Der Ritterschlag eines Lokalpolitikers durch einen russischen Prinzen in Luzern hat Wellen geschlagen. Gemäss Recherchen von kath.ch handelt es sich beim Verein, der dahinter steht, um einen «Schwindelorden». Konfrontiert mit den Vorwürfen passt dieser seinen Webauftritt an.
Barbara Ludwig
Die Zeremonie in der Luzerner Peterskapelle sorgte für Schlagzeilen: Am 11. Juni schlug der in Frankreich lebende russische Prinz Wladimir Bariatinsky den SVP-Politiker Marco Frauenknecht, Stadtrat von Kriens LU, zum Ritter. Die «Sonntagszeitung» (10. Juli), die als erste darüber berichtete, warf Bariatinsky Sympathien für den russischen Staatspräsidenten Wladimir Putin und dessen Angriffskrieg auf die Ukraine vor. Derselbe Vorwurf wurde Hans Georg Youriewsky wegen früherer Interview-Aussagen gemacht. Youriewsky, der mit seiner Gattin der Zeremonie beiwohnte, bezeichnet sich auf seiner Webseite als «letzten lebenden Urenkel eines russischen Zaren».
Die Ritterschlags-Zeremonie folgte auf einen katholischen Wortgottesdienst, der ebenfalls in der Peterskapelle stattfand. Organisiert hatte das Ganze eine schweizerische Vereinigung, die sich auf den ehemaligen kaiserlich-russischen St. Georgs-Orden beruft. Das war bis zum Untergang der russischen Monarchie ein militärischer Verdienstorden. 2000 hat ihn Putin wiederbelebt, der St. Georgs-Orden wird heute – wiederum als militärischer Verdienstorden – von der Russischen Föderation vergeben.
«Bei einem echten Orden ist die Quelle der Ehre immer ein Souverän.»
Michael Autengruber, Experte
Im Impressum des Webauftritts führt der schweizerische Verein den Namen «St-Georgsorden.org». Nach Einschätzung von Michael Autengruber handelt es sich bei dem Verein um einen «Schwindelorden». Der katholische Theologe ist Experte für Ritter- und Verdienstorden, Ehrenzeichen und Verdienstmedaillen. «Bei einem echten Orden ist die Quelle der Ehre – die fons onoris –immer ein Souverän – zum Beispiel ein König, ein Kaiser oder eine Republik. Nicht jeder Dahergelaufene kann einen Ritterorden gründen. Das mag dann eine fromme Vereinigung sein. Aber es ist kein Orden», erklärt Autengruber auf Anfrage. Staatliche Orden, die abgeschafft wurden, dürften nicht weiter verliehen werden.
Schwindelorden sind laut Autengruber ein Phänomen, das in den 1920er und 1930er Jahren nach dem Zusammenbruch der Monarchien auftrat. Mit dem Aufkommen des Internets sei die Zahl dieser Orden noch einmal explodiert. «Auch St. Georgs-Orden gibt es wie Sand am Meer», so der Experte.
Schwindelorden funktionieren gemäss dem Experten nach einem bestimmten Muster. Bei untergegangenen Orden involviert man Adelige, deren Vorfahren mit dem Orden zusammenhingen, und versucht, Geistliche für die Gottesdienste und Zeremonien zu gewinnen. «Der Vorteil bei untergegangenen Orden ist, dass man keine rechtlichen Scherereien kriegt. Sobald man aber heute noch existierende Orden kopiert, gibt es Probleme», weiss der Experte. So kämpften etwa der Malteserorden oder der Johanniterorden gegen die mit ihrem Namen auftretenden Organisationen.
Vereinspräsident Hans Gonella wehrt sich gegen den Vorwurf. «Wir sehen uns nicht als Schwindelorden und schon gar nicht als christlichen Orden.» Der Name St. Georgsorden beziehe sich nicht auf eine klösterliche Gemeinschaft mit Ordensschwestern oder -brüdern, sondern lediglich auf die Auszeichnung, die man vergebe. Dabei handelt es sich um eine Medaille mit einem gelb-schwarz gestreiften Band.
