Freiburg i.Ü., 27.11.16 (kath.ch) Die Schweizerinnen und Schweizer haben die Atomausstiegsinitiative mit 54,5 Prozent Nein abgelehnt. Der knappe Entscheid zeige, dass sich viele der Risiken der Atomenergie bewusst seien, sagt Wolfgang Bürgstein, Generalsekretär der bischöflichen Kommission «Justitia et Pax», im Gespräch mit kath.ch. Er sieht das Zeitalter der Atomenergie zu Ende gehen. Die Kommission hatte im Vorfeld ihr Ja zum Atomausstieg bekannt gegeben.
Regula Pfeifer
Was sagen Sie zum Nein zur Atomausstiegsintiative?
Wolfgang Bürgstein: Rund 55 Prozent heisst, knapp die Hälfte aller Schweizerinnen und Schweizer haben ein deutliches Signal gesetzt für ein Ende der Atomenergie.
Aber es hat nicht geklappt…
Bürgstein: Es war absehbar, dass das Ständemehr nicht zu knacken sein wird. Aber es wäre erfreulicher gewesen – auch im Hinblick auf die Energiestrategie 2050 – wenn aus diesen 55 Prozent 48 Prozent geworden wären.
Die Gegner des Atomausstiegs haben also gewonnen…
Bürgstein: Das Ja für die Atomenergie ist kein jubelndes Ja, sondern ein zögerliches Ja. Die Schweizer stehen der Atomenergie relativ kritisch gegenüber. Vielleicht war für einige die starre Forderung nach den festen Ausstiegszeiten zu wenig nachvollziehbar, weil auch die Energiestrategie 2050 besagt, es dürfen keine neuen Atomkraftwerke gebaut werden.
Waren bei der Abstimmung auch Ängste im Spiel?
Bürgstein: Sicherlich. Man hat ja diese schwarzen Plakate gesehen, die suggerierten: Wenn wir dieser Ausstiegsinitiative zustimmen, gehen die Lichter aus, wir haben eine Stromlücke und wir kaufen den Strom dann nur noch in Deutschland ein, wo er mit dreckiger Kohle produziert wird. Es gab auch Befürchtungen, dass die Netze überlastet sein würden, weil die Infrastruktur für den Ausstieg noch nicht vorbereitet ist.
Diese Ängste sind ernst zu nehmen. Denn eine sichere Energieversorgung in unserer modernen Welt ist ein hohes Gut. Das darf man nicht auf die leichte Schulter nehmen.
Eine sichere Energieversorgung in unserer modernen Welt ist ein hohes Gut.
Ist es düsterer geworden um die Zukunft unseres Planeten?
Bürgstein: Es gibt unterschiedliche Anzeichen, auch erfreuliche. So werden bereits mehr erneuerbare Energieproduktionsanlagen gebaut als Kohlekraftwerke neu ans Netz gehen. Ich denke, das Zeitalter der Atomenergie geht zu Ende. All die Argumente, die im Vorfeld in die Waagschale geworfen wurden, weisen in diese Richtung: die Sicherheitsproblematik insbesondere mit zunehmendem Alter der AKWs, die ungelöste Frage der Entsorgung, die Belastung für zukünftige Generationen – all diese Fragen sind unbeantwortet. Das zögerliche Ja bei der Abstimmung zeigt, dass sich Schweizerinnen und Schweizer durchaus der Risiken bewusst sind.
Wie geht es weiter in dieser Umweltfrage?
Bürgstein: Die Frage einer sicheren, zukunftsfähigen Energieversorgung bleibt offen, auch nach dieser Abstimmung. Doch die Abstimmung sensibilisierte die Menschen wieder dafür, das ist positiv. Die nächste politische Etappe wird die Abstimmung über die Energiestrategie 2050 sein, die nur von der SVP bekämpft wird.
Aus ethischer Sicht wichtig wird weiterhin die Frage sein: Wie wollen wir in Zukunft leben? Mit welchen Konsummustern wollen wir unsere Zukunft bestreiten? Da geht es um Mobilität und Energieversorgung. Das sind ernst zu nehmende Fragen im Hinblick auf den Klimawandel. Die Schweizer sind sich bewusst, dass das nicht nur sie betrifft, sondern die Menschen weltweit.
Aus ethischer Sicht wichtig wird weiterhin die Frage sein: Wie wollen wir in Zukunft leben?
Hat die Schweiz eine besondere Verantwortung?
Bürgstein: Wir sind eines der reichsten Länder der Erde. Wenn wir nicht ein Stück weit eine Vorreiterrolle einnehmen, wer soll es dann tun? Wenn wir auf veraltete Energiegewinnung setzen, werden uns andere Länder bald auch wirtschaftlich überholen. China hat uns bei der Produktion von Solarpannels bereits überholt.
…und wie geht es weiter mit der Umweltfrage in der Kirche?
Bürgstein: Die Kirche ist Teil der Gesellschaft. Auch wir pflegen noch viele Selbstverständlichkeiten, die wir in Frage stellen sollten. Wir sollten uns fragen: Wie heizen und nutzen wir Kirchenräume, wie gehen wir mit Mobilität und Energie um? Bei Renovierungen investieren wir bisher in die Bausubstanz. Aber wir sollten die Nachhaltigkeit mit in Betracht ziehen. Mit «wir» meine ich hier die Kirchgemeinden.
Auch wir Gläubigen sollten uns fragen: Ist das alles richtig, was ich heute tue?
Aber es betrifft auch alle Gläubigen. Wir sind tagtäglich gefordert. Wir sollten uns immer mehr von der Frage beunruhigen lassen: Ist das alles richtig, was ich heute tue? Ist das morgen auch noch richtig? Da eine grössere Sensibilität zu schaffen, ist auch Aufgabe der Kirche. Hier muss über Fragen der Schöpfungsverantwortung nachgedacht werden. Das erwarten meines Wissens auch viele Kirchenmitglieder.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/das-ja-zur-atomenergie-ist-nicht-jubelnd-sondern-zoegernd/