person in Kenntnis gesetzt?» Auch wenn Loppacher dies als Frage formulierte, war den Anwesenden die Antwort klar: Nein. Aufgrund des Priestermangels würden Priester oft «mit Handkuss» genommen – ohne sie auf eine möglicherweise problematische Vergangenheit zu durchleuchten.

Miserable Qualität in der Beziehungsgestaltung

Auch Karin Iten ortete Defizite in der kirchlichen Personalpolitik. Aus ihrer Sicht geht es nicht um Vertuschung. Vielmehr fehle es an Professionalität in der Führung, die etwa bei Nähe-Distanz-Problemen im Graubereich eingreife. Man habe zu wenig gute Leute. «Das ergibt eine miserable Qualität in der Beziehungsgestaltung.» Dies sei nicht tolerierbar in diesem Beruf, wo es so viel Sorgfalt und Achtsamkeit brauche.


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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