Wo Krieg ist, ist der Wunsch nach Frieden. Die Taube mit dem Olivenzweig im Schnabel, die Regenbogenflagge mit der Aufschrift Shalom oder das Peace-Zeichen sind Symbole für diesen Wunsch. Woher kommen diese Symbole?
Natalie Fritz und Eva Meienberg
Familien übernachten in Metrostationen, Unbewaffnete stellen sich Panzern in den Weg, Tausende versuchen sich und ihre Liebsten aus der Gefahrenzone zu bringen. Beinahe im Minutentakt werden wir mit Nachrichten aus dem Kriegsgebiet in der Ukraine versorgt. In der warmen Schweizer Stube erkennen wir einmal mehr, dass Frieden fundamental, aber nicht selbstverständlich ist.
Aus Solidarität mit der Ukraine wurden politische und wirtschaftliche Sanktionen gegen den Aggressor in Russland erlassen. Und weltweit finden Friedensmärsche und Demonstrationen statt. Religiöse Gemeinschaften laden zu Friedensgebeten ein. Diese Zeichen des Mitgefühls stärken die Moral der Betroffenen.
Der Wunsch nach Frieden und Freiheit ist ein grundlegendes menschliches Bedürfnis. Ein Blick auf Friedenssymbole aus unterschiedlichen Kulturkreisen macht dies deutlich.
Obwohl der Kranich in vielen Mythologien eine besondere Stellung unter den Vögeln einnimmt, steht das Symbol erst seit dem Zweiten Weltkrieg für den Frieden. Die Geschichte ist eine besonders anrührende: Die zweijährige Sadako Sasaki hat 1945 den Atombombenabwurf über Hiroshima überlebt. Kurz nach ihrem 12. Geburtstag erkrankt sie als Folge der Verstrahlung an Leukämie.
Im Krankenhaus beginnt Sadako 1’000 Origami-Kraniche zu falten. Eine alte japanische Legende besagt nämlich, dass die Götter demjenigen einen Wunsch erfüllen, der dies schafft. Bis zu ihrem Tod im Oktober 1955 hat sie mehr als 1’600 Exemplare gefaltet.
Durch das mediale Interesse an Sadako verbreitet sich ihre Geschichte und der Kranich wird zum Friedenszeichen. Das «Children’s Peace Monument» im Friedenspark in Hiroshima besteht aus einer Statue von Sadako, die umgeben ist von Glaskästen. In diesen werden Origami-Kraniche ausgestellt, die Kinder aus der ganzen Welt gefertigt haben.
Der Olivenzweig ist im antiken Griechenland ein Attribut der Eirene, der Göttin des Friedens, bei den Römern Pax. Auch in der frühbyzantinischen Welt ist der Olivenbaum ein Symbol für Frieden und Wohlstand. Im Christentum ist der Olivenzweig im Schnabel der Taube ein Friedenssymbol. Diese Verwendung geht auf die Geschichte von Noah im Alten Testament zurück. Die ausgesandte Taube fliegt mit dem Olivenzweig im Schnabel zur Arche zurück. Noah weiss nun, dass es fruchtbares Land und eine Zukunft gibt.
Nach Ende der Christenverfolgung um 313 interpretierten die ersten Christinnen und Christen die Taube als Heiligen Geist, der Friede über Noah bringt. Im 5. Jahrhundert bestätigt Augustinus diese frühchristliche Lesart und ergänzt den immerwährenden Frieden mit Verweis auf den Olivenzweig im Schnabel.
Im Judentum hingegen wurde der Olivenzweig im Schnabel der Taube nicht als Symbol des Friedens interpretiert. Durch die Lithografie «La Colombe» von Pablo Picasso für den Pariser Weltfriedenskongress avancierte die Taube ab 1949 zum weltweiten Friedenssymbol.
