Fünf Jahre lang hat der Schweizer Kapuziner Paul Hinder (80) darauf gewartet, dass Papst Franziskus seinen Rücktritt annimmt. Nun ist es so weit: Paolo Martinelli (63) wird sein Nachfolger als Bischof von Abu Dhabi. Der Kapuziner ist bislang Weihbischof der Erzdiözese Mailand.
Andrea Krogmann
Aus der Schweiz in die islamische Welt: Mit viel Fingerspitzengefühl wirkt Bischof Paul Hinder seit fast 20 Jahren auf der arabischen Halbinsel. Am Sonntag kündigte der Vatikan die Ablösung des 80-Jährigen an.
Sein Nachfolger wird Paolo Martinelli (63). Er stammt aus Mailand, ist wie Paul Hinder Kapuziner – und war bislang Weihbischof der Erzdiözese Mailand.
Johannes Paul II. hatte Paul Hinder 2003 zum Weihbischof und 2005 zum Apostolischen Vikar, also zum Bischof ernannt. Als Hinder sein Amt antrat, sagte er, er wolle ein Brückenbauer sein – einer, dem es gelingt, die Menschen spüren zu lassen, dass Gott jedem Menschen Gutes will.
Seither hat er sich als differenzierter und besonnener Hirte der katholischen Minderheit in islamischen Landen einen Namen gemacht. Erst letzte Woche, am 22. April, feierte der Thurgauer seinen 80. Geburtstag. Am 1. Mai, just zum Beginn des islamischen Festes am Ende des Ramadans, kündigte der Vatikan Hinders altersbedingte Ablösung an.
In den Kapuzinerorden, dem seit 1889 das Wohl der Christen Arabiens anvertraut ist, trat Hinder 1962 ein. Nach Studium und Promotion war er zunächst in der Seelsorge und Novizenausbildung seines Ordens tätig. Danach wurde er Regionaloberer der Deutschschweizer Kapuziner, dann Provinzial der Schweizer Kapuziner. Im Generalrat des Ordens fiel auch der Nahe Osten in sein Ressort.
Papst Johannes Paul II. war es, der den damals 61-Jährigen zum Weihbischof Arabiens bestellte und später zum Apostolischen Vikar von Arabien und Jemen mit Sitz in Abu Dhabi, Vereinigte Arabische Emirate (VAE) ernannte. Bei seinem Amtsantritt zählten sechs Länder zum Vikariat: Saudi-Arabien, Bahrain, VAE, Oman, Katar und Jemen. Auf die rund 3,1 Millionen Quadratkilometer seines Amtsbezirks kamen 1,3 Millionen Katholiken. Fast alle sind Ausländer, der Islam ist Staatsreligion. Hinders Gläubige sind Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter. Sie kommen vor allem aus Indien, den Philippinen, aber auch aus dem Irak und dem Libanon. Und ein paar Expats aus westlichen Ländern.
Heute hat sich die Zahl der Katholikinnen und Katholiken mit 3,5 Millionen mehr als verdoppelt; auch die Zahl der Priester in der Seelsorge ist gestiegen. Erstmals hat mit Franziskus 2019 ein Papst die Region besucht. Eine Nuntiatur in Abu Dhabi, neue Kirchen und Pfarreien sind hinzugekommen, darunter die im Dezember 2021 eingeweihte Kathedrale «Unsere Liebe Frau von Arabien» in Bahrain.
Strenggenommen gehört sie nicht mehr in den Einzugsbereich Hinders. Das Gebiet wurde 2011 durch Papst Benedikt XVI. in ein nördliches und ein südliches Vikariat geteilt. Bischof Camillo Ballin übernahm den nördlichen Teil mit Kuweit, Bahrain, Saudi-Arabien und Katar. Als er im April 2020 starb, übernahm Hinder bis auf Weiteres auch wieder Nordarabien.
Homogen sind in dem Großgebiet weder die politischen Realitäten noch die Gemeinde. In Saudi-Arabien etwa, das die heiligsten Stätten des Islam beherbergt, ist der Bau von Kirchen ebenso verboten wie das öffentliche Zurschaustellen nicht-islamischer Religionen. Die Situation dort, heisst es auf der Webseite des Vikariats, «ähnelt derjenigen der frühen christlichen Gemeinschaften». In den Emiraten hingegen genießen Christen relative Freiheiten. Die Toleranz hat indes auch hier Grenzen. Missionieren etwa ist streng verboten.
Hinder übernahm sein Amt in schwierigen Zeiten. Die Anschläge des 11. September 2001 hatten das Verhältnis zwischen dem Westen und der islamischen Welt verschärft. Immer wieder betonte Hinder die spirituelle Nähe von Islam und Christentum. Der Schutz menschlichen Lebens und der Familie, die Überwindung von Armut und das Engagement für Gerechtigkeit und Frieden seien Anknüpfungspunkte.
Denen im Westen, die Angst vor dem Islam haben, hält Hinder gern den Spiegel vor. Seine These: Wer unsicher in der eigenen religiösen Praxis sei, lasse sich durch eine fremde Religion schneller verunsichern. Kritisch bewertete er in diesem Zusammenhang das Schweizer Minarettverbot und betont, dass am Dialog zwischen Christen und Muslimen kein Weg vorbeiführe.
Schon vor fünf Jahren hatte Hinder dem Papst seinen altersbedingten Rücktritt angeboten. Nun ist es so weit. Auf Hinders Nachfolger kommt ausser der Seelsorge für die heterogenen Gläubigen vor allem Franziskus’ Dialoginitiative mit dem Islam zu – diskret und mit Fingerspitzengefühl.
Wann genau sein Nachfolger installiert wird, ist noch unklar. In früheren Interviews hat Paul Hinder angekündigt, seinen Lebensabend in einem Schweizer Kapuzinerkloster verbringen zu wollen. Zuerst wird er aber noch seinen Nachfolger einarbeiten. (kna/rr)
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