«Das Zweite Vatikanische Konzil (1962–1965) scheint längst vergessen. Es hatte im Dokument «Gaudium et Spes» noch betont, die Kirche dürfe in keiner Weise hinsichtlich ihrer Aufgabe und Zuständigkeit mit der politischen Gemeinschaft verwechselt werden. Die politische Gemeinschaft und die Kirche seien auf je ihrem Gebiet voneinander unabhängig und autonom, also «eigen-gesetzlich».
Davon ist in den «Synodalen Wegen» in Deutschland und in der Schweiz wenig übrig geblieben. Dort gilt stillschweigend, was schon das Volk Israel dem Propheten Samuel gegenüber trotzig reklamiert hat: «Auch wir wollen wie alle anderen Völker sein» (1 Samuel 8, 20).
Gott scheint tot zu sein. Und der Gottessohn Jesus Christus ist als der Weg, die Wahrheit und das Leben (Johannes 14,6) entbehrlich geworden – genauso wie seine Priester, über deren Existenzberechtigung man ergebnisoffen diskutiert.
Die Kirche in Deutschland und in der Schweiz steht mit den «Synodalen Wegen» wieder dort, wo sie sich vor 200 Jahren befunden hatte. Schon damals erkannte der Tübinger Theologe Johann Adam Möhler (1796–1838), dass hinter kirchenpolitischen Forderungen wie der Abschaffung des Zölibats eine Ideologie wirksam war, die alles nur «endlich» zu begreifen vermöge und deshalb dem «Glauben an ein Einwirken des Unendlichen ins Endliche» feindlich gesinnt sei.
Der Angriff auf den Zölibat erfolge deshalb nicht zufällig, bemerkte er in seiner Schrift «Vom Geist des Zölibates» (1828). Denn dieser enthalte «ein unverkennbares Zeugnis von der Nicht-Einerleiheit der Kirche und des Staates» – letzterer zu Möhlers Zeiten noch verstanden als das Gesamt der säkularen Gegenöffentlichkeit.
Er halte den Gegensatz von Kirche und Staat fest, werde den «Untergang» jener in diesen «ewig verhindern» und die «Verweltlichung der Kirche» hemmen. Je mehr man daher alles durch Zurückführung auf diesen zu verendlichen suche, desto mehr müssten «der Primat und der Zölibat gemeinsam ein Gegenstand des Hasses werden».
Auch der «Synodale Weg» ist der Ausdruck der Überzeugung, dass es «ein Einwirken des Unendlichen ins Endliche» nicht gebe. Deshalb liefert er die Kirche dem Säurebad des säkularen Zeitalters aus. In der solcherart nationalkirchlich verzwergten Kirche wirkt nicht mehr die «Macht Gottes» in der «Schwäche der Zeugen». Letztere nehmen in der religiösen Demokratie das Heft selbst in die Hand. Die von ihnen verendlichte Kirche teilt dann jedoch das Geschick der Demokratien. Dieses besteht gemäß Tocqueville darin, dass sie nur durch Erfahrungen lernen können. Die Erfahrung, welche die selbstsäkularisierte Kirche machen wird, hat schon Jesaja (7, 9) auf den Punkt gebracht: «Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht.»
Martin Grichting ist Domherr des Bistums Chur und ehemaliger Generalvikar. In einem Gastkommentar für die «Welt» (31. August) kritisiert er den synodalen Prozess. (rr)
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