
Eine Orientierungshilfe
In Zeiten, in denen die Wogen der Diskussion in Sachen Sexualkundeunterricht hochschlagen, gilt es auf eine erfreuliche Neuerscheinung zum Thema hinzuweisen: Stephan Leimgrubers «Christliche Sexualpädagogik. Eine emanzipatorische Neuorientierung für Schule, Jugendarbeit und Beratung» (Kösel Verlag. München 2011, 208 Seiten). Sie darf ohne Übertreibung als ein positiver «Leuchtturm» bezeichnet werden, denn inmitten eines oft genug unsachlich und polemisch geführten Wettstreits der Argumente übernimmt das neue Werk des Münchner Religionspädagogen Stephan Leimgruber «Orientierungsfunktion» im besten Sinne des Wortes.
In neun Kapiteln entfaltet der Autor anthropologische, biblische, systematisch-theologische und pädagogische Aspekte und entwickelt «eine emanzipatorische, christlich inspirierte Sexualpädagogik vor katholischem Hintergrund» (S. 9). Er ergänzt sie durch ein Kompetenzmodell für einen gelingenden Umgang mit Sexualität und stellt einen Ausblick auf eine «jugendsensible und menschengerechte Sexualpädagogik» an den Schluss. Kernstück der Darstellung sind fünf Sinndimensionen, zu denen Leimgrubers Ausführungen immer wieder zurückkehren: 1. Sexualität verhilft zur Identitätsfindung; 2. Sexualität ist Kommunikation der Liebe; 3. Im sexuellen Vollzug erfährt der Mensch Lust, Genuss und Lebensfreude; 4. Zur vollen Entfaltung der Sexualität gehören Fruchtbarkeit und Nachkommenschaft; 5. Sexualität kann für glaubende Menschen zum Ort der Transzendenz und Gottesbegegnung werden.
Anstelle einer legalistischen und rigoristischen Sündenmoral, die kirchliche Stellungnahmen zum Thema Sexualität lange Zeit geprägt haben (und leider immer noch prägen), lädt Leimgruber zu einer sexualaffirmativen, dialogisch orientierten Verantwortungsethik ein. Seine befreienden Perspektiven wollen Menschen nicht klein und unterwürfig halten, sondern ihnen helfen, Sexualität als gute Gabe Gottes, als positive Kraft und als Elixier des Lebens tiefer zu begreifen. Damit wird nicht einer pseudoliberalen Laisser-faire-Haltung das Wort geredet. Vielmehr werden Jugendliche und Erwachsene als Subjekte ernst genommen, indem in Fragen der Sexualität an ihre Verantwortung vor Gott und dem Nächsten appelliert wird.
Spätestens nach der Lektüre von Leimgrubers Sexualpädagogik muss niemand mehr vor einer öffentlichen Diskussion über das Thema Sexualität Angst haben, die Kirche soll sich durchaus einbringen, und sie kann dies auch klug tun. Werte wie das Ja zur Sexualität, die Achtung vor sich und anderen und der Respekt vor der Vielfalt sexueller Lebensentwürfe dürfen als tragfähige Basis für eine zeitgemässe Sexualerziehung verstanden werden, die sowohl theologische Impulse als auch wissenschaftliche Erkenntnisse aufnimmt. Eine in jeder Hinsicht empfehlenswerte Arbeitshilfe für alle in Religionsunterricht, Jugendarbeit und Beratungspraxis Tätigen.