Der Olivenzweig als Symbol der Friedfertigkeit war ein gängiges Attribut vieler Herrscher von der Antike bis zur frühen Neuzeit. Auch auf dem «Grossen Siegel der Vereinigten Staaten» sieht man einen Ölzweig, der für Frieden steht. 1816 wurde die erste pazifistische Vereinigung Europas, die britische «Peace Society» gegründet. Die Society ging aus Quäkerkreisen hervor, die für ihre pazifistische Grundhaltung bekannt sind und die in jedem Menschen ein Kind Gottes sehen. Als Logo benutzte die Organisation eine Taube mit Ölzweig.
Shalom ist ein hebräisches Wort das je nachdem Friede, Harmonie, Prosperität oder Unversehrtheit bedeutet. Es wird auch als Grussformel verwendet. In den Texten des Alten Testaments geht es stets um das Wohlbefinden der anderen, wenn von Shalom die Rede ist. Am Shabbat wünscht man sich etwa Shabbat Shalom – einen friedlichen Ruhetag.
In den Psalm-Passagen, steht «Shalom» stets im Zusammenhang mit Gerechtigkeit. Es geht also stets auch um einen Frieden mit Gott, wie es auch beim arabischen Salām zentral ist. Die Bezeichnung Islām ist ebenfalls aus der Konsonantenfolge s-l-m abgeleitet und bedeutet «Hingabe an Gott». Auch Salām ist eine Grussformel.
Ein Kreis und drei Striche, die aussehen wie ein stilisierter Besen. Dieses Zeichen, 1958 vom britischen Künstler Gerald Holtom entworfen, wurde zum Friedenszeichen schlechthin. Es entstand im Auftrag der britischen Kampagne zur nuklearen Abrüstung, die den weltweit ersten Ostermarsch von London zum Kernwaffenforschungszentrum in Aldermaston organisierte.
Zur Entstehung des Zeichens gibt es verschiedene Erklärungen. Eine bezieht das Symbol auf eine Kombination aus zwei Zeichen des Winkeralphabets. Beim Winkeralphabet zeigt der «Winker» die Buchstaben mit Fähnchen an. Nachrichten können so auf Sehdistanz übermittelt werden. Beide Arme in einem 45-Grad-Winkel ausgestreckt bedeuten den Buchstaben N. Ein Fähnchen senkrecht nach oben, das andere senkrecht nach unten bedeutet D. Die Buchstaben stehen für «Nuclear Disarmament», was nukleare Abrüstung bedeutet.
Das Peace-Zeichen fand Verbreitung in der Bürgerrechtsbewegung um Martin Luther King, in den Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg oder der 68er-Bewegung. Heute findet man es auch in den Solidaritätsbekundungen für die Opfer des Ukraine-Krieges.
Die Regenbogen-Fahne oder die «Bandiera della Pace» wie sie in Italien genannt wird, hat ihren Ursprung im Jahr 1961. Der Friedensaktivist Aldo Capitini hatte sie für den Friedensmarsch am 24. September des gleichen Jahres von Perugia nach Assisi entworfen. Damit wurde die Fahne ein Symbol für die italienische Friedensbewegung. Capitini hat das Motiv natürlich nicht erfunden.
Als Symbol des Bundes zwischen Gott und den Menschen kommt der Regenbogen in der Bibel vor. In den Bauernkriegern des 16. Jahrhunderts etwa führte sie der revolutionäre Reformator Thomas Müntzer gegen die Obrigkeit ins Feld. Heute bringen Indigene in Südamerika mit der Regenbogenfahne ihre Unabhängigkeit und ihr Traditionsbewusstsein zum Ausdruck.
Während des Irak-Krieges im Jahr 2003 hängten Italienerinnen und Italiener die Regenbogenfahne mit der Aufschrift Pace an ihre Balkone. Von den italienischen Balkonen fand die Regenbogen-Pace-Fahne Verbreitung in der ganzen Welt. Und nicht selten ist das hebräische Shalom und das arabische Salām darauf zu lesen.
Aktuell beleuchten Kulturstätten in Deutschland, Österreich und der Schweiz ihre Fassaden mit den Regenbogenfarben unter dem Hashtag #lightforpeace2022 als Solidaritätsbekundung mit den Menschen in der Ukraine.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant