Michail Gorbatschow ist tot. Er war eine Art sozialistischer Popstar, der mit «Perestrojka» und «Glasnost» die westliche Welt begeisterte. Doch wie war das damals in der Sowjetunion? Ein persönlicher Rückblick auf bewegte Studententage in Moskau 1988/89.
Wolfgang Holz*
Da stehen schimmernd ein paar Kola-Flaschen im Laden neben der Universität. Wow, sowjetische Kola! Nichts wie zugreifen! Doch ohne Einkaufstasche ist das ein schwieriges Unterfangen. Na, dann komme ich halt nachher nochmals vorbei.
Doch oh Schreck «Kola usche netu – die Kola ist nicht mehr da!», sagte der gelangweilte Verkäufer zwei Stunden später und zuckte mit den Schultern. Dagegen prangten in dicken Lettern weiterhin jene sozialistischen Sprüche auf dem Dach des Gebäudes, die niemanden mehr interessierten.
Die Lektion eins des «Homo sovieticus» hatte ich schnell gelernt: «Nimm immer eine Einkaufstasche mit, wo immer du hingehst. Denn du weisst nie, was es plötzlich zu ergattern gibt!» Dass es irgendwo immer etwas zu holen gab, konnte man an den täglichen Schlangen in Moskau sehen, die sich plötzlich vor einem Geschäft bildeten.
Schlange heisst «otschered» auf Russisch und gehörte zum Grundvokabular des Sowjetbürgers – auch in Gorbatschows Zeiten. Die Schlangen wurden in seiner Ära sogar wieder länger, weil der Staat pleite war. Weil infolge des «Perestrojka»-Umbaus traditionelle Versorgungswege Schiffbruch erlitten.
Als Austauschstudent des Deutschen Akademischen Austauschdiensts (DAAD) verbrachte ich 1988/1989 ein Jahr lang in Moskau an der Lomonossow-Universität. Mein Jahr in Moskau war eine Mischung aus Neugier, Lebenslust und Euphorie. Gleichzeitig war es eine Zeit täglicher Entbehrungen und Unannehmlichkeiten. Improvisation war das Motto der Stunde.
Mit «Michail Sergejewitsch», wie die Russen in Moskau Gorbatschow liebevoll mit Vornamen und Vatersnamen anredeten, änderte sich zwar der Trott in der Sowjetunion. Es war die Zeit eines unglaublichen geistigen Aufbruchs. Russen suchten verstärkt Kontakte zu den Westlern und waren alle sehr gastfreundlich. Doch in der täglichen Lebensmittelversorgung haperte es nach wie vor enorm. Und im Kreml herrschte weiter das Politbüro.
Ich wohnte in einem Studentenzimmer im 14. Stock. Das war eines jener imposanten Stalin-Gebäude im monumentalen Zuckerbäckerstil, das deutsche Kriegsgefangene in den 1950er-Jahren errichtet hatten. Von dort aus genoss ich einen phänomenalen Blick auf die Skyline von Moskwa. In der Ferne schimmerten bei gutem Wetter ohne Smog die goldenen Türme des Kremls, und die vielen Schlote der Kohlekraftwerke stachen in den Moskauer Himmel.
Das Schwierigste für mich war es, jeden Tag etwas Brauchbares zum Essen zu finden. Denn in meinem Zimmer hatte ich keinen Kühlschrank. Das Lagern von Lebensmitteln auf dem Fenstersims brachte nichts – die frassen die Raben und Tauben weg.
Ausserdem gab es zig Kakerlaken, die jeden Brotkrümel im Zimmer mit Genuss verspeisten. Kakerlaken, die sich durch mitgebrachte westliche Schädlingssprays nicht wirklich beeindrucken liessen. Selbst zu kochen war ein schwieriges Unterfangen. Die Einschaltknöpfe an den völlig runtergekommenen Gasherden in der Stockküche waren meistens weg – geklaut oder in Besitz genommen von Studenten und Studentinnen, die dort regelmässig kochten.
Auch Privilegien, wie etwa als westlicher Student die Professoren-Mensa in Anspruch nehmen zu können, waren nicht wirklich appetitlich. Das «Gowiadina», das Rindfleisch, war zäh wie Schuhsohlen. Die Studentenmensa andererseits war meinem Magen nicht wirklich zuträglich. Nach meinem ersten Brechanfall infolge Verzehrs einer fetten sowjetischen Wurst reduzierte ich meine Kost auf Trockenkekse, vietnamesische Früchte und mitgebrachte Schokoladenvorräte. Und auf das, was eben sonst noch auf der Strasse so zu kriegen war.
«Pelmeni», die russische Variante italienischer Tortellini, die ich manchmal in einer Moskauer Strassenkantine ass, wenn ich in der Lenin-Bibliothek arbeitete, versetzten mich hinterher jeweils in einen halbstündigen Verdauungsschlummer im privilegierten Lesesaal 1. Wobei ich zu spüren glaubte, wie jeder einzelne Pelmen in meinem Magen verarbeitet wurde.
Zwei Etagen tiefer übrigens, in den Toiletten der Lenin-Bibliothek, wischten sich die sowjetischen Akademiker mit Papierzetteln der gleichen Art, mit denen sie sich zuvor ihre Bücher zur Ausleihe bestellt hatten, den Hintern ab. Kot lag oft neben den Kloschüsseln. Klopapier war auch unter Gorbatschow ein «bolschoi defizit». Ein grosser Mangel.
