Bischof Markus Büchel: «Ivo Fürer war ein Netzwerker in der Welt, aber auch in den Himmel»

St. Gallen nimmt Abschied von Bischof Ivo Fürer. Sein Nachfolger Markus Büchel würdigt ihn als grossen Freund des Zweiten Vatikanischen Konzils und als weitsichtigen Bischof: «Kein Wunder, dass die wieder zunehmende Zentralisierung der Kirche Ivo sehr beschäftigten.»

Bischof Markus Büchel*

«Gepriesen sei der unendliche Gott! Er hat das Weltall geschaffen und mich ins Leben gerufen. Gepriesen sei Gott, der mir durch Seinen Sohn im Heiligen Geist neues Leben geschenkt und mich durch die Jahre meines Lebens spürbar begleitet hat.»

Glaubensleben und Glaubenswissen

Liebe Trauergemeinde, diese Worte setzt Bischof Ivo schon im Jahr 2000 an den Anfang seiner Gedanken zur Beerdigung. Er lädt alle Frauen und Männer, die ihn kennen, ein mit ihm Gott zu danken – für seine Eltern und die Familie, denen er eng verbunden war. Für die Seelsorger und Lehrer, die ihn an ihrem Glaubensleben und Glaubenswissen teilnehmen liessen. Für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die ihn mit Wohlwollen und Kritik begleitet haben.

Für die vielen Menschen, denen er von seinen Gaben weiterschenken und in denen er die Fülle der Geistesgaben bewundern konnte. Für die vielen Bischöfe, die er kennen lernen durfte. Für alles Versagen bittet er um Verzeihung.

Gott preisen und Dank sagen

Zwei Worte waren ihm also damals, vor 22 Jahren, wichtig: Gott preisen und Dank sagen. Diese beiden Worte will ich ihm als sein Nachfolger im Bischofsamt heute im Abschiedsgottesdienst im Namen des ganzen Bistums zusprechen: 

Bischof Ivo, gepriesen sei Gott, dass er dir das Leben geschenkt hat, dass er dich berufen hat, dich mit deinen vielfältigen Gaben ganz in den Dienst der Kirche zu stellen und dem Volk Gottes zu dienen.

Ein feinfühliger Mensch

Dir sagen wir Dank in dieser österlichen Abschiedsfeier für all Dein Wirken als feinfühliger Mensch, als weltoffener Priester und Theologe und als weitsichtiger Bischof – aber ganz besonders auch für dein eindrückliches Zeugnis des Glaubens und der Hoffnung in der geduldig ertragenen Leidenszeit der letzten Jahre.

Möge Gott in seiner Barmherzigkeit dir jetzt die Fülle des Lebens schenken in seiner ewigen Geborgenheit. Wir betrachten deinen Sarg vor dem Altar, wo du so oft das Wort Gottes verkündet und im Sakrament das Brot des Lebens gereicht hast – über dir wölbt sich die grosse Kuppel mit den grossen Vorbildern im Glauben, von denen jede und jeder auf seine Art in dieser Welt Spuren des Reiches Gottes hinterlassen hat.

Kathedralkuppel mit Seligpreisungen

Im Bild sind sie den Seligpreisungen aus der Bergpredigt zugeordnet, die als Grundprogramm des Christseins verdichtet die Lehre Jesu und sein Wirken zusammenfassen und das Wachsen des Reiches Gottes schon hier und jetzt sichtbar machen. Gäbe es eine passendere Botschaft, die wir heute verkünden könnten, als diese wunderbaren Sätze, die unsere Kathedral-Kuppel umrunden und wie kleine Tore zur Ewigkeit über Altar und Sarg von Bischof Ivo sich öffnen.

In vielfältiger Weise deuten die Seligpreisungen im Matthäusevangelium die Spiritualität und das Wirken von Ivo. Seine tiefe Verbundenheit mit Jesus wurde sichtbar in seinem selbstlosen Dienen, in seiner Freude und Frohmut, im Einsatz all seiner Kräfte für Verständigung unter den Menschen und Völkern, zwischen den verschiedenen Kulturen und Konfessionen, für Frieden und Gerechtigkeit. 

Talentierter Netzwerker und Organisator – eben ein «Fürer»

Auf nationaler wie europäischer Ebene hat er mit seinem diplomatischen Geschick als Netzwerker und Organisator – eben als «Fürer» – Einzigartiges geleistet. Er ist in die geschichtliche Zeit hineingeboren, in der sich ein grosser Aufbruch und Umbruch in Kirche und Gesellschaft anbahnte. 

