Locarno greift Gewalt, Zerstörung und spirituellen Missbrauch auf

Gewalt zuhause oder im Klosterinternat: Das Filmfestival von Locarno zeigt auch verstörende Momente. Der österreichische Film «Serviam – Ich will dienen» bringt einen spirituellen Missbrauch durch eine Nonne auf die Leinwand. Ruth Maders Produktion erhält einen «Junior Jury Award».

Charles Martig

Im internationalen Wettbewerb von Locarno waren vor allem Filme zu sehen, die sich mit Gewalt und Zerstörung auseinandersetzen. Im Film «Tengo sueños eléctricos» kann sich die 16-jährige Eva der Gewalt ihres geliebten Vaters nicht entziehen.

Gewalt und Erwachsenwerden sind bei Eva eng verstrickt. Gibt es ein Entkommen aus dieser animalischen Aggression, die in Menschen angelegt ist?

Intensives Spiel

Das Spiel der Hauptdarsteller ist dermassen intensiv, dass sowohl die weibliche als auch die männliche Besetzung den Preis für die beste Schauspielleistung erhalten: Daniela Marín Navarro und Reinaldo Amien Gutiérrez. Und Valentina Maurel erhält den Leoparden für die beste Regie. «Tengo sueños eléctricos» ist eine Produktion aus Belgien, Frankreich und Costa Rica.

Ausser diesen drei Leoparden hat auch die Ökumenische Jury den Film mit einer lobenden Erwähnung ausgezeichnet: «Der Film begleitet den Weg eines jungen Mädchens in einem familiären Umfeld, das geprägt ist von Brüchen, Gewalt, aber auch von Liebe», begründet die Jury die lobende Erwähnung.

Schwesternliebe gegen toxische Männlichkeit

Aus der Slowakei präsentierte die junge Regisseurin Tereza Novotová eine Hexengeschichte aus moderner Perspektive. «Svetlonoc» ist ein Film von Frauen gegen die Gewalt an Frauen. Sie greifen dafür in die archaischen Schichten des Hexenglaubens und kombinieren diese mit der Geschichte eines Schwesternpaars. Die beiden nehmen für sich in Anspruch, ihr eigenes Leben zu führen, jenseits von toxischer Männlichkeit und Gewalt.

Trotz schockierende Gewaltszenen ist der Film ein Versuch, die magische Wärme der Schwesternliebe zu inszenieren. Sie überwindet alles. «Svetlonoc» gewann einen goldenen Leoparden für den besten Film in den «Cineasti del presente», dem zweiten Wettbewerb des Festivals für junge Filmschaffende.

Der goldene Leopard im Hauptwettbewerb geht an den Film «Regra 34» aus Brasilien. Die Regisseurin Julia Murat setzt sich hier mit dem Thema von Gewalt und Erotik auseinander.

Dienen als spiritueller Missbrauch

Erst vor rund drei Jahren hat im deutschsprachigen Raum die Diskussion über den spirituellen Missbrauch begonnen. Wichtig war dabei das Engagement von Doris Reisinger. Dass es nun einen Film im Wettbewerb von Locarno gab, der unter dem Titel «Serviam – Ich will dienen» läuft, ist also nicht erstaunlich. Die Österreicherin Ruth Mader inszeniert die Geschichte eines Mädchen-Internats in der Nähe von Wien in den 1980er-Jahren als Thriller mit Anleihen aus dem Horrorfilm, vor allem was die Tonspur angeht.

Die streng gegliederten und komponierten Bilder entsprechen der strengen Ordnung im Internat, das unter der Leitung der jungen Nonne steht – konsequent und furchterregend gespielt von Maria Dragus.

Aus theologischer Sicht spielen aber nicht die filmischen Mittel den Fokus dieses Films. Er ist vielmehr eine Analyse der systematischen Bedingungen von spirituellem Missbrauch. Was die Ordensfrau mit den besonders willigen Schülerinnen macht, ist eine klassische Überhöhung des katholischen Frauenbildes als unterwürfig dienendes Wesen. Hierin fühlt sich Martha als religiöse Musterschülerin besonders begabt. Der spirituelle Missbrauch durch die Nonne hat tragische Folgen. Der Film wird zu reden geben – auch, weil er den dritten Platz der Junior-Jury erhalten hat.

 


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