Papst Johannes Paul II. taucht im «Wind of Change»-Clip von den Scorpions auf. Pussy Riot prangert in der Christ-Erlöser-Kathedrale Russlands Machthaber an. Und ein ans Kreuz gefesselter Affe landet bei MTV auf dem Index.
Christiane Wohlhaupter
Mit dem Wissen von heute wirkt der «Pussy Riot»-Auftritt in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale geradezu prophetisch. 2012 kritisierte «Pussy Riot», dass Putin sich erneut zum Präsidenten wählen liess – mit dem Segen der russisch-orthodoxen Kirche und dem Moskauer Patriarchen Kyrill.
Gerade Mal 41 Sekunden ist der Auftritt des feministischen Punk-Kollektivs «Pussy Riot» lang. Passend zu ihren bunten Kleidern tragen sie Sturmhauben in lila, gelb und türkis. Vor rund zehn Jahren setzten sie ihr Punkgebet, ihren «Punk Prayer» in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale ab. Darin kritisieren sie die Herrschenden und fordern die Jungfrau Maria auf, Feministin zu werden. Die wackelige, schlecht ausgeleuchteten Aufnahme ist ein Gegenstück zu den durchgestylten Videos anderer.
Anders als solche zog es aber auch ernste Konsequenzen nach sich: Nadeschda Tolokonnikowa, Maria Aljochina und Jekaterina Samuzewitsch wurden zu Haftstrafen aufgrund «Rowdytums aus religiösem Hass» verurteilt. Auch mit weiteren Protestaktionen gegen die zunehmende Brutalisierung in ihrem Land eckten sie bei der Obrigkeit an. Zuletzt stand Maria Aljochina unter Hausarrest.
Mit einer List ist sie diesem entflohen und tourt aktuell mit Olga Borissowa durch Europa. Beim Auftritt in München prangerte sie, wie die FAZ berichtete, die Kommerzialisierung der russisch-orthodoxen Kirche an, die gegen Geld auch Waffen segne.
Sänger Klaus Meine und seine Band spielten im Sommer 1989 vor knapp 300’000 Menschen beim Moscow Music Peace Festival. Im Anschluss schrieb Meine das Lied «Wind of Change» mit der unverwechselbaren Pfeifmelodie.
Im Musikvideo wechseln sich Konzertaufnahmen mit historischen Schnipseln ab, die das Ende des Kalten Kriegs andeuten, die Annäherung von Ost und West verheissen sowie Mauerfall und Wiedervereinigung in Deutschland abbilden.
Das gezeigte Treffen von Papst Johannes Paul II. und Michail Gorbatschow strahlt eine Zuversicht aus, die sich derzeit bestimmt viele Menschen zurückwünschen.
«Amerika» vom vierten Album der Erfolgsband «Rammstein» thematisiert den Einfluss der Vereinigten Staaten auf den Rest der Welt. Im Video haben «Rammstein» augenscheinlich als Astronauten den Mond erobert, auf dem sie die «Stars and Stripes» platzieren.
Die Reise um die Welt zeigt Hamburger essende buddhistische Mönche, einen US-Zigaretten rauchenden Inder und einen amerikanischen Pizzakarton im afrikanischen Dorf. Aus europäischer Sicht kann das Video fast harmlos-humorvoll wirken, ist die Band doch für groteskere (»Keine Lust») und skandalträchtigere Videos (»Stripped», «Deutschland») bekannt. Im Laufe ihrer bald 30-jährigen Karriere sind sie ausser in Raumanzügen auch schon in Mönchskutten (»Rosenrot») gestiegen.
Im Video zu «Montero (Call Me By Your Name)» begibt sich der junge Afroamerikaner «Lil Nas X» zielstrebig zum Teufel, den er mit vollem Körpereinsatz zu verführen versucht: in enger Boxershort mit Lackstiefeln, die übers Knie reichen, mit mehreren Halsketten und einer Perücke mit feuerroten Zöpfen.
Dabei hatte alles so pastellfarben angefangen: In einem bunten, paradiesisch anmutenden Garten lehnt «Lil Nas X» mit einer pinken Gitarre an einem Baum und singt. Doch schon bald kann er der Verführung der Schlange nicht mehr widerstehen und rauscht ein paar Szenen später enthusiastisch in die Hölle hinab.
Empfindsame Seelen dürften diese Darstellungen verletzen. Dieses Beispiel zeigt aber auch, dass die Geschichten rund um «Himmel und Hölle» weiterhin funktionieren und tief in unseren Bilderwelten verankert sind.
Vielleicht ist es die namensgebende «Road to Nowhere», die «Strasse ins Nirgendwo», die im Video der New-Wave-Band «Talking Heads» von 1985 immer wieder eingeblendet wird? Sei es mit einem einsamen Fussgänger, einem tanzenden Paar oder einem Kirchenchor.
Der probende Kirchenchor begegnet dem Zuschauer schon zur Eröffnung des Lieds in der «Hi Vista Community Hall» und bildet auch den Schlusspunkt dieser Geschichte zwischen Zuversicht und Hoffnung im Angesicht von Ungewissheit und Weltuntergangsstimmung. Unwillkürlich fragt man sich: Auf welcher «Road» bin ich derzeit selbst unterwegs?
Ein Affe, gefesselt ans Kreuz; zwei herabhängende Schweinehälften; Schlangen, Skelette und Ungeziefer: Das Video von Trent Reznor und seinem Projekt Nine Inch Nails zu «Closer» stiess beim Musiksender MTV in den frühen 1990ern nicht auf Begeisterung und wurde dort anfänglich auf den Index gesetzt.
Auch auf der Videoplattform YouTube ist das Video heute mit der Warnung «Dieses Video ist eventuell für einige Nutzer unangemessen» versehen. Was hinter der Inszenierung stecken könnte, erklärt Autorin Corinna Schneider. Sie erkennt in der Inszenierung eine Vielzahl von kunsthistorischen Zitaten, darunter Man Ray, Marina Abramović und Ulay, David Bailey, George Tooker, Joel-Peter Witkin und Rudolf Hausner.
So lasse das komplexe Kunstwerk unterschiedliche Möglichkeiten der Deutung zu. Mancher möge sich an Goethes Faust erinnert fühlen und dessen Wunsch danach zu verstehen «was die Welt im Innersten zusammenhält».
Gläubige mögen sich fragen: Wieviel Provokation braucht diese Welt noch, um sich am Kreuz Jesu abzuarbeiten?
»I’m Afraid of Americans», «Ich habe Angst vor Amerikanern» singt der Brite David Bowie, während er im zugehörigen Video von 1997 durch die Strassen New Yorks flieht. Ihm auf den Fersen ist Jonny, verkörpert von Trent Reznor (Nine Inch Nails).
Es scheint kein Entkommen zu geben, sitzt der Verfolger doch letztlich auch wieder am Steuer des Fluchtwagens. Als Bowie diesen verlässt, zieht eine Prozession vorbei.
Teil von ihr sind Jonny, der ein Kreuz auf seinem Rücken trägt, und ein Priester mit tränengefüllten Augen. Der Song gipfelt in der Phrase «God is an American», «Gott ist ein Amerikaner». Bowie gelingt es, mit einer kontrastreichen Bildersprache die Menschen in den Verfolgungswahn mit hineinzuziehen.
Eine intensive Auseinandersetzung mit diesen und anderen Videos bietet das Buch «The World of Music Video», herausgegeben von Ralf Beil, erschienen im Hatje Cantz Verlag Berlin. Ebenso werden «Tanz und Körperlichkeit im Musikvideo», gesellschaftliches Engagement, Geschlechterrollen so wie die Historie der Musikvideos erörtert.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/vom-papst-bis-pussy-riot-wie-religion-in-musikvideos-vorkommt/