
100 Jahre «Frauenbande»
Das Jahr 1912 war für die katholische Schweiz in mehrfacher Hinsicht wichtig. Am 21. Mai dieses Jahres gründeten katholische Frauen während der ersten Delegiertenversammlung in Luzern den «Schweizerischen Katholischen Frauenbund» (SKF) – mit 26 423 Mitgliedern von allem Anfang an ein respektabler Verein. «Die katholischen Frauen der Schweiz sollen eine Macht repräsentieren. Sie sollen protestieren können gegen Gesetze, die ihre Grundsätze verletzen, und auf sozialem Gebiet danach streben, das Los der Frauen zu verbessern», eine Zielsetzung, die man vor hundert Jahren so (noch) nicht unbedingt erwartet hätte. Im September des Gründungsjahres trafen sich 7000 Frauen in Einsiedeln, wo neben einem Festgottesdienst das staatsbürgerliche Thema «Nutzbringende Durchführung der Bestimmungen des neuen ZGB» ein Hauptpunkt der Tagung war, «ein deutliches Zeichen, dass sich Frauen nun nicht mehr nur mit familiären und kirchlichen Themen befassen würden», wie die gegenwärtige Präsidentin Rosmarie Koller-Schmid in ihrem Vorwort im Jubiläumsbuch «FrauenBande. 100 Jahre Schweizerischer Katholischer Frauenbund» (rex verlag luzern 2012, 80 Seiten) schreibt, auf das auch in den folgenden Ausführungen Bezug genommen wird.
Verschiedene Stossrichtungen
Ein Grund für die Gründung des SKF war die Tatsache, dass damalige neutrale Dachverbände kaum Verständnis für die Forderungen der katholischen Glaubens- und Sittenlehre aufbrachten. Andererseits wurde mit den Bemühungen um die Gründung einer gesamtschweizerischen katholischen Partei, die drei Wochen nach der Gründung des SKF stattfand, die Frauenfrage innerhalb des 1904 gegründeten Schweizerischen Katholischen Volksvereins wieder aktuell.
Nach dem sehr erfolgreichen Frauentag im September 1912 wurden in Einsiedeln auch 1921, 1924 und 1929 solche Frauentage durchgeführt. Bereits 1917 erfolgte vom SKF zusammen mit den Lehrschwestern von Menzingen die Gründung der sozial-caritativen Frauenschule in Luzern, der heutigen Hochschule Luzern – Soziale Arbeit. 1928 eröffnete der SKF das Kurhaus Hof in Gersau, das bis 2002 armen und erholungsbedürftigen Frauen zu Ferien verhalf. Ende 1928 gehörten dem SKF 778 Vereine mit 105 482 Mitgliedern an. Im gleichen Jahr beteiligte sich der SKF an der ersten «Schweizerischen Ausstellung für Frauenarbeit» (SAFFA), welche die Bedeutung der Frauenarbeit für die gesamte Volkswirtschaft aufzeigen wollte.
1936 wurde mit Franziskus von Streng ein Bischof zum Protektor des SKF, der sich sehr aktiv in den SKF einbrachte. So wurden seine moralischen Schriften durch den SKF verlegt, und er beteiligte sich an der Durchführung von Ehekursen.
Trägerin der Katholischen Aktion und Förderin des Frauenstimmrechts
1937 übertrug die Schweizer Bischofskonferenz dem SKF die Durchführung der Katholischen Aktion für die Frauen, womit der SKF praktisch zum Dachverband der katholischen Frauenvereine wurde. Die Frauen aber wurden an der kurzen Leine gehalten, und es war bereits ein Erfolg, als der SKF 1946 in Sachen Frauenstimmrecht «Stimmfreigabe» bekannt geben konnte. Noch 1945 verbot Franziskus von Streng dem SKF den Abdruck einer Papstrede, worin Pius XII. die Italienerinnen ermunterte, sich an den Wahlen zu beteiligen. Die Einführung des Frauenstimmrechts war aber auch innerhalb des SKF nicht unbestritten. Die Schwyzer Juristin Elisabeth Blunschy-Steiner verteidigte schliesslich 1958 als neue SKF-Präsidentin das Ja zum Frauenstimmrecht, das aber erst 1971 Wirklicheit werden sollte. Weniger erfolgreich war der Einsatz für eine Mutterschaftsversicherung, erfolgreicher dann der Einsatz von Blunschy-Steiner für das neue Familienrecht mit dem Entscheidungsrecht beider Elternteile, was damals noch auf den Widerspruch von Albert Ziegler SJ stiess.