Ausgerüstet mit einer soliden Theologie der hervorragenden Lehrer wie Karl Rahner in Innsbruck und an der Gregoriana in Rom und einem gesunden Selbstbewusstsein erlebte Bischof Ivo das Zweite Vatikanische Konzil als grosse Chance und einzigartiges Geschenk des Heiligen Geistes für die Zukunft der Kirche in der modernen und säkularen Gesellschaft. 

Das Bistum St. Gallen steht für einen offenen Kurs

Die Umsetzung des Konzils in der Schweiz mit den Diözesansynoden hat er ganz wesentlich geprägt und mitgestaltet. Die Mitbeteiligung aller war ihm wichtig. Er setzte auf Dialog und Gespräch, auf synodale Prozesse und auf das Engagement aller Getauften in den Entscheidungsprozessen der Kirche. 

Kein Wunder, dass die wieder zunehmende Zentralisierung der Kirche in den kommenden Jahrzehnten und Pontifikaten Ivo sehr beschäftigten – wir sind dankbar, dass er in unserem Bistum diesen offenen Kurs durchhalten und aktiv mitbestimmen konnte.

Das Werk des Vorgängers mit Überzeugung weiterführen

Am gleichen Platz, wo er heute im Sarg liegt, wurde ihm selber von Bischof Otmar 1995 das Bischofsamt übertragen. Damit war für uns der pastorale Kurs für die Zukunft gesichert. Mit viel Engagement hat er für die Vertiefung des Glaubens und für die Zusammenarbeit Strukturen geschaffen, die auf die Herausforderungen der Zeit aktiv reagierten. 

Als sein Mitarbeiter als Bischofsvikar durfte ich von ihm viel lernen. 2006 hat er mir die Hände aufgelegt und mich nach der Wahl durch das Domkapitel und der Ernennung durch Papst Benedikt XVI. zum Bischof geweiht. Ich bin dem lieben Verstorbenen zu grossem Dank verpflichtet. Es ist ein Geschenk, wenn der Nachfolger das gute Werk des Vorgängers mit Überzeugung weiterführen kann.

Trauer um seinen Bruder Norbert, Kardinal Martini und Erzbischof Giordano

Liebe Mitfeiernde, in diese heutige Stunde hinein möchte ich eine Seligpreisung aus der Bergpredigt ganz besonders hervorheben: «Selig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden.» 

Abschiednehmen ist immer mit Schmerz verbunden. Trennung hinterlässt unersetzliche Lücken. Auch Bischof Ivo hat diesen Schmerz geteilt, wenn ein Familienmitglied oder liebe Freunde starben. Drei Namen kommen mir spontan in den Sinn: der Tod seines Bruders Norbert, sein Freund Kardinal Carlo Martini und in jüngster Corona-Zeit auch der viel jüngere Erzbischof Aldo Giordano, der sein Nachfolger als Generalsekretär im CCEE war. 

Selig, wer einen lieben Menschen loslassen kann

Trost fand Ivo in der Botschaft von Leiden, Kreuz und Auferstehung Jesu, die er nicht nur verkündete, sondern auch lebte. Ist es nicht eindrücklich, wie er schon in den Bemerkungen zum Abschiedsgottesdienst dankt für das Geschenk seines Lebens und ganz besonders auch für das neue Leben, das ihm in der Taufe geschenkt wurde – das ewige Leben, das uns durch den Tod hindurch erhalten bleibt?

Möge diese Hoffnung und diese Wahrheit jetzt unsere gemeinsame Feierstunde prägen und uns trösten. Glücklich, selig, wer einen lieben Menschen in diesem Geist loslassen kann.

Bischof Ivo war ein Mensch mit ausserordentlichen Gaben und Fähigkeiten – er hat sie auf allen Ebenen eingesetzt. Erfolg machte ihn aber nicht überheblich und stolz, er teilte ihn in Freundschaft und froher Gemeinschaft und er wusste, dass das Wesentliche Geschenk und Gnade ist. Vor Gott blieb er arm und bescheiden – und allen Menschen gegenüber dankbar.

Bischof Ivo, so halten wir dich in Erinnerung und bleiben mit dir verbunden. Gott schenke dir die Fülle des Lebens in seiner Barmherzigkeit und Liebe. Amen.

* Markus Büchel (72) ist Bischof von St. Gallen. Er ist der Nachfolger von Ivo Fürer, der von 1995 bis 2006 Bischof von St. Gallen war.


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