Zürich, 14.7.15 (kath.ch) Die Griechen in der Schweiz sind in Sorge um ihre Landsleute, sagt Emmanuel Simandirakis, Pfarrer der griechisch-orthodoxen Kirche in Zürich. Im Interview mit kath.ch zeigt er auf, was Schuldenkrise und Flüchtlingsströme für die Bevölkerung bedeuten.
Sylvia Stam
Ganz Europa blickt wegen der Schuldenkrise nach Griechenland. Wie ist die Stimmung in Ihrer Kirchgemeinde?
Emmanuel Simandirakis: Wir sind in grosser Sorge um die Menschen. Seit einer Woche sind alle Banken geschlossen. Die Apotheken geben keine Medikamente, wenn sie kein Bargeld bekommen. Die Leute dürfen aber nur 60 Euro täglich von den Banken beziehen. Davon sollten sie Miete, Lebensmittel und Medikamente zahlen. Das ist zu wenig.
Wenn jemand von uns ihnen helfen will, geht das nicht, weil die Banken kein Geld mehr rausgeben. Und per Post kann man kein Geld überweisen. Wir müssen warten, bis die Banken wieder öffnen.
Inwiefern spürt die griechisch-orthodoxe Kirche in Griechenland die Krise?
Simandirakis: Sie ist sehr davon betroffen. Wenn Orthodoxe in die Kirche gehen, kaufen sie eine Kerze. Die Kirche erhält Geld aus Kollekten und freiwilligen Spenden. Von diesem Geld finanziert sie beispielsweise kostenlose Mahlzeiten für Obdachlose. In meiner Heimatstadt bereiten zehn Pfarreien täglich 500 Mahlzeiten. Weil die Leute jetzt aber kein Geld abheben können, bezahlen die Gläubigen nur noch 10 Cent statt einen Euro.
Nehmen wir die Insel Lesbos: Die Pfarreien von Lesbos haben nicht viel Geld, die Einkommen sind reduziert, die Einwohner von Lesbos können nicht viel Geld von der Bank beziehen, um Lebensmittel zu kaufen. Andererseits kommen in einem einzigen Monat bis zu 4000 Flüchtlinge über die Türkei nach Lesbos. Was passiert? Die Leute haben selber nichts zu essen, und dann kommen noch 50 andere Leute. Diese Situation ist nicht einfach!
Wie könnte man diese Situation Ihrer Meinung nach entschärfen?
Simandirakis: Bis die Flüchtlinge verteilt werden, haben die Griechen die Verantwortung, diese Menschen zu ernähren. Europäische Länder, die in Wohlstand leben, sollten mithilfe von Caritas oder dem Roten Kreuz Lebensmittel an diese Orte schicken, damit die Griechen dies können. Die Griechen selber brauchen nichts, sie haben Verwandte und Freunde.
Wäre die griechisch-orthodoxe Kirche auch von allfälligen Strukturreformen betroffen?
Simandirakis: Sie ist bereits davon betroffen. Die Pfarrer sind Staatsbeamte. In Griechenland müssen infolge der Strukturreformen zehn Staatsbeamte zurücktreten, an ihre Stelle kommt ein neuer. Mein Bistum in Kreta hätte nach der Reduktion noch acht von den jetzigen 80 Pfarrern. Diese acht könnten die Bedürfnisse der Gläubigen nicht decken.
Wie kann die Kirche dieses Problem lösen?
Simandirakis: Wenn ich Bischof wäre, würde ich die Anzahl Pfarrer auf 30 reduzieren. Es gibt in Griechenland Pfarreien mit nur zwanzig Personen. Fünf oder sechs solche Dörfer könnten einen Pfarrer haben, ähnlich wie in der Schweiz mit den Pastoralräumen. Aber dazu müssten gewisse Traditionen der Kirche geändert werden. Zum Beispiel darf ein orthodoxer Pfarrer nur einmal täglich die Messe feiern. Aber hier in der Diaspora war ich 25 Jahre lang der einzige Pfarrer von Bern bis Liechtenstein. Ich habe also bis zu drei Messen pro Tag gefeiert. Warum nur eine?
Ich habe neun Auferstehungsfeiern in der Osternacht gefeiert. Dazu habe ich allerdings das traditionelle Ritual nicht beibehalten, denn für eine Auferstehungsfeier braucht man zwei Stunden. Jetzt brauche ich nur 20 Minuten, denn die Leute sollen hören «Christus ist auferstanden!» Alles andere interessiert niemanden.