Gonella gibt dem Experten in der Sache sogar recht. «Unser Orden ist eigentlich eine Medaille – denn nur Staaten oder Königshäuser vergeben Orden», betont er gegenüber kath.ch. Zudem glaube er zu wissen, dass «heutzutage auch sonst Orden vergeben werden, die eher an eine Verdienstmedaille erinnern».
Experte Autengruber ist der Ansicht, der Verein müsse die Bezeichnung «Orden» aus seinem Namen streichen. Dazu sagt Hans Gonella: «Wir vermeiden eine Täuschung, indem wir stets klarstellen, dass wir die Traditionen eines historischen, militärischen Verdienstordens nachleben.» Plane man einen Kirchenbesuch, weise man jeweils darauf hin, dass man kein christlicher Orden sei. Und um Verwechslungen mit dem Verdienstorden der Russischen Föderation zu vermeiden, benutze man den Begriff Ritterorden im Namen. «Wir nennen uns auf unserer Homepage Kaiserlich-Russische St. Georgsritter und Ordensdamen.» Er versichert, zum St. Georgs-Orden der Russischen Föderation habe man keine Beziehungen.
Gleichwohl kündigt der Vereinspräsident an, man wolle die Anregungen des Experten «bei uns in der Gruppe besprechen». Doch dann geht es ziemlich schnell: Bereits wenige Stunden nach der Konfrontation mit dem Vorwurf gibt es erste Anpassungen beim Webauftritt des Vereins. Zunächst stand die Bezeichnung «St. Georgs-Orden» an ganz prominenter Stelle. Am Donnerstagnachmittag wird sie von der Seite entfernt.
Später wird die Bezeichnung «Kaiserlich Russische St. Georgsritter und Ordensdamen» geändert. Neu sind es Schweizer «St. Georgsritter und damen». Und der prominente Hinweis auf die Ordensgründung durch Katharina II. ist verschwunden.
Der Verein verfolgt nach eigenen Angaben karitative Ziele. Auf der Webseite sind ein Fonds «Hilfe für misshandelte Pferde von Christine Stückelberger» und ein Fonds «Soforthilfe» für Personen erwähnt. Nun fragt sich, warum ein wohltätiger Verein sich ausgerechnet auf einen militärischen Verdienstorden beruft? Gonella sagt dazu: «Viele unserer Mitglieder haben aus verschiedenen Gründen eine geschichtliche Affinität zum Militärdienst oder dem Polizeiwesen. In neuerer Zeit wurden darüber hinaus Vereinsziele formuliert, welche gemeinnützige Anliegen verfolgen.»
Zur Bedeutung, den der heilige Georg für den Verein hat, sagt der Präsident, Katharina II. habe sich bei der Ordensgründung auf ihn berufen. «Dies entsprach dem damaligen Zeitgeist. Aktuell hat der heilige Georg wohl bei jeder Person eine etwas andere Bedeutung.» Für ihn persönlich sei es wichtig, dem «Ungemach» entgegenzutreten, wenn auch nur in kleinen Schritten.
Der Verein «St-Georgsorden.org» wurde am 23. April 2021 gegründet. Ihm gehören etwa 15 Mitglieder an. Bariatinsky und Youriewsky seien nicht Mitglied, sagt Gonella. «Wir kennen die beiden Herren aus unserem persönlichen Umfeld und haben sie deshalb zur Feier vom 11. Juni eingeladen. Herrn Bariatinsky haben wir angefragt, den Ritterschlag auszuführen, weil er aus einer alten Adelsfamilie stammt, die schon zu Katharinas Zeiten am Hof tätig war.»
Gonella sagt auch, niemand vom Verein habe eine Beziehung zur aktuellen russischen Regierung. Über die Vorwürfe, die in den Medien gegenüber Bariatinsky und Youriewsky erhoben wurden, zeigt sich der Vereinspräsident gegenüber kath.ch jedoch entsetzt. Diese Leute hätten vor dem Krieg in den Sozialen Medien irgendetwas gepostet oder geliked. Und nun behaupte man einfach, sie hätten sich mit der aktuellen russischen Regierung verbündet. Er verstehe das nicht, so Gonella.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/ritterschlag-in-luzern-experte-spricht-von-einem-schwindelorden/