«Woran erinnert er (Roger Federer) dabei noch? An Jesus, offen gesagt. In Toledo gibt es ein Bild von El Greco, das Jesus bei der Auferstehung zeigt: Die Linke weist hinter ihm zu Boden, die Rechte dagegen in höhere Regionen.
Und wenn derselbe El Greco die ‘Vertreibung der Händler aus dem Tempel’ darstellte, liess er seinen zornigen Heiland tatsächlich eine Rückhand-Ausholbewegung wie aus dem Lehrbuch dabei machen, nur halt mit Peitsche statt Schläger.
Erstaunlich übrigens, dass man gerade in Spanien diese Geste vergleichsweise häufig findet. Vielleicht, wer weiss, hat das etwas mit der Ausdruckskultur des ‘desprecio’ zu tun, einer besonders aristokratischen, auf Distanz bedachten Form der Verachtung.
Denn ob jemand wutentbrannt mit der offenen Hand vor sich hinhaut oder mit der Rückseite der Hand und dabei den Oberkörper leicht abwendet, drückt ja offensichtlich selbst bei Ohrfeigen etwas aus.
In dem Zusammenhang muss noch ergänzt werden, dass man auch erstaunlich viele Darstellungen von Martyrien findet, bei denen die Heiligenköpfe ebenfalls per Rückhand abgehauen werden, mit einer Bewegung von oben nach unten. Hätten die Henker keine Schwerter dabei in der Hand, sondern Tennisschläger, könnte man von einem Slice sprechen.
Wer wiederum beim Tennis Gegner kennt, die einen Ball so grausam flach herunterslicen können, dass er praktisch gar nicht wieder hochkommt, wird mit dieser Hinrichtungsmetaphorik vielleicht etwas anfangen können. Spiele wie Tennis sind nun einmal auch nur sublimierte Kampfhandlungen.
Aber von den dramatischen Zwecken und Inhalten einmal abgesehen, hat die Gebärde als solche ein ästhetisches Eigenleben entfaltet, das die Leute Laokoons ewigen Todeskampf seit Jahrhunderten schon genauso andächtig bewundern lässt wie heute Federers tödliche Rückhandpeitsche, selbst wenn einem der Mann auf der anderen Seite des Netzes regelmässig leidtun kann.»
Der Journalist und Kunstkritiker Peter Richter wirft im Magazin der «Süddeutschen Zeitung» (9. Juni) einen kunsthistorischen Blick auf Roger Federers Rückhand. (rr)
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