Tamilen-Seelsorger voller Sorge: «Wir beten viel, damit sich die Situation verbessert»

Wirtschaftskrise, Demonstrationen, Gewalt: Sri Lanka kommt nicht zur Ruhe. Voller Sorge blickt Pfarrer Douglas Milton Logu in seine Heimat. Der Tamilen-Seelsorger sammelt Geld in der Schweiz, um die Ärmsten der Armen zu unterstützen.

David Meier

Father Douglas, haben Sie Angehörige in Sri Lanka?

Douglas Milton Logu*: Ja, unter anderem meine Eltern wohnen im nordöstlichen Teil von Sri Lanka.

Wie geht es Ihren Eltern?

Logu: Es geht ihnen den Umständen entsprechend gut. Ich muss dazu sagen: Im nordöstlichen Teil von Sri Lanka, wo ein grosser Teil der tamilischen Minderheit lebt, gibt es schon seit Jahren eine ökonomische Krise. Wir Tamilen haben solche Situationen schon mehrere Male erlebt – wir sind also an Krisen gewöhnt. Trotzdem ist es tragisch, welche Menschenrechtsverletzungen wir erdulden mussten. Wir beten viel, damit sich die Situation verbessert. In Colombo, wo die Proteste momentan hauptsächlich stattfinden, gibt es viele Medien. Dadurch wird sofort – für die ganze Welt – sichtbar, wenn gegen die Rechte der Menschen verstossen wird.

Nehmen die Tamilinnen und Tamilen an den Protesten teil?

Logu: Es nehmen vor allem die Tamilen teil, die in Colombo leben. Auch in anderen Städten dauern die Proteste nach wie vor an. Seit nunmehr drei Monaten wird Tag und Nacht demonstriert.

«Die Regierung hat viel Geld von China und Indien ausgeliehen. Jetzt sind die Kredite fällig.»

Warum wird demonstriert?

Logu: Es gibt eine grosse Unsicherheit. Vor allem wird demonstriert, weil es wirtschaftlich sehr schlecht läuft. Es gibt kein Benzin mehr, auch das Essen wird knapp. Meiner Meinung nach hat sich diese Krise über die letzten 30 bis 35 Jahre entwickelt, weil es viel Korruption gab – im Parlament, aber auch rund um den Premierminister und den Präsidenten. In den vergangenen Jahren wurden auch grosse Fehlentscheide gefällt: Die Regierung hat viel Geld von China und Indien ausgeliehen. Jetzt sind die Kredite fällig, die jedoch nicht zurückbezahlt werden können. Das alles hat zur wirtschaftlichen Krise geführt.

Die Situation hat sich auch wegen anderer Faktoren zugespitzt. Der Bürgerkrieg zwischen den Ethnien hat die Lage verschlechtert, auch wenn er jetzt nicht mehr mit Waffen ausgetragen wird. Hinzu kamen die Corona-Krise und der Ukraine-Krieg, die auch Sri Lanka stark beeinflussen.

Wie unterstützen die Tamilinnen und Tamilen in der Schweiz ihre Angehörigen?

Logu: Wir sammeln innerhalb der tamilisch-katholischen Gemeinden in der Schweiz Geld für unsere Angehörigen und die besonders Betroffenen. Zudem arbeiten wir mit der Caritas zusammen, um Lebensmittellieferungen zu bewerkstelligen. Reis und andere Lebensmittel werden momentan ins Land gebracht.

Wie ist die Kirche in Sri Lanka organisiert?

Logu: Es gibt 12 Diözesen in Sri Lanka. Vier davon sind tamilisch – ich selber komme aus einem tamilischen Bistum. Die Katholiken bilden mit rund sieben Prozent der Gesamtbevölkerung eine kleine Minderheit. 

«Die Verantwortlichen müssen zur Rechenschaft gezogen werden.»

Was tut die katholische Kirche vor Ort in der momentanen Lage?

Logu: Die Bischofskonferenz hat ein Statement erarbeitet, in dem sie einen Wechsel an der Staatsspitze fordert. Kardinal Albert Malcolm Ranjith, Erzbischof von Colombo, erhebt zudem regelmässig seine Stimme. Er kritisiert zum Beispiel auch immer wieder, dass der Bombenanschlag nicht aufgeklärt wurde, der 2019 an Ostern auf eine Kirche erfolgte. Bis jetzt ist nichts passiert, der Terrorismus wurde überhaupt nicht bekämpft. Auch hier braucht es einen Wandel. Die Verantwortlichen müssen zur Rechenschaft gezogen werden.

Wie geht es politisch weiter?

Logu: Das Parlament hat vor ein paar Tagen Ranil Wickremesinghe, den vorigen Premierminister, zum Präsidenten gewählt. Er ist also nicht vom Volk gewählt worden. Trotzdem habe ich Hoffnung. Wenn er einhält, was er in seiner Antrittsrede vor dem Parlament versprochen hat, dann könnte ein Umschwung möglich sein.

Sehen Sie Anzeichen für eine Verbesserung im Land?

Logu: Es ist ein bisschen besser geworden – zum Beispiel gibt es wieder ein wenig mehr Benzin. Aber es ist noch zu früh, um ein Urteil zu fällen.

* Pfarrer Douglas Milton Logu (44) ist einer der Tamilen-Seelsorger in der Schweiz. Er ist für 17 Kommunitäten zuständig, für die er pro Monat an 24 verschiedenen Orten die Messe feiert.


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