Hat die Krise auch Auswirkungen auf Ihre Kirchgemeinde hier in Zürich?
Simandirakis: Wir Griechen hier in der Schweiz sind nicht direkt davon betroffen. Aber wir machen alles, um unseren Landsleuten zu helfen. Ich habe den Gläubigen gesagt: «Jeder kann eine oder zwei Familien in Griechenland finden, die in Not sind und kann ihnen direkt helfen, indem er ihnen Geld schickt.»
Griechenland ist kein armes Land. Ich bin vor einer Woche aus Kreta zurückgekommen, ich habe die ganze Insel umrundet. Es gibt keinen einzigen Acker, auf dem nicht etwas produziert wird. Getreide, Früchte, Oliven, Trauben. Ich habe gesagt: «Mein Gott, dieses gesegnete Land! Warum lebt es in dieser Armut?»
Weshalb hat das Land denn Schulden?
Simandirakis: Europa hat uns Geld gegeben, und diese Gelder sind nicht dort angekommen. Das Geld ist irgendwo in Griechenland verschwunden. Aber jetzt gibt es eine Kontrolle: Europa gibt Geld, und die Griechen müssen beweisen, wohin es kommt und was damit geschieht. Wir Griechen müssen endlich lernen, zu arbeiten und Steuern zu bezahlen.
Ist Ihr eigener Lohn auch von den Sparmassnahmen betroffen?
Simandirakis: Nein, wir haben keine Unterstützung aus Griechenland. Wir sind Gott sei Dank selbständig geworden. Am Anfang haben die römisch-katholische und die reformierte Kirche uns finanziell unterstützt. Dafür bin ich den Landeskirchen bis heute sehr dankbar. Inzwischen habe ich die Gemeinde gut organisiert. Wir haben eine Kirchenpflege, die das Geld verwaltet. Unser Kirchgebäude gehört der griechisch-orthodoxen Stiftung, sie bezieht ihr Einkommen aus Kerzen, Kollekten und den Vergütungen für Hochzeiten und Taufen. Einmal jährlich sende ich zudem das Osterprogramm an die Gläubigen zusammen mit einem Einzahlungsschein. Von diesem Einkommen bezahlt die Kirchenpflege den Pfarrer, die Sänger im Gottesdienst, Reinigung, Heizung, Spesen und so weiter. Wir kommen damit durch, ohne Schulden zu machen. Wir haben eine leere Kasse, aber eine volle Kirche!
Wie viele Gläubige kommen denn wöchentlich?
Simandirakis: Von den rund 15’000 Griechen in der Schweiz gehören 6’000 zu meiner Kirche, sie kommen vor allem aus Stadt und Kanton Zürich, einige auch aus Bern und Basel. Sonntags habe ich 200 bis 300 Leute in der Kirche.
Was erhoffen Sie sich von den Verhandlungen mit Europa?
Simandirakis: Ich wünsche mir, dass Griechenland in Europa bleiben kann. Aber die Griechen müssen auch respektieren, was sie unterschrieben haben. Sie haben unterschrieben, dass keiner unter 50 Jahren eine Rente bekommen darf. Ich finde, jeder müsste bis 67 Jahre arbeiten. Auch in der Schweiz bekommt keiner unter 65 Jahren Pension!
Europa und Griechenland haben sich gestern auf ein neues Rettungsprogramm geeinigt, das ernsthafte Reformen und finanzielle Hilfe umfasst. Sind Sie zufrieden mit diesem Resultat?
Simandirakis: Es freut mich sehr, dass das Abkommen zustande gekommen ist. Wir hoffen, dass Griechenland und die EU damit die richtige Lösung gefunden haben und dass bald alle Probleme gelöst werden können.
Emmanuel Simandirakis (76) lebt seit 1964 in der Schweiz und ist seit 1967 Pfarrer der griechisch-orthodoxen Kirchgemeinde in Zürich. Diese existiert seit 1962. Die 1977 gegründete Stiftung griechische orthodoxe Kirche Zürich konnte dank grosszügiger Spender den Bau eines eigenen Gotteshauses an der Rousseaustrasse realisieren. Die Kirche des Heiligen Dimitrios wurde 1995 eingeweiht. Weitere griechisch-orthodoxe Kirchen gibt es in Basel, St. Gallen, Genf und Lausanne. (sys)
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Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
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