51-52/2003 | |
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Kirche in der Welt |
Die Schweizer Bischöfe rufen alle Pfarreien dazu auf, das Opfer in den Weihnachtsgottesdiensten für das Kinderspital in Bethlehem und für die bedürftigen Kinder und Mütter im Heiligen Land aufzunehmen. Die von Gewalt und Gegengewalt zermürbten Menschen sollen spüren, «dass sie in ihrer Not nicht allein gelassen sind», heisst es im Appell der Bischöfe. Mit der besonderen Unterstützung der Schweizer Katholiken unterhält die Kinderhilfe Bethlehem seit 50 Jahren das Baby Hospital in Bethlehem und fördert lokal getragene Projekte für kranke und behinderte Kinder und ihre sozial benachteiligten Mütter und Familien.
Das Hilfswerk «Kinderhilfe Bethlehem» ist als Verein konstituiert und hat seinen rechtlichen Sitz in Luzern. Ihm gehören als Kollektivmitglieder alle Schweizer Bistümer an, ebenso einige Verbände wie etwa Caritas Schweiz. Der Verein hat aber auch Mitglieder in Deutschland wie etwa das Erzbistum Freiburg i.Br., die Bistümer Mainz und Essen, den Deutschen Caritasverband und andere. Zu den Mitgliedern zählt auch die Ordensgemeinschaft der Elisabethenschwestern von Padua. Dieser Orden stellt derzeit fünf Ordensfrauen, die in Bethlehem in Pflege und Sozialdienst engagiert sind. Dem Vorstand gehören neun Persönlichkeiten aus der Schweiz, Deutschland und Italien an. Den Ausschuss bilden Präsidentin Margrit Zemp (Luzern), Vizepräsident Pfarrer Michael Schweiger (Freiburg i.Br.) und Geschäftsführer Klaus Röllin.
Genau vor zehn Jahren, nach der Unterzeichnung der so genannten Osloer Abkommen, begann in den Köpfen und Herzen der Palästinenser und auch vieler Israeli die Hoffnung zu keimen, dass sich ein einigermassen geregeltes Nebeneinander gestalten liesse und dass ein vorsichtiges Miteinander (vorab im Handel und in der Beschäftigungspolitik) möglich werden könnte. Die Hoffnungen haben sich trotz mehrerer so genannter Friedenspläne immer wieder zerschlagen. Die Extremisten auf beiden Seiten haben sich mit ihren Gewaltaktionen wirksam in die Hände gearbeitet. Nicht nur wurde auf beiden Seiten verhindert, dass Vertrauen gegenüber dem politischen Gegner entstehen und wachsen konnte. Es wurden durch die palästinensischen Selbstmordattentate einerseits und durch die teils masslosen Militärreaktionen und die Forcierung der Siedlungspolitik auf der andern Seite Gefühle des Hasses geschürt.
Die seit Herbst 2000 nun wieder von grösseren Spannungen gekennzeichnete
Lage trifft die Menschen auf beiden Seiten der Front. In Israel schützt
sich die Bevölkerung durch eine physische und psychische Abschottung
gegenüber all dem, was sich auf palästinensischer Seite an Hoffnung
auf Friede, Arbeit und Wohlergehen noch äussert. Wahrgenommen werden
nur noch die Gewaltakte und die hinter diesen Anschlägen aktiven Gruppen.
Man will nicht mehr wahrnehmen, dass die meisten Menschen in Palästina
die gleichen Aspirationen haben, wie sie auch in der israelischen Bevölkerung
wach sind: dass die Kinder zur Schule gehen dürfen und dass sie dabei
nicht Angst haben müssen. Dass die Väter und Mütter arbeiten
und so für ihre Familien sorgen können und dass sie ihre Verwandten
und Bekannten wieder besuchen dürfen ohne stundenlang auf «permits»
warten zu müssen und jeglicher Willkür ausgesetzt zu sein.
Die politische Lage ist desolat. Die Hoffnung, dass sich politisch etwas
in Richtung Frieden bewegen könnte, ist derzeit in Palästina gleichsam
auf dem Nullpunkt. Die Erfahrung, dass sie ihre Ansprüche nicht selber
durchzusetzen vermögen, und die Erfahrung, dass sie anders als
Israel auf wirksame internationale Rückendeckung nicht zählen
können, schafft in Palästina eine Atmosphäre kollektiver
Depression.
Die Kinderhilfe Bethlehem als Trägerin des Kinderspitals und der
andern Aktivitäten und das Caritas Baby Hospital sind ein Teil Bethlehems
und der Westbank und damit von den Folgen der politisch-militärischen
Verhältnisse auch direkt betroffen. Das heisst: Alle Probleme von Ausgangssperren,
Einschränkungen der Bewegungsfreiheit zwischen den Dörfern und
Stadtteilen, Kontrollen an den Checkpoints mit all ihrer Willkür und
ihren Bedrohungen sind auch Alltag im Spital und prägen das Leben der
einheimischen und der europäischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
Die familiären und sozialen Sorgen der Angestellten sind präsent
und Teil der Probleme am Arbeitsplatz. Die Sorge um die Sicherheit von Menschen
und Material und die ausreichende Vorsorge bezüglich Lebensmittel,
Wasser und Medikamente gehören zu den Aufgaben der Spitalleitung.
