50/2003

INHALT

Wortmeldung

«Laienpredigt»

 

Lieber Bischof Amédée

Ich beziehe mich auf das Problem «Laienpredigt» im Bistum Chur (Kipa-Woche Nr. 47). Du erlaubst mir sicher ein paar Bemerkungen aus besorgter Laienbrust.

  1. Ich stelle erneut fest, dass Pro Ecclesia und ähnliche Organisationen das episkopale Amt der Aufsicht und Kirchenzucht an sich reissen und mit Hilfe der römischen Kurie auch ausüben. Sie schreiben an die Kurie und erhalten sogar eine Antwort, die sie offenbar dann veröffentlichen. Sonst pflegt man aus Rom, wenn man nicht gerade gute persönliche Beziehungen hat, bestenfalls die Antwort zu bekommen, man werde sich dem gemeldeten Problem aufmerksam widmen.
    Pro Ecclesia erinnert mich an die Spitzelorganisation La Sapinière in der Modernistenneurose um 1910, die ungeheueren Schaden angerichtet hat, unterstützt vom heiligen Pius X. und dem hinterhältigen Mgr. Benigni, alles vom klugen Benedikt XV. stillschweigend zum Verschwinden gebracht.
  2. Du als Ortsbischof besprichst in Rom alle hängigen Probleme, und Gesprächsnotizen kommen richtigerweise nicht in die Presse ­ wohl aber Briefe zwischen einer Kongregation und einem Verein.
  3. Einmal mehr klammert man sich in Rom an formale Grundsätze (die gewiss ihren Sinn haben, den man eruieren könnte), nämlich dass kein Laie in der Eucharistiefeier predigen darf, da ja in einem solchen Fall definitionsgemäss immer ein Priester dabei ist, der dann auch zu predigen hat. Viel wichtiger ­ oder wenigstens ebenso wichtig ­ wären inhaltliche Fragen. Was man heute an Predigten zu hören bekommt, wohlweislich von Klerikern, ist weitgehend betrüblich bis katastrophal. Ich habe im Laufe der letzten zwanzig Jahre genügend Notizen zu diesem Problembereich gemacht (dabei gehe ich nicht in die Kirche, um Notizen zu machen, die mache ich höchstens post festum) und kann meine Feststellung bestens belegen.
    Wenn ein Laie, Mann oder Frau, mit kirchlicher Sendung und abgeschlossener theologischer Bildung spricht, so scheint mir das gerechtfertigt, wenn man es auch nicht institutionalisieren sollte.
  4. Ich denke an die konkreten Umstände unserer Seelsorgesituation. In Rom geht man vielleicht noch von der Vorstellung der pastoralen Zustände im 19. Jahrhundert aus. Viele unserer Priester sind alt, krank, ausgebrannt und sind froh, wenn sie nicht auch noch immer predigen müssen; zumal ­ vor allem in der Deutschschweiz ­ das sprachliche Vermögen der Prediger im Allgemeinen sehr beschränkt und eine Predigt vorzubereiten und zu halten für viele eine Mühsal ist.
  5. Was den konkreten Fall der Zürcher-Wallfahrt nach Einsiedeln am 5. Juli anbelangt, hätte sich Herr Casetti es ersparen können, öffentlich hinauszuposaunen, «der Churer Oberhirte hätte dementsprechend wohl anders als Weihbischof Henrici entschieden» ­ das ist eine Ohrfeige an Dich und an Bischof Henrici!
  6. Nochmals zu Herrn Casetti: Vor einiger Zeit hat er (laut KIPA) erklärt, wenn es sehr viel früher viri probati als Priester gab, so sei ihnen nach der Priesterweihe auferlegt worden, auf ihre «ehelichen Rechte und Pflichten» zu verzichten. Ich weiss nicht, ob das in der Westkirche wirklich je der Fall war (dann wäre es ein Skandal, für den man sich ebenso entschuldigen sollte wie für vielerlei anderes in den letzten Jahren). Für heute und morgen aber gilt, dass es verheiratete viri probati als Priester geben sollte, die selbstverständlich ihr Ehesakrament voll und ganz leben, genau so wie es in den orthodoxen und katholischen Ostkirchen der Fall ist, auch dort ohne Einschränkungen. Es ist eine grobe Missachtung des Ehesakramentes, wenn man es für inkompatibel mit der Priesterweihe hält wie es anscheinend für Agnell Rickenmann ist (NZZ vom 26. November 2003). Das Problem ist nicht die Behebung des Priestermangels, sondern die Kompatibilität von Ehe- und Weihesakrament. Ich habe in der SKZ vor Jahren schon darüber geschrieben, bei weitem nicht für eine unbesehene Zulassung der viri probati plädiert, sondern für die sukzessive Einführung. Man hat mindestens 30 Jahre verloren zur Vorbereitung dieses Ernstfalls!
  7. Es stimmt leider, wie Leo Karrer sagt, dass der Reformstau in unserer Kirche, nach dem Konzil kräftig verstärkt, das Volk (Teile des Volkes) zu teilschismatischen Handlungen treibt. Es ist einfach betrüblich, zu sehen, welche Themen am 2. Vatikanischen Konzil aus den Traktanden gestrichen wurden, nicht behandelt werden durften, nachher eventuell einer Kommission übergeben wurden, deren Ergebnisse man überging (Humanae vitae ­ seit 1968 weiss das gläubige Volk, dass es vatikanische Erlasse nicht mehr so ernst nehmen soll!) oder einfach unter den Tisch wischte. Ich denke an ein Votum des melkitischen Erzbischofs Zoghby über die Wiederverheiratung Geschiedener, das dann von Journet unter Mithilfe seines Sekretärs Mamie ganz tüchtig zusammengestaucht wurde ­ dabei haben diese Leute keine Ahnung von der Epikie oder Ökonomie der Ostkirchen, die meist viel menschenfreundlicher umgehen als die Büros in Rom.

Dir danke ich herzlich für allen Einsatz für unsere Kirche, und so verbleibe ich mit herzlichen Grüssen

Iso Baumer


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003