Podium über Islam: Religion, Staat und Gesellschaft sind gefordert

Freiburg i.Ü,. 19.11.15 (kath.ch) Der Terminkollision war zufällig: Am 13. November verübten Islamisten Anschläge in Paris, am 18. November stellten sich Integrations- und Islamexperten in Freiburg in einer öffentlichen Podiumsdiskussion den Fragen des Publikums. Nicht Ratlosigkeit prägte den Abend, sondern der Wille, alles zu tun, damit solche Anschläge wie in Paris nicht mehr stattfinden. Zum Anlass eingeladen hatte das Schweizer Zentrum für Islam und Gesellschaft (SZIG) der Universität Freiburg.

Georges Scherrer

Die Vielfalt der Lebensstile und Weltanschauungen ist in Basel-Stadt auf kleinem Raum besonders gross, sagte die kantonale Integrationsbeauftragte Lilo Roost Vischer. Es bestehe ein riesiges Defizit über das religiöse Wissen – auch bei den Christen über ihre eigene Religion. Aus dem Publikum angesprochen auf die Gerüchte um die An’Nur-Moschee in Winterthur erklärte Roost, die Zusammenarbeit zwischen Staat und Moscheen müsse langfristig vorbereitet werden, damit den Moschee geholfen werden könne, wenn wie in Winterthur «Probleme» auftauchten. Sie verwahrte sich jedoch dagegen, dass der Staat «Sondermassnahmen» für die Muslime gestatte. Der Staat habe aber ein Interesse an gut ausgebildeten Muslimen in Seelsorge, Sozialwesen und Schule.

Unterstützung erhielt die Baslerin vom Berner Islamwissenschaftler Reinhard Schulze. Die Moscheen müssten von aussen unterstützt werden, damit sie nicht Opfer einer «unfreundlichen Übernahme» werden. Die Universitäten dürften nicht wegschauen. Das Freiburger Zentrum sei der richtige Schritt für die Wissensvermittlung über den Islam. Im akademischen Rahmen könnten sich Muslime, Christen und weitere Interessierte kritisch mit der islamischen Theologie befassen und so zur «Mobilisation der Integrationskraft» beitragen.

Keine Debattenkontrolle im Internet

Die fundamentalistische Ausdeutung einer heiligen Schrift durch ultrakonservative Bünde finde sich nicht nur bei den Muslimen, sagte der Berner Lehrstuhlinhaber weiter. Viele Jugendliche würden sich heute über das Internet bilden. «Im Internet gibt es aber keine Debattenkontrolle», beklagte der Berner Wissenschaftler.

Radikalisierte Jugendliche besuchten nicht die Moschee, sondern folgten dem «Scheich Internet», beklagte auch der Luganeser Imam Samir Radouan Jelassi. Die Imame müssten ein Gegengewicht bilden und dazu müsse das Zentrum in Freiburg Steigbügelhilfe leisten, indem es Wissen vermittelt.

«Imam-Bildung ist oft Hausmannskost»

Der Luganeser Imam zeichnete ein komplexes Bild der Muslime in der Schweiz. Es gebe einen Teil der muslimischen Jugend, die sich ausserhalb der Moscheen über ihren Glauben informiere. Nicht alle Imame verfügten über die nötige Bildung, um schwierige Diskussionen zu führen. Gemäss Jelassi gebe es vier Klassen von Imamen. Nicht jeder Imame habe eine universitäre oder religiöse Ausbildung. Der Fall trete immer wieder ein, dass sich ein Muslim in einer Gemeinschaft zum Imam erklärt. Schulze brachte diese Aussage auf folgenden Punkt: «Imam-Bildung ist oft Hausmannskost.»

Wie schwierig es ist, im Bereich «Islamisierung» die Diskussion zu führen, zeigte eine Frage aus dem Publikum zum Tragen des Schleiers. Redegewandt und mit viel Wissen warb Reinhard Schulze für Toleranz, Aufklärung und Verständnis. Sein ausführliches Statement verdeutlichte aber gleichzeitig, wie emotional das Thema der Zuwanderung aufgeladen ist. Die Antwort zu der Anforderungen an die Integration dürfte den Fragesteller nicht zufriedengestellt haben. Die Basler Integrationsbeauftragte forderte angesichts der Ängste in der Bevölkerung für die Integrationsarbeit klare Strukturen. An der Integration müssten die drei Partner Religion, Staat, Gesellschaft gemeinsam mitwirken.

Und die Jugend?

Für einen Steilpass an die Diskussionsrunde sorgte eine junge Muslimin (siehe auch nebenstehendes Interview). Sie erklärte: «Die Jugendlichen haben nicht die Zeit, an die Universität zu gehen. Sie informieren sich über das Internet». Der Co-Leiter des Zentrums in Freiburg, Serdar Kurnaz, begegnete der Aussage über die Herausforderung Social Media mit der Bemerkung: «Ich habe nicht damit gerechnet, dass sich so viele Aufgaben für mich stellen werden.»

Bei der Begrüssung der Gäste hatte die Rektorin der Universität, Astrid Epiney, erklärt, das neue Zentrum solle über die verschiedenen Fakultäten hinaus in die Universität eingebunden werden. Eine Verbindung zu den modernen Kommunikationswissenschaften dürfte sinnvoll sein, wenn die Jugend erreicht werden soll. (gs)

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