Ein Politiker hilft den Bischöfen, ihre Stimme in der Politik einzubringen

Sollen sich die Bischöfe politisch äussern? Ja, sagt Martin Wey (59). Der frühere Stadtpräsident von Olten arbeitet seit Februar für die Schweizer Bischofskonferenz. Mit Hierarchien hat er kein Problem – das kennt er vom Militär. Seine Frau fordert die Abschaffung des Pflichtzölibats und die Priesterweihe für Frauen.

Eva Meienberg

Olten ist eine geteilte Stadt. Die Aare und die Eisenbahngleise trennen Olten in zwei Stadtteile. «Es ist gut, wenn der Stadtpräsident ein Brückenbauer ist», sagt Martin Wey. Er muss es wissen. Bis zum vergangenen Sommer war er Stadtpräsident von Olten. Seit dem 1. Februar arbeitet er als stellvertretender Generalsekretär für die katholischen Brückenbauer – für die Schweizer Bischofskonferenz.

Die Schlüssel abgegeben

Wir stehen auf der Dachterrasse der Oltner Stadtverwaltung. Eine ehemalige Mitarbeiterin macht uns die Türe auf, seine Schlüssel hat Martin Wey letzten Sommer abgegeben. Auf dem Dach zieht ein kalter Wind. Doch für das Porträt vor der St. Martins-Kirche zieht Martin Wey seine Mütze kurz aus. 2011 hat Kardinal Kurt Koch Felix Gmür zum Bischof von Basel geweiht. Die Weihe fand in Olten statt, weil ein Mann kurz vorher die Kathedrale in Solothurn angezündet hatte. Ein schönes Fest, erinnert sich Martin Wey, der damals Stadtrat war.

Martin Wey schaut auf seine Stadt – erleichtert und ein bisschen wehmütig. Das Amt verlange einem viel ab. Zum Ausgleich sei er joggen gegangen, auch mal einen Halb-Marathon. Oder er habe Klavier gespielt. Das macht er heute noch. In einem Altersheim hat er kürzlich ein Konzert gegeben. «Mich hat gedünkt, sie hätten recht Freude gehabt», sagt Martin Wey stolz. Er ist Mitglied in der CVP Olten. So heisst die Mitte-Partei in Olten – noch. Der Namenswechsel gefällt Martin Wey nicht: «Bei ›Die Mitte’ fehlt mir einfach die Orientierung. Mir gefällt die Verortung im christlichen Abendland», sagt Martin Wey.

Nach dem Leben mit voller Agenda

Im Stadtrat war er als CVP-Mann in der Minderheit. Kompromisse schliessen und Brücken bauen kenne er aus dem Effeff. Sich selbst beschreibt er als optimistisch und geduldig. Geduld lerne man zwangsläufig in der Politik.

Am 5. Mai wird der geborene Oltner 60 Jahre alt. 30 Jahre war er dann in der Politik. Nach der Demission hat der Alt-Stadtpräsident einen Sprachaufenthalt in Ravenna gemacht. Er habe eine Auszeit gebraucht. Zurück in Olten hat er eine Supervision in Angriff genommen. «Nach einem Leben mit vorgegebener Agenda ist es gar nicht so einfach zu wissen, was man will, wenn man nicht muss», sagt Martin Wey.

«Es gibt Themen, da muss sich die Kirche pointiert äussern.»

Kirche und Politik

Ein Freund machte ihn schliesslich auf die vakante Stelle als Generalsekretär der Bischofskonferenz aufmerksam. Die Stelle habe ihn sofort interessiert, weil er mit seinen politischen Erfahrungen die Kirche unterstützen könne, in der Politik ihre Stimme einzubringen. «Die Kirche kann mit ihrer Stimme den Gläubigen helfen, sich eine Meinung zu bilden. Es gibt Themen, da muss sich die Kirche pointiert äussern.»

Seit gut zwei Monaten ist Martin Wey stellvertretender Generalsekretär neben Generalsekretär Davide Pesenti. Zusammen mit den Dienststellen zählt das Generalsekretariat der Schweizer Bischofskonferenz rund zwanzig Mitarbeitende. Dass die Kirche hierarchisch funktioniert, stört Martin Wey nicht, das kenne er aus dem Militär. «Die Kirche funktioniert anders – das ist nicht unbedingt schlechter – und anders reizt mich.»

