Kann Kunst die Welt retten? Mit dieser Frage beschäftigt sich der Gewinner-Film der Ökumenischen Jury von Locarno, «Tales of the Purple House». Falls die Sintflut kommen sollte, wäre ein violettes Haus im Libanon der richtige Ort zum Überleben.
Charles Martig
Mit einer Meditation über das Leben im Libanon erschliesst sich in «Tales of the Purple House» eine neue Welt. Der Regisseur Abbas Fahdel filmt seinen Alltag im violetten Haus, wo er zusammen mit der Malerin Nour Ballouk lebt.
Der Garten des Hauses ist wunderschön und gleicht einem Garten Eden. Im Wissen um die Flüchtlingskrise im Libanon – mehr als eine Million Syrerinnen und Syrer leben im Land – und um die desolate politische und wirtschaftliche Lage inszeniert der Film einen Blick auf die Welt, in der die Zeit verlangsamt wird, manchmal sogar stillsteht.
Abbas Fahdel sagt zu seinem Werk: «Kann Schönheit die Welt retten? Kann uns die Kunst vor der Realität retten?» Sein Film «Tales of the Purple House» versucht, diese Fragen zu beantworten, indem er verschiedene Dinge zusammenbringt.
«Ästhetik und Politik, Intimes und Universelles. Der Film bringt den starken Glauben an die rettende Kraft der Bilder zum Ausdruck. Sie sind eine bildliche Arche Noah in Zeiten der Sintflut», sagt Abbas Fahdel. Während sich die Welt im Niedergang befindet, gibt es weiterhin die Poesie der Bilder, die vom «Purple House» und von der Natur im Libanon ausgehen.
Aber auch viele Bildzitate reichern das Werk an: Es sind Fotos vom Borbardement des Hauses von Nour Ballouk, das sie als junge Frau nur knapp überlebt hat. Ihre Bilder wurden zerstört. Aber bis heute malt sie weiter ihre wunderbaren Bilder von Bäumen, Blumen, Selbstporträts.
Abbas Fahdel verwendet Filmzitate, um Stimmungen zu erzeugen. Er zeigt die Folgen der Explosion im Hafen von Beirut, die viele Menschenopfer forderte. Aber auch persönliche Begegnungen mit syrischen Flüchtlingen, die bis heute in Zeltstätten leben.
Erstaunlich ist die Tatsache, dass in diesem Dorf Kirche und Moschee sich in unmittelbarer Nachbarschaft befinden. Der Bürgerkrieg im Libanon konnte dieses Dorf nicht spalten. Der Zusammenhalt in der Gemeinde ist weiterhin stark.
Über drei Stunden dauert die Meditation über das purpurne Haus mit seinen Kunstwerken, seinem Alltagsleben in der Corona-Pandemie und seinem beruhigenden Garten, in dem manchmal auch ein Spatz sein Leben lassen muss, wenn die Katzen hungrig sind.
Falls die Sintflut kommen sollte, wäre hier der richtige Ort zum Überleben. Im Kino gibt es also eine Zeit und einen Ort, der sich wie eine Arche Noah anfühlt. Dieser Glaube an die Poesie als Retterin in der Not hat die Ökumenische Jury am Locarno Film Festival mit ihrem Preis ausgezeichnet.
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