19/2003 | |
INHALT | |
Wortmeldung |
Sehr geehrter Herr Bischof
Lieber Kurt
Gerne antworte ich auf die Fragen, die Du mir in Deiner Antwort auf meine Fragen stellst.<1>
1. Tatsächlich liegt mein Interesse nicht am Inhalt Deines Textes
zum Buch von Trummer. Ich habe bis jetzt dieses Buch nicht gelesen und kann
mir so auch kein Urteil über es anmassen. Mir ging und geht es um die
Kommunikationskultur in unserem Bistum. Ich weiche also nicht auf eine formale
Ebene aus, sondern ich befrage Dich zu der Art der Kommunikation, die Du
mit Deinem Text treibst. Im Übrigen bekenne ich gerne, dass in unserem
Bistum in Zusammenhang mit der unbefriedigenden Situation der Gemeindeleitung
durch Nichtpriester manch fragwürdiges und theologisch nicht Verantwortbares
geschieht.<2> Dazu muss ich aber festhalten,
dass es nicht in erster Linie die Gemeindeleiterinnen und Gemeindeleiter
sind, die diese menschlich und theologisch fragwürdige Situation verursachen,
sondern die Kirchenleitung, die nicht in der Lage ist, die Not der priesterlosen
Gemeinden zu wenden. Laientheologinnen und Laientheologen werden damit in
eine Situation gestellt, in der sie so wie ich es wahrnehme
notwendig und aus pastoraler Verantwortung in Konflikt mit kirchenrechtlichen
Bestimmungen kommen. Man darf strukturelle Konflikte nicht Personen anlasten.
Ein zweites Interesse liegt für mich darin, zu überprüfen,
ob das freie Wort in unserem Bistum noch etwas gilt. Mit Dir ist mir die
Gewissensfreiheit heilig. Das Zweite Vatikanische Konzil hat sie eindrücklich
beschrieben<3>. «Diese Freiheit besteht
darin, dass alle Menschen frei sein müssen von jedem Zwang sowohl von
Seiten Einzelner wie gesellschaftlicher Gruppen, wie jeglicher menschlichen
Gewalt, so dass in religiösen Dingen niemand gezwungen wird, gegen
sein Gewissen zu handeln, noch daran gehindert wird, privat und öffentlicher
als Einzelner oder in Verbindung mit andern innerhalb der gebührenden
Grenzen nach seinem Gewissen zu handeln. Ferner erklärt das Konzil
das Recht auf religiöse Freiheit sei in Wahrheit auf die Würde
der menschlichen Person selbst gegründet, so wie sie durch das geoffenbarte
Wort Gottes und durch die Vernunft selbst erkannt wird» (Dignitatis
humanae Art 2).
Deshalb will ich in meiner Kirche immer meine Meinung sagen können,
sei sie gelegen oder nicht, meinem Kirchenrat gegenüber, meinen Mitschwestern
gegenüber, meinen Mitbrüdern und eben auch dem Bischof und dem
Papst gegenüber, nicht zuletzt auch mir gegenüber, denn wer sich
auf sein Gewissen beruft, wird feststellen, dass ihn sein Gewissen zuweilen
in arge Nöte bringen kann, weil es ihn mit sich selbst konfrontiert.
Ich weiss, dass Dir die absolute Loyalität Dir als Bischof, nicht als
Person, gegenüber sehr wichtig ist. Das hat mir der von Dir gewählte
Generalvikar an einer Podiumsdiskussion am 1. April in Basel bestätigt.
Auf meine Vermutung, Du hättest ihn gewählt, weil er sehr geschickt
mit den Medienleuten umgehen könne, hat er vehement, aus tiefem Herzen
und damit glaubwürdig widersprochen: «Bischof Kurt hat mich gewählt,
weil er weiss, dass ich absolut loyal bin.» Und genau das kann und
will ich nicht sein. Nicht in spätpubertärer Auflehnung gegen
die Autorität, sondern aus tiefer existentieller und theologisch verantworteter
Überlegung. Absolut loyal kann ich nach meinem Verständnis des
Evangeliums nur Gott gegenüber sein. Mir geht es um den aufrechten
Gang. Wir müssen einander helfen, aufrecht durch das Leben gehen zu
können. Das ist aber nur in einer offenen, Kritik zulassenden, ja Kritik
einfordender Kommunikationskultur möglich.
2. Mich erstaunt, dass Du mich fragst, ob Bischöfe weiterhin in der Öffentlichkeit grenzenlos angreifbar, Theologen hingegen absolut unantastbar seien. Diese Aussage finde ich weder in Worten noch zwischen den Zeilen in meiner Anfrage. Ich bin der Überzeugung, dass jede Person, die sich in der Öffentlichkeit äussert, unabhängig von ihrem Status, sich der öffentlichen Kritik stellen muss. Und es ist ein Gesetz einer demokratisch verfassten Öffentlichkeit in modernen Gesellschaften, dass gerade Autoritäten in besonderer Weise kritisierbar bleiben müssen. Damit wird versucht, die Machtkritik, die nun ja tatsächlich ein Anliegen Jesu ist, auf die bestmögliche Art umzusetzen. Ich wünschte mir mehr solcher kritischer Auseinandersetzung in der Öffentlichkeit, durchaus und selbstverständlich auch im Hin und Her von Bischof und den anderen Gläubigen, seien sie nun Laien oder kirchliche Mitarbeitende.
3. Du fragst mich, «wie es zu verstehen sei, dass im Bistum Basel
jeder meint, öffentlich sagen und schreiben zu dürfen, was er
denkt ausgenommen der Bischof selbst».<4>
Das ist nun tatsächlich nicht meine Meinung. Ich finde in meinen Fragen
auch keinen Hinweis, der zu dieser Frage Anlass geben könnte. Tatsächlich
soll der Bischof jederzeit öffentlich sagen, was ihm wichtig ist.
Du benennst in Deiner Antwort die literarische Gattung Deines Beitrages
in der Kirchenzeitung. Du nennst ihn eine «Rezension» aus exegetischer
und dogmatischer Sicht. In Deinem Text findet sich aber folgender Satz:
«Bei Infragestellung des Glaubens bei theologischen Autoren, die im
Namen unserer Kirche lehren, können und dürfen Episkopen nicht
weg-schauen, sondern müssen hinschauen und handeln. Denn ein Bischof,
der sich diesbezüglich nicht vorsieht, wird nur das Nachsehen haben.»
So aber ist Dein Text nicht bloss die Rezension eines theologisch versierten
Bischofs, sondern eine pastorale Ermahnung.
Am Schluss bleibt, wie Du schreibst, eine gute Aussicht. Du erwartest von mir, dass ich mich selber auch an die von mir zitierte Gemeinderegel halte. Du schreibst von öffentlicher Kritik, die ich ohne Rückfrage an Dich geäussert habe. Ich weiss, was Du damit meinst, und werde dazu in meinem persönlichen Brief Stellung nehmen. Ich möchte Dich aber auch um eine gute Aussicht für mich bitten. Gestehe mir und allen anderen im Bistum zu, dass sie nicht absolut, sondern kritisch loyal sind. Und erinnere Dich daran, dass Loyalität immer wechselseitig ist.
In kritischer, aber nicht absoluter Solidarität
1 Ich schreibe hier nur, was in die Öffentlichkeit gehört. In einem persönlichen Brief werde ich Dir noch einige zusätzliche Auskünfte geben.
2 Ich habe mich deshalb vor längerer Zeit schon entschieden, mich nicht als Gemeindeleiter zur Verfügung zu stellen. Dadurch würde ich in eine strukturelle Aporie gestellt, die ich weder theologisch verantworten noch menschlich ausbaden möchte.
3 Ich denke, es ist eine der vornehmsten Aufgaben, dass wir uns gegenseitig immer wieder an diesen fundamentalen Text erinnern.
4 Ich kann nicht nachvollziehen, wie Du auf Grund von vier Fragen, die ich Dir öffentlich stelle, zur Überzeugung kommen kannst, dass ich der Meinung sei, der Bischof dürfe nicht öffentlich sagen und schreiben, was er denkt. Die Frage ist ja gerade die Kommunikationsform, die das gegenüber ernst nimmt und ihn zum Sprechen einlädt, und öffentlich gestellte Fragen sind die Einladung, öffentlich zu antworten.