Ökumene, Erziehung und Hilfswerke
Die Zusammenarbeit des SKF mit anderen Frauenverbänden wurde in den 1950er- und 1960er-Jahren immer selbstverständlicher. An der SAFFA 58 fanden im überkonfessionellen SAFFA-Kirchlein mit dem gemeinsamen Mittagsgebet gemäss der Jubiläumsschrift die ersten ökumenischen Gottesdienste der Schweiz überhaupt statt, ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur intensiveren Zusammenarbeit mit anderen konfessionellen Frauenverbänden, der 1971 zur Gründung von «Schritte ins Offene» mit dem Evangelischen Frauenbund der Schweiz führte.
Weniger eindeutig war die Haltung zur Frage der erwerbstätigen Mütter, auch wenn sich der SKF für die Lohngleichheit zwischen Mann und Frau einsetzte. Besonders wichtig waren die Bereiche Mädchenbildung und Erziehung, darin besonders die weibliche Berufsausbildung, die bis in die 1960er-Jahre hinein keine Selbstverständlichkeit war. Der SKF warnte aber auch vor den Gefahren der neuen Medien Radio und Fernsehen, ja selbst vor den populären Globi-Büchern.
Der 1957 von Pius XII. von der FAO übernommene und an die katholischen Frauenverbände gerichtete Aufruf, sich an der Bekämpfung des Hungers zu beteiligen, führte 1958 zur Einführung des Elisabethenopfers. 1974 wurde im Kampf gegen den Schwangerschaftsabbruch ein «Fonds für schwangere Frauen in Bedrängnis» gegründet, der später in «Solidaritätsfonds für Mutter und Kind» umbenannt wurde.
Emanzipationsbestrebungen und Kluft innerhalb des Verbandes
Mit der Einführung des Frauenstimmrechtes im Jahre 1971 ging ein wichtiger Wunsch in Erfüllung, dies bedeutete aber auch, dass der SKF für politisch engagierte Frauen weniger attraktiv wurde, auch wenn der SKF mit rund 250 000 Mitgliedern ein grosses Wählerinnenpotenzial aufwies. Im Verband selbst führte das enorm breite Spektrum an Meinungen zu Spannungen, vor allem zwischen dem Zentralvorstand und der «Basis»; eine Kluft, die sich bis heute zeigt. Grund dafür bot die Frage des Schwangerschaftsabbruchs, der vom SKF immer abgelehnt, aber mit der Forderung nach Straflosigkeit für Frauen, die einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen, verbunden wurde. Zu Diskussionen boten und bieten die klassischen katholischen Reizthemen wie verschiedene Lebensformen, wiederverheiratete Geschiedene, Verhütung, Frauenpriestertum usw. Anlass, wo sich Differenzen mit der Schweizer Bischofskonferenz zeigten und einzelne SKF-Exponentinnen mit dem katholischen Kirchen-, Amts- und Sakramentenverständnis kollidierten. Diese Ausrichtungen führten 1992 zu einem neuen Leitbild «Für eine gerechte Zukunft», wo sich der SKF «als Forum für Frauenfragen, als konfessionellen Verband, der Kirche verpflichtet, aber eigenständig und unabhängig, als katholischen Verband, offen, umfassend und ökumenisch ausgerichtet sowie als eine politische Kraft in Gesellschaft, Staat und Kirche» bezeichnet.
Herausforderungen
Der Hauptteil der Jubiläumsschrift, die einen ehrlichen Einblick in die Geschichte des SKF bietet, will «rote Fäden in die Zukunft spinnen», wo einzelne Repräsentantinnen ihre Sicht der Dinge darlegen, betreffe dies nun anstehende Fragen in Kirche, Gesellschaft oder Politik. Diese Beiträge verdienen als «Temperaturfühler» Beachtung, auch wenn man inhaltlich nicht immer gleicher Meinung sein muss. Der SKF ist in gewisser Weise in all seiner Unterschiedlichkeit ein Biotop für Fragen, denen sich die Kirche nicht entziehen kann, sondern bei denen eine konstruktive Auseinandersetzung ansteht, und zwar von allen Seiten her. Und bei aller Kritik, die in einzelnen Punkten möglich ist, dürfen wir dem SKF dankbar sein, dass ein «Temperaturfühlen» möglich ist – ganz abgesehen vom Interesse und all der Arbeit der SKF-Frauen zu Gunsten der Kirche und der Gesellschaft, deren Intensität und Ausdauer uns Männern nur Auftrag und Vorbild zugleich sein können.
Redaktioneller Hinweis:
Wegen der Veröffentlichung der Broschüre «Wie gehen wir mit den Medien um?» in der vorliegenden SKZ-Ausgabe ist es leider nicht möglich, die «Kipa-Woche» Nr. 20 gleichzeitig zu publizieren. Dies wird in der SKZ-Pfingstausgabe Nr. 21–22/2012 nachgeholt.
Wir danken der Kommission für Kommunikation und Medien der Schweizer Bischofskonferenz für die Zusammenarbeit und Unterstützung bei der Publikation der erwähnten Broschüre.




