Der Moskauer Patriarch Kyrill kritisiert in einem Schreiben an den Weltkirchenrat in Genf die NATO und den ökumenischen Patriarchen Bartholomäus. Der tschechische Theologe Pavel Cerny fordert einen Ausschluss aus dem Weltkirchenrat. Doch solch ein Verfahren ist langwierig und kompliziert.
Raphael Rauch
«Erheben Sie Ihre Stimme, damit der Krieg beendet werden kann!» Diesen Appell richtete der Weltkirchenrat in Genf am Aschermittwoch an den Moskauer Patriarchen Kyrill.
Mittlerweile liegt eine Antwort aus Moskau vor. Verglichen mit dem, was vom russisch-orthodoxen Oberhaupt sonst in letzter Zeit zu hören war, ist das Schreiben vergleichsweise diplomatisch. Kyrill verzichtet auf seine Dauer-Themen «Dekadenz des Westens» oder Gender-Bashing.
Zu Putins Angriffskrieg äussert sich Kyrill nicht, stattdessen gibt es einseitige Schuldzuweisungen: «In den 1990er-Jahren wurde Russland versprochen, dass seine Sicherheit und Würde respektiert werden würde. (…) Jahr für Jahr, Monat für Monat haben die NATO-Mitgliedstaaten ihre militärische Präsenz ausgebaut und dabei die Bedenken Russlands, dass diese Waffen eines Tages gegen das Land eingesetzt werden könnten, ausser Acht gelassen», schreibt Kyrill.
Der Westen wolle aus Russen und Ukrainern Feinde machen, behauptet der Patriarch. Diese Kräfte «scheuten keine Mühe und keine Mittel, um die Ukraine mit Waffen und Ausbildern für die Kriegsführung zu überschwemmen. Doch das Schrecklichste sind nicht die Waffen, sondern der Versuch, die Ukrainer und die in der Ukraine lebenden Russen umzuerziehen, sie mental zu Feinden Russlands zu machen.»
Das gleiche Ziel verfolge «das von Patriarch Bartholomäus von Konstantinopel im Jahr 2018 herbeigeführte Kirchenschisma. Es hat die ukrainisch-orthodoxe Kirche in Mitleidenschaft gezogen.»
Kyrills Brief endet mit versöhnlichen Worten in Richtung Genf: «Ich bringe meine Hoffnung zum Ausdruck, dass der Ökumenische Rat der Kirchen auch in diesen schwierigen Zeiten, wie in seiner gesamten Geschichte, eine Plattform für einen unvoreingenommenen Dialog bleiben kann, frei von politischen Präferenzen und einseitigem Vorgehen.»
Der Weltkirchenrat als Ort der Diplomatie: Das erinnert an die Zeiten des Kalten Krieges, als die Treffen in Genf die seltenen Möglichkeiten zum Dialog zwischen Ost und West waren.
Kyrills Bekenntnis zum Weltkirchenrat trifft freilich nicht nur auf Gegenliebe. Der tschechische Theologe Pavel Cerny forderte letzte Woche den Ausschluss aus dem Weltkirchenrat. Gegenüber kath.ch bekräftigt Pavel Cerny am Donnerstagabend: «Die russisch-orthodoxe Kirche sollte vom ÖRK und auch von anderen ökumenischen Gremien ausgeschlossen werden.»
Pavel Cerny teilt gegen Patriarch Kyrill aus: «Er unterstützt offen Russlands barbarische Invasion in der Ukraine, die die Infrastruktur der christlichen Kirche zerstört. Es gibt keine Anzeichen von Reue. Kyrill agiert nach dem alten Modell des Cäsaropapismus und vermischt Thron und Altar.»
Für Pavel Cerny steht fest: Kyrill schüre sogar den Religionskrieg, um die ukrainisch-orthodoxe Kirche zu besiegen. «Die Führer der russisch-orthodoxen Kirche befinden sich im religiösen und politischen Krieg mit dem Verbrecher Putin. Das bedeutet, dass Kyrill und andere Führer der russischen-orthodoxen Kirche auch Kriegsverbrecher sind.»
Pavel Cernys Forderung dürfte jedoch kaum Konsequenzen haben. Denn ein Ausschluss aus dem Weltkirchenrat ist langwierig und kompliziert.
«Der ÖRK hat 352 Mitgliedskirchen in 120 Ländern, die 580 Millionen Christen vertreten. Die Befugnis, die Mitgliedschaft im ÖRK auszusetzen, liegt beim Zentralausschuss», sagt ÖRK-Sprecherin Marianne Ejdersten zu kath.ch. Entsprechende Verfahren würden mehrere Jahre in Anspruch nehmen.
Marianne Ejdersten erinnert sich an zwei Fälle, bei denen Kirchen vom ÖRK suspendiert wurden: Die Niederländische Reformierte Kirche in Südafrika, die wegen ihrer Haltung zum Thema Apartheid in die Kritik geraten war. Seit 2016 ist sie wieder dabei.
Ein zweites Beispiel ist die Kimbanguistische Kirche aus dem Kongo. Im Jahr 2000 hatte deren Oberhaupt behauptet, der fleischgewordene Jesus Christus zu sein. Das Weihnachtsfest wurde auf seinen Geburtstag verlegt, auf den 25. Mai. Daraufhin musste die Kimbanguistische Kirche den Weltkirchenrat verlassen – ebenfalls nach einem langjährigen Verfahren.
Nichts deutet in Genf momentan darauf hin, dass ein Ausschluss der russisch-orthodoxen Kirche anstehe. «Wir glauben an den Dialog», betont ÖRK-Sprecherin Marianne Ejdersten. «Dialog ist die Grundlage für die Gemeinschaft der Kirchen.» Es gehe darum, sich gemeinsam für eine bessere Welt einzusetzen, wozu auch «Menschenrechte, Menschenwürde und das Völkerrecht» gehörten.
Der Weltkirchenrat arbeite unter Hochdruck mit den ökumenischen Partnern, um den Menschen vor Ort zu helfen, betont Marianne Ejdersten. Nächste Woche werde eine Delegation die ökumenischen Partner besuchen, die sich um Flüchtlinge in Ungarn und Rumänien kümmern.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/patriarch-kyrill-teilt-gegen-nato-und-patriarch-bartholomaeus-aus/