Martin Wey weiss, dass nicht alle mit der Arbeit der Bischofskonferenz zufrieden sind. Und dass sich manche fragen, was das zwanzigköpfige Team eigentlich alles so macht. Seine Aufgabe werde es sein, die Organisation zu verbessern: Aus- und Weiterbildungen für die Teammitglieder, den Zusammenhalt des Teams stärken, Abläufe vereinfachen. «Ich versuche hier einzubringen, was ich von der öffentlichen Hand her kenne», sagt Martin Wey. Als Reorganisation will er seine Arbeit aber nicht verstanden wissen.

Ehemaliger Stadtpräsident und König von Olten

Der ehemalige Stadtpräsident ist ein perfekter Stadtführer: Er erzählt vom König von Olten, wer den nächsten Prix Cornichon bekommen wird und wo sich der schönste Garten der Stadt befindet. Martin Wey steuert für das Mittagessen das Restaurant Kreuz an. Keine Chance, unerkannt durch seine Stadt zu spazieren.

Martin Weys Vater war Treuhänder, Kirchenverwalter und Mitglied in der Bruderschaft St. Martin. Bis heute nehmen die Brüder keine Schwestern auf. Die Bruderschaft sei eine karitative Vereinigung und ein einflussreiches Netzwerk, sagt Martin Wey. Am Patrozinium der St. Martinskirche in Olten am 11. November veranstaltet die Bruderschaft jeweils eine sogenannte Mantelspende. Der Erlös geht an bedürftige Menschen. «Da trifft sich die katholische Elite von Olten», sagt Martin Wey. Er habe lange gezögert, bis er der Bruderschaft beigetreten sei. Als junger Familienvater mit drei kleinen Kindern habe er repräsentative Verpflichtungen gemieden.

Ministrant und Hilfssakristan

Selbstverständlich seien er und seine vier älteren Schwestern mit den Eltern am Sonntag in die Kirche gegangen. Ansonsten habe sich sein religiöses Leben auf den Ministrantendienst beschränkt, den er als Teenager quittiert habe, sagt Marin Wey. Mit dem Familienleben haben Glaube und Kirche wieder einen festen Platz in seinem Leben bekommen.

«Spätestens damals war mir klar, dass es auch in der Kirche menschelt.»

Als Student hat sich Martin Wey sein Taschengeld als Hilfssakristan aufgebessert. Dies habe ihm einen ersten Blick hinter die Fassaden der Kirche ermöglicht. Ein Priester, der beim Witze erzählen beinahe seinen Predigteinsatz vergisst, ein anderer Priester, der die ganze Messe verpasst, Glocken, die nicht läuten: «Spätestens damals war mir klar, dass es auch in der Kirche menschelt», sagt Martin Wey.

Bierseeligkeit und Rhetoriktraining

Für sein Jura-Studium zog der Student nach Freiburg im Üechtland. Nationalökonomie hätte ihn auch interessiert, aber er wollte nicht dasselbe machen wie sein Vater. In Freiburg trat er der Studentenverbindung Fryburgia bei – der Abt von Einsiedeln, Urban Federer, ist in derselben Verbindung. Neben Bierseeligkeit habe er dort gelernt, Sitzungen zu leiten, frei vor Menschen zu sprechen, zu argumentieren.

In der Studentenstadt hat er auch seine Frau kennengelernt. Die Senslerin war bereit, nach Olten zu ziehen. Dort wohnt das Paar im Haus des verstorbenen Grossvaters. Die drei erwachsenen Kinder sind unterdessen ausgezogen. Trudy Wey ist Katechetin und arbeitet in der Altersseelsorge in Basel und im Pastoralraum Niederamt.

Trudy Wey setzt sich für Gleichstellung in der katholischen Kirche ein. Dazu gehöre für sie zwingend die Abschaffung des Pflichtzölibats und die Priesterweihe für Frauen. Hinter diesen Forderungen kann ihr Mann stehen. Auch wenn er weiss, dass die Mühlen in der katholischen Kirche noch langsamer mahlen als in der Politik: «Das braucht einen langen Atem.»


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