Die zunehmende wirtschaftliche und soziale Not der Menschen in der Westbank
ist dem Spital nicht fremd. Obwohl die rund 180 einheimischen Arbeitskräfte
regelmässig ihren Lohn bekommen und damit gegenüber sehr vielen
ihrer Landsleute besser gestellt sind, erfährt das Spital die Not der
Bevölkerung tagtäglich. Sehr viele Menschen sind ausgepowert,
müde, verzweifelt. Sehr viele Eltern können auch die bescheidenen
Spitaltaxen nicht aufbringen. Entsprechend bescheiden sind denn auch die
Eigenerträge des Spitals. Da zudem seit mehr als zwei Jahren praktisch
keine Pilgergruppen mehr die Gegend bereisen und damit auch im Spital fehlen,
sind die Direktspenden von Gruppen in sich zusammengesunken.
Die Kinderhilfe Bethlehem hat in den Jahren 1995/1996 eine Erweiterung des Spitals (nicht aber der Bettenzahl) und eine durchgreifende Renovation des Hauses vorgenommen. (Darüber ist vor einem Jahr an dieser Stelle ausführlich berichtet worden.) Die damaligen Arbeiten, die unter äusserst schwierigen äussern Umständen geleistet werden mussten, sind abgeschlossen. Für die Trägerschaft war damals schon klar, dass der innern Entwicklung ebenso Augenmerk zu schenken sein würde. Das ist denn auch geleistet worden, und zwar in dreifacher Hinsicht. Vorerst haben Fachleute den Erweiterungsbau und die Renovationsarbeiten einer nachträglichen Prüfung unterzogen. Eine weitere Prüfung galt dem Finanzwesen und der Administration des Spitals und schliesslich wurde von einem deutschen Institut auch der medizinische Leistungsauftrag einer Prüfung unterzogen. In allen drei Bereichen sind für die künftige Arbeit wertvolle Anregungen vermittelt worden. Ihre Umsetzung ist eine der ersten Verpflichtungen, denen sich Geschäftsführung und Vorstand in Zusammenarbeit mit der Spitalleitung derzeit stellen. Die Kinderhilfe Bethlehem bleibt sich bewusst, dass durch diese drei erwähnten Checks ein in Nahost verwurzelter Betrieb, der in Medizin, Bildung und Sozialarbeit herausragende Arbeit leistet, mit europäischen Massstäben gemessen worden ist. Umso besser für die Trägerschaft, dass sie auf der Basis des bisher Geleisteten nun aufbauen und weiterentwickeln darf, was auch vom einheimischen Personal mitgetragen werden kann. Umso besser auch für die Spenderinnen und Spender, die versichert sein dürfen, dass ihre Gaben sachgerecht und kostenbewusst eingesetzt werden und so den wirklich Bedürftigen zugute kommen.
Die sehr angespannte äussere Lage in Bethlehem, aber auch die verstärkte
Belastung für das europäische Personal haben deutlich gemacht,
dass die Kinderhilfe Bethlehem ihre Trägerschaftsaufgaben in Bethlehem
verstärken muss. Sie hat deshalb zusätzlich eine ausgewiesene
Fachkraft angestellt. Da sich aus Altersgründen in der Geschäftsführung
eh schon eine Ablösung abzeichnet, ist nun im Blick auf eine kontinuierliche
Weiterentwicklung des Hilfswerks frühzeitig, eben in diesen Wochen,
die Stelle des Geschäftsführers bzw. der Geschäftsführerin
ausgeschrieben worden. Inhaltlich und personell sind also neue Schritte
zu prüfen und zu gehen. Ein lebendig gebliebenes Werk, das sich immer
wieder neu den Bedürfnissen der Menschen stellen will, begreift solche
inhaltlichen und personellen Aspekte als echte Herausforderung.
Eine der wesentlichen Herausforderungen wird dabei die bewusste Verbundenheit
mit dem Ort des Wirkens und mit dem Ereignis sein, das Christen an Weihnachten
feiern und das sie mit dem Ort und dem Wort «Bethlehem» verbinden.
In Bethlehem ist für die Christen nach der biblischen Botschaft das
Eine Kind zu den Menschen gekommen. Uns ist es zum Privileg geworden, in
den vielen Kindern von Bethlehem das Eine Kind zu erahnen, zu erkennen und
zu lieben.
Der Theologe Klaus Röllin ist Geschäftsführer des Vereins Kinderhilfe Bethlehem.