«Ich sehe den Pilgern nicht an, ob sie katholisch oder evangelisch sind»

St. Gallen/Santiago de Compostela (E), 31.7.18 (kath.ch) Der Pilgerboom nach Santiago de Compostela reisst auch 2018 nicht ab. Seit Jahren stiegen die Zahlen der Ankömmlinge konstant, sagt Josef Schönauer. Der St. Galler Seelsorger betreibt die Website pilgern.ch und hat im Februar dieses Jahres zwei Wochen als Freiwilliger im Pilgerbüro in Santiago de Compostela mitgearbeitet.

Sylvia Stam

«Am Montag kamen 1524 Pilger in Santiago an», heisst es am letzten Julitag auf der offiziellen Website des Pilgerbüros von Santiago de Compostela. Josef Schönauer, pensionierter Spitalseelsorger und heute Pilgerführer, hat hier während zwei Wochen Ankömmlinge empfangen.

«Wenn jemand ankommt, muss er ein Formular ausfüllen», erzählt Schönauer: Name, Herkunft, wann und wo der gestartet ist, Beruf und Motivation werden erfragt. Wer nachweisen kann, dass er oder sie mindestens die letzten 100 Kilometer zu Fuss oder 200 Kilometer mit dem Velo zurückgelegt hat, bekommt eine Pilgerurkunde, «Compostela» genannt. Nachgewiesen wird dies anhand des Pilgerpasses.

Zwei Stempel pro Tag

«Im Pilgerbüro schauen wir, ob die Pilger die Stempel der entsprechenden Ortschaften vorweisen können», erzählt Schönauer. «Seit einiger Zeit müssen sie pro Tag zwei Stempel aus verschiedenen Ortschaften vorweisen.» Man möchte so verhindern, dass jemand die Strecke mit dem Auto abfährt und lediglich die Stempel holt.

Die «Compostela» hält in lateinischer Sprache fest, dass die Person «aus religiösen Motiven» nach Santiago gepilgert ist. «Der Name des Pilgers wird nach Möglichkeit in der lateinischen Form und im Akkusativ eingesetzt», erklärt Schönauer, also beispielsweise Josephum oder Annam.

«Die Pilgerreise ist vollendet.»

«Wir hatten im PC eine Liste, auf der man die lateinische Version nachschauen kann. Manchmal führt das zu Diskussionen, wenn jemand sagt, er heisse doch gar nicht so», erzählt der Pilgerführer lachend. Falls es keinen lateinischen Namen gebe, wie bei manchen Koreanern, schreibe man den normalen Namen. Auf der Urkunde wird zudem das Ankunftsdatum vermerkt und in den Pilgerpass macht man einen Stempel von Santiago. «Darauf heisst es: Die Pilgerreise ist vollendet.»

Wer nicht aus religiösen, sondern beispielsweise aus kulturellen oder sportlichen Gründen pilgert, bekommt lediglich eine Distanzurkunde, erzählt Schönauer. Diese bestätigt, von wo aus die Person nach Santiago gelaufen ist. Dieses Dokument gebe es erst seit einigen Jahren. «Früher gab es traurige Gesichter, wenn sie nichts bekamen», weiss Schönauer.

17 Schalter im Pilgerbüro

Er sieht den Pilgern nicht an, aus welchen Motiven sie pilgern, «So wenig, wie ich sehe, ob sie evangelisch oder katholisch sind», sagt er lachend. «Wenn jemand in Velokleidung und mit dem Helm auf dem Kopf hereinkommt, erwarte ich eher sportliche als religiöse Motive, aber mit Sicherheit weiss man das nie.»

Josef Schönauer kam selber vor 30 Jahren das erste Mal in Santiago an, zusammen mit einer Gruppe Jugendlicher, deren Seelsorger er war. Wie oft er seither dort war – zum Beispiel als Führer von Pilgergruppen – kann er auf Anhieb nicht sagen.

«Ich wollte hinter die Strukturen des Pilgerbüros sehen, um zu verstehen, wie es organisiert ist», erklärt der passionierte Pilger seine Motivation, im Pilgerbüro mitzuarbeiten. Hinter dem Pilgerbüro steht das Bistum Santiago. Es gibt insgesamt 17 Schalter, davon waren im Mai bis zu 15 von 8 bis 20 Uhr besetzt.

2018 erneut ein Rekordjahr

Laut Schönauer sind etwa sechs Personen angestellt. «Vor diesen habe ich grossen Respekt, denn sie müssen mit den Freiwilligen zusammen enorme Pilgermengen bewältigen.»  Im Februar seien täglich zwischen 50 und 70 Personen angekommen, im Mai waren es zwischen 1000 und 1500. «Da muss man die Ruhe bewahren, wenn draussen eine ganze Kolonne steht.»

«Ruhe bewahren, wenn draussen eine Kolonne steht.»

Tatsächlich kamen im Mai dieses Jahres durchschnittlich 1310 Pilger täglich an. Im Juni waren es bereits 1522. Insgesamt fanden in der ersten Jahreshälfte 123’278 Pilgerinnen und Pilger den Weg nach Santiago. Das sind gut 11’000 mehr als in den ersten sechs Monaten des Vorjahres.

Schönauer, der die Zahlen des offiziellen Pilgerbüros in Santiago auf der von ihm auf privater Basis betriebenen Website pilgern.ch nachführt, ist darüber nicht erstaunt. «Logisch wird 2018 wieder ein Rekordjahr», sagt er lakonisch. Er beobachtet seit Jahren ein stetiges Ansteigen.

Einfachheit, Ursprünglichkeit und Entschleunigung

Die Gründe dafür sieht er unter anderem in einem Bedürfnis unserer Zeit. In einer komplexen Welt hätten viele eine Sehnsucht nach Einfachheit, Ursprünglichkeit und Entschleunigung. Für viele Menschen sei das Pilgern auf dem Jakobsweg aber auch eine Möglichkeit, über ihr Leben nachzudenken und sich darüber mit anderen auszutauschen.

Nebst Büchern und Filmen haben denn auch persönliche Erfahrungen von Jakobspilgern seiner Meinung nach den grössten Einfluss auf potenzielle Nachfolger. Schönauer erzählt das Beispiel eines Maurers, der nach Santiago gelaufen ist. «Er hatte eine Jakobskapelle in Appenzell renoviert. Bei der Einweihung habe der Pfarrer von seinen Erfahrungen auf dem Jakobsweg erzählt. Da wusste der Maurer: Das mache ich auch!»

Hinweis: Dieser Text ist der erste Teil einer zweiteiligen Serie zum Jakobsweg. Der zweite Teil erscheint in Kürze. 


«Viele pilgern über Santiago hinaus bis ans Meer»

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