Vatikan-Aussenminister Gallagher verteidigt in einem Interview die Vatikan-Diplomatie mit Blick auf die Ukraine. Er geht auch auf die Videokonferenz mit Patriarch Kyrill ein, an der Kurt Koch teilgenommen hatte.
Nach einem möglichen Ende des Ukraine-Kriegs wird nach Aussage des vatikanischen Aussenministers, Erzbischof Paul Gallagher, in Europa nicht alles wie vorher sein. «Ein ausgewachsener Krieg in Europa ist möglich, trotz aller Institutionen, trotz allen Fortschritts», warnte der englische Kurienerzbischof im Interview des Podcast «Himmelklar» (Mittwoch).
In Europa habe man den Frieden «zu lange als Gegebenheit hingenommen und nicht mehr dafür gearbeitet – persönlich, individuell, gemeinschaftlich und institutionell. Frieden muss geschaffen und gestärkt werden. Das haben wir versäumt.»
Schon den Weckruf der Jugoslawienkriege 1991 bis 2001 habe man überhört. Gallagher ist seit 2014 Aussenbeauftragter des Heiligen Stuhls und damit zuständig für die Beziehungen zu den Staaten.
Nun gelte es aufzupassen, dass die Welt nicht wie im Ersten Weltkrieg in einen ganz grossen Konflikt hineinschlittere. Dabei verteidigte Gallagher die Position des Heiligen Stuhls. Dieser sei politisch neutral, keinesfalls aber in seiner Reaktion auf das Leid in der Ukraine. «Wir sind neutral, aber nicht ethisch gleichgültig», so der Diplomat. «Wir heissen nicht irgendetwas gut, das Russland tut.»
Für einen möglichen Besuch von Franziskus gebe es noch keine konkreten Planungen, sagte Gallagher. Erst müsse sich zeigen, wie der Papst die Kanada-Reise gesundheitlich überstehe. Eine Reise nach Kiew dauere zwei Tage – und zwei Tage zurück. «Wenn Kanada einigermassen gut läuft, könnte es mit der Planung relativ schnell gehen.»
Auf die Frage, ob der Vatikan mit Blick auf Russland nicht zu zurückhaltend agiere, sagte der Aussenminister: «Ich denke, wir bieten Kiew die grösste Unterstützung und die intensivsten Kontakte an. Ich denke, die Position des Heiligen Vaters, was seine Unzufriedenheit und Kritik am Moskauer Patriarchat angeht, ist auch ganz klar. Schauen Sie sich die Videokonferenz mit Kyrill I. an, an der neben Papst Franziskus auch Kardinal Koch teilnahm.»
Im März 2022 hatte es eine Videokonferenz zwischen Papst Franziskus und seinem Ökumene-Minister, Kurienkardinal Kurt Koch, sowie dem Moskauer Patriarchen Kyrill und seinem damaligen Aussenbeauftragten Hilarion gegeben.
Papst Franziskus und Kardinal Koch zeigten sich später unzufrieden über das Gespräch. Kyrill habe 20 Minuten lang die russischen Kriegsgründe erläutert und legitimiert. Daraufhin habe Franziskus entgegnet: «Wir sind doch nicht Kleriker des Staates, sondern wir sind Hirten des Volkes und haben deshalb keine andere Botschaft als diejenige, diesen Krieg zu beenden. Das war eine sehr klare Botschaft. Ob sie so beim Patriarchen angekommen ist, kann ich nicht beurteilen», sagte Koch im April.
Vatikan-Aussenminister Gallagher zeigt Verständnis dafür, «dass die Menschen immer wollen, dass man in einem Konflikt eine Seite wählt». Allerdings habe das in der Geschichte bislang noch nie geholfen: «Der Heilige Stuhl bietet Unterstützung an, besonders für die Ukraine. Auf der anderen Seite müssen wir im ökumenischen und politischen Dialog ein gewisses Mass an Offenheit gegenüber allen Seiten behalten.» (kna/rr)
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