Doch dann kam Viktor Vladimirowitsch Golubkow. Ich hatte den Physik-Dozenten beim Tennisspielen auf den Uni-Courts kennen gelernt. Viktor war meine Rettung. Denn er lud mich immer wieder zu sich nach Hause im Proletarskij-Raion ein. In seiner Miniküche mit zwei Klappstühlen und einem Liegesofa brutzelte er stets etwas Leckeres.
Vor allem floss der Wodka als Sorgenkiller in Strömen – trotz des «suchoj zakons», des trockenen Gesetzes, das Gorbatschow verordnet hatte, um der Trunksucht in den Betrieben Herr zu werden. Als der Wodka in den staatlichen Läden aber knapp wurde, kochte die Volksseele, und die Leute gingen auf die Barrikaden. Es gab Schlägereien vor den Alkoholgeschäften.
Ich selbst brauchte einmal zu Fuss mit Metro und Bus fast einen ganzen Tag lang, um in staatlichen Läden in Moskau für meine Geburtstagsfeier im Studentenwohnheim drei Flaschen «Schampanskoje» im Rucksack zu ergattern. In den «Beriozka»-Ausländerläden, wo man mit Devisen Vieles bekam, wollte ich nicht shoppen gehen. Das versagte einem die Solidarität mit den Russen.
Und da war ja noch Viktor, der wusste, wie es geht. Grossgeworden in der Sowjetunion und aufgewachsen mit seiner ganzen Familie in einer stalinistischen «Einzimmer-Kommunalka», kannte er die Beschaffungswege im Sozialismus.
Er wohnte beispielsweise neben einer Wurstfabrik, in der er jemanden kannte. Er gab Nachhilfeunterricht an der Uni und erhielt dafür etwas «pod lawka», sprich: unter der Hand». Und falls auch bei ihm mal der Wodka ausgehen sollte, hatte er immer noch den «Spirt» zur Hand: 90-prozentiger Alkohol. Ein Teufelszeug.
Viktor war es auch, der mir immer die neuesten Enthüllungsstorys in den schnell vergriffenen Zeitungen wie der «Literaturnaja Gaseta» und im «Ogonjok»-Magazin präsentierte. Täglich gab es neue Geschichten über stalinistische Verbrecher. Über korrupte Politiker. Über staatliche Kriminalität. Über den Niedergang der Partei.
Die Skandale potenzierten sich. Die «Glasnost», die von Gorbi verordnete öffentliche Transparenz, zeigte ihre volle Wirkung. Die Demokratie wuchs im Bewusstsein heran.
Auch verbotene Literatur wie etwa Michail Bulgakovs Roman «Meister und Margarita» konnten plötzlich als Bücher erscheinen. Massenprotestkundgebungen erzürnter Bürger auf öffentlichen Plätzen, vor dem riesigen Lenin-Stadium etwa, lockten zu Tausenden Unzufriedene an und machten Hoffnungen auf weitere politische Lockerungen in Gestalt der «Perestrojka».
Man spürte, dass Gorbatschow die Kontrolle aufgrund der von ihm verordneten Freiheiten immer mehr aus den Händen zu entgleiten drohte. Meine fröhliche Geburtstagsfeier wurde etwa dadurch getrübt, dass just in derselben Nacht Gorbatschow einen Aufstand in Tiflis 1989 brutal hatte niederschlagen lassen und für Trübsal unter sämtlichen westlichen Studenten sorgte.
Auch Viktor, der in zweiter Ehe mit einer charmanten Georgierin verheiratet war, jedoch aufgrund der Wohnungsknappheit stets allein in seinen eigenen vier Wänden lebte, war von Gorbatschow nie begeistert. Sein Herz schlug für Boris Jelzin. Den Moskauer Volkstribun mit radikalen demokratischen Parolen. Als Jelzin 1991 schliesslich die Macht übernahm, nachdem Gorbatschow abdanken musste, hoffte auch Viktor auf ein neues Leben mit echtem Wohlstand und Freiheit.
Ein Traum, der nur bedingt in Erfüllung ging. Viktors Bruder, Familienvater und einer der neuen «Bisnessmeny»- Geschäftsleute in der Jelzin-Ära, ist bis heute spurlos verschwunden. Vermutlich umgebracht von mafiösen Kreisen.
Viktors anthroposophische Privatschule in Moskau funktionierte einige Jahre ordentlich. Doch dann ertrug seine dritte Frau, eine Schweizerin, das Leben in Moskau nicht mehr. Nach dem Tod seiner Mutter verkaufte er seine Moskauer Wohnungen für lukratives Geld und zog nach Frankreich. In Marseille lebt er heute 72-jährig mit seiner Tochter. Ich habe keinen Kontakt mehr zu ihm. Denke aber oft an ihn.
Für mich persönlich ist und bleibt Michail Gorbatschow eine politische Legende. Weil er den Ton und die Stimmung in der russischen Gesellschaft radikal verändert und die Menschen für die Demokratie geöffnet hat. Eine Revolution der besonderen Art.
Als dann am 9. November 1989 in Berlin die Mauer fiel, stand ich weinend vor dem Küchenschrank in meiner Konstanzer Studentenbude. Ich freute mich vor allem für die neue Freiheit all jener DDR-Studentinnen und -studenten, die ich in Moskau kennen und schätzen gelernt hatte.
* kath.ch-Redaktor Wolfgang Holz (60) studierte an der Universität Konstanz Politik, Slawistik und Anglistik. Von 1988 bis 1999 absolvierte er ein Auslandsjahr an der Lomonossow-Universität in Moskau.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant