18/2003 | |
INHALT | |
Weltgebetstag |
Verehrte Mitbrüder im Bischofsamt,
Liebe Brüder und Schwestern auf der ganzen Welt!
1. «Seht, das ist mein Knecht, den ich erwählt habe; mein
Geliebter, an dem ich Gefallen gefunden habe» (Mt 12,18, vgl. Jes
42,14). Das Thema der Botschaft zum 40. Weltgebetstag um geistliche
Berufungen lädt uns ein, uns den Wurzeln der christlichen Berufung
zuzuwenden, der Geschichte dessen, der als erster vom Vater berufen wurde,
der Sohn, Jesus. Er ist «der Knecht» des Vaters, von den Propheten
voraus verkündet als der, den der Vater sich erwählt und gebildet
hat vom Mutterschoss an (vgl. Jes 49,16); der Geliebte, den der Vater
stützt und an dem er -seine Freude findet (vgl. Jes 42,19), auf
den er seinen Geist gelegt, den er mit seiner Kraft erfüllt (vgl. Jes
49,5) und den er erhöht hat (vgl. Jes 52,13).
Sofort wird hier die im tiefsten Sinne posi-tive Bedeutung deutlich, die
der Text dem Begriff «Knecht» zumisst. Während in der gegenwärtigen
Kultur jener, der dient, geringer geachtet wird, ist der Diener in der Heilsgeschichte
jener, der von Gott -berufen wird, eine besondere Sendung zum Heil und zur
Erlösung zu vollführen; er ist sich bewusst, alles, was er hat,
empfangen zu haben und weiss sich deshalb berufen, mit dem ihm Geschenkten
den anderen zu dienen.
Der Dienst in der Bibel ist stets an eine besondere Berufung gebunden, die
von Gott kommt. Eben deshalb stellt er die höchste Erfüllung der
Würde des menschlichen Geschöpfes dar und lässt im Menschen-geschöpf
die über sich hinausweisende und geheimnishafte Dimension aufleuchten.
So war es auch im Leben Jesu, des treuen Dieners, der gerufen war, das universale
Werk des Heiles zu vollbringen.
2. «Wie ein Lamm, das man zum Schlachten führt...» (Jes
53,7). In der Heiligen Schrift besteht ein starkes und offensichtliches
Band zwischen Dienst und Er-lösung, wie auch zwischen Dienst und Leiden,
zwischen Knecht und Lamm Gottes. Der Messias ist der leidende Knecht, der
sich die Last der menschlichen Sünde auf seine Schultern geladen hat,
er ist das Lamm, «das zum Schlachten geführt wird» (Jes
53,7), um den Preis der durch die Menschheit begangenen Sünden zu bezahlen
und ihr dadurch jenen Dienst zu erweisen, dessen sie am dringendsten
bedarf. Der Knecht ist das Lamm, das «misshandelt und niedergedrückt
wurde, aber seinen Mund nicht auftat» (Jes 53,7), doch darin
zugleich eine aussergewöhn-liche Macht offenbarte: die Macht, Böses
nicht mit Bösem zu vergelten, sondern das Böse mit dem -Guten
zu beantworten.
Es ist die sanfte Macht des Knechtes, der in Gott seine Kraft findet und
der von ihm gerade deshalb erhoben wird zum «Licht für die Völker»
und Heilbringer (vgl. Jes 49,56). Die Berufung zum Dienst ist stets
die im Geheimnis geborgene Berufung zur ganz persönlichen Teilnahme
am Dienst des Heiles, auch wenn dies viel abverlangt und Leiden kosten kann.
3. «...auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen
zu lassen, sondern um zu dienen...» (Mt 20,28). Jesus ist wahrlich
das vollkommene Urbild des «Knechtes», von dem die Heilige Schrift
spricht. Er ist jener, der sich zutiefst selbst entäusserte und «wie
ein Sklave wurde» (Phil 2,7), der sich ganz hingegeben hat an die
Sache des Vaters (vgl. Lk 2,49) als der geliebte Sohn, an dem der Vater
sein Gefallen gefunden hat (vgl. Mt 17,5). Jesus «ist nicht gekommen,
um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben
als Lösegeld für viele» (Mt 20,28); er hat die Füsse
seiner Jünger gewaschen und war dem Plan des Vaters gehorsam bis zum
Tod, bis zum Tod am Kreuze (vgl. Phil 2,8). Darum hat der Vater selbst ihn
erhöht und ihm einen neuen -Namen gegeben, ihn zum Herrn über
Himmel und Erde gemacht (vgl. Phil 2,911).
Wie sollte man in der Erzählung des «Knechtes Jesus» nicht
die Geschichte einer jeden Berufung wiedererkennen, jene Geschichte, die
der Schöpfer selbst erdacht hat für jedes menschliche Wesen; eine
Geschichte, die unvermeidbar durch den Ruf zu dienen hindurchführt
und ihren Höhepunkt findet im Entdecken des neuen Namens, den Gott
für jeden er-dacht hat? In diesem «Namen» kann jeder die
eigene Identität tiefer erfassen, indem er sich hinorientiert zu einer
Verwirklichung seiner selbst, die ihn frei und glücklich macht. Wie
sollte man insbesondere in der Erzählung vom Sohn, dem Diener und Herrn,
nicht die Berufungsgeschichte von all jenen wiedererkennen, die von ihm
gerufen sind, ihm in unmittelbarer Nähe nachzufolgen, um so Diener
zu sein im priesterlichen Amt oder im gottgeweihten Leben? In der Tat ist
die priesterliche oder gottgeweihte Berufung stets von ihrem Wesen her Berufung
zum gross-mütigen Dienst an Gott und an den Mitmenschen.
Der Dienst wird so zum Weg und zur kostbaren Vermittlung, um zu einer besseren
Erkenntnis der eigenen Berufung zu finden. Die «Diakonie» ist
ein echter und eigentlicher Weg der Berufungspastoral (vgl. Neue Berufungen
für ein neues Europa 27c.).
4. «Wo ich bin, dort wird auch mein Diener sein» (Joh 12,26).
Jesus, der Knecht und der Herr, ist es auch, der beruft. Er beruft dazu,
wie er zu sein, weil allein im Dienen das menschliche Sein die ihm eigene
Würde und die der anderen entdeckt. Er beruft, zu dienen, wie er gedient
hat: Wenn die zwischen-menschlichen Beziehungen von einem gegenseitigen
Dienen inspiriert sind, wird eine neue Welt geschaffen und in dieser entwickelt
sich eine authentische Berufungskultur.
Mit dieser Botschaft möchte ich gleichsam -Jesus meine Stimme leihen,
um vielen Jugendlichen das Ideal des Dienens vor Augen zu stellen und ihnen
zu helfen, die Versuchungen des Individualismus und die Illusion, auf diese
Weise das Glück zu finden, zu überwinden. Trotz gewissen entgegengesetzten
Tendenzen, die dem gegenwärtigen Zeitgeist eignen, besteht im Herzen
vieler Jugendlicher eine natürliche Bereitschaft, sich dem anderen
zu öffnen, insbesondere den Bedürftigen. Das macht sie grossmütig,
fähig zur Anteilnahme, bereit, sich selbst zu vergessen, um den anderen
vor die eigenen Interessen zu stellen.
Dienen, liebe Jugendliche, ist eine ganz natürliche Berufung, denn
das menschliche Sein ist von seiner Natur aus Dienst, weil wir nicht Herrscher
über unser eigenes Leben sind und zugleich stets so vieler Dienste
anderer bedürfen. Dienen ist Ausdruck der Freiheit vor der Aufdringlichkeit
des eigenen «Ich» und Zeichen der Verantwortlichkeit gegenüber
dem anderen; und zu dienen ist für alle möglich durch anscheinend
ganz kleine Gesten, die aber in Wirklichkeit ganz gross sind, dann nämlich,
wenn sie von wahrer Liebe durchdrungen werden. Der echte Diener ist demütig,
versteht sich selbst als «unnütz» (vgl. Lk 17,10), sucht
nicht selbstsüchtigen Gewinn, sondern gibt sich für die anderen
hin und erfährt -dabei in der Selbsthingabe zugleich die Freude der
Uneigennützigkeit.
Ich wünsche Euch, liebe Jugendliche, dass Ihr es versteht, auf die
Stimme Gottes zu hören, die Euch zum Dienen ruft. Genau das ist der
Weg, der zu vielfältigen Formen des Dienstes zum Wohl der ganzen Gemeinschaft
führt: vom geweihten Amt bis hin zu vielfältigen anderen eingesetzten
und anerkannten Formen des Dienstes: der Katechese, der Gestaltung der Liturgie,
der Erziehung der Kinder, der verschiedenartigsten Formen der Nächstenliebe
(vgl. Novo millennio ineunte, 46). Zum Abschluss des Grossen Jubiläums
habe ich daran erinnert, dass der Moment für eine neue «Phantasie
der Liebe» gekommen ist (ebd., 50). Nun liegt es an Euch Jugendlichen,
Euch in besonderer Weise dafür einzusetzen, dass diese -Liebe sich
in ihrem ganzen spirituellen und apostolischen Reichtum auszudrücken
vermag.
5. «Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der
Diener aller sein» (Mk 9,35). Dieses Wort sagt -Jesus den Zwölfen,
erstaunt darüber, dass sie untereinander diskutieren, «wer von
ihnen der Grösste sei» (Mk 9,34). Das ist die fortwährende
Versuchung, vor der selbst jener nicht gefeit bleibt, der berufen ist, der
Eucharistie vorzustehen, dem Sakrament der höchsten Liebe des «leidenden
Knechtes». Wer diesen Dienst ausübt, ist in Wirklichkeit noch
umfassender gefordert, Diener zu sein. Er ist in der Tat gerufen, in persona
Christi zu handeln, das heisst, die Haltung Jesu beim Letzten Abendmahl
wiederum lebendig werden zu lassen, indem er dieselbe Bereitschaft -annimmt,
bis zur Vollendung zu lieben, bis zur Hin-gabe seines eigenen Lebens. Dem
Herrenmahl vor-zustehen, ist deshalb die dringliche Einladung, sich selbst
als Opfergabe darzubringen, damit in der Kirche die Haltung des leidenden
Knechtes, der ihr Herr ist, weiter besteht und wächst.
Liebe Jugendliche, entfaltet in Euch die Begeisterung für Werte und
Entscheidungen, die in die Tiefe gehen, die aus Eurer Existenz einen Dienst
an den anderen auf den Spuren Jesu, des Lammes Got-tes machen. Lasst Euch
nicht verführen durch die Versuchung der Macht und des Ehrgeizes. Auch
das Ideal des Priestertums bedarf fortwährend der Reinigung von solchen
und anderen gefährlichen Entstellungen.
Möge auch heute der Aufruf des Herrn Jesus Widerhall finden: «Wenn
einer mir dienen will, folge er mir nach» (Joh 12,26). Habt keine
Angst, den Ruf anzunehmen. Mit Sicherheit werden Euch auch Schwierigkeiten
und Opfer nicht erspart bleiben, und doch werdet Ihr glücklich sein
zu dienen, und Ihr werdet Zeugen jener Freude sein, die die Welt nicht geben
kann. So werdet Ihr zu lebendigen Flammen einer grenzenlosen und ewigen
Liebe; Ihr werdet die geistlichen Reichtümer des Priestertums, dieses
göttlichen Geschenkes und Geheimnisses, erkennen.
6. Wie so oft erheben wir auch aus diesem Anlass unseren Blick zu Maria, der Mutter der Kirche, dem Stern der Neuevangelisierung. Rufen wir sie voll Vertrauen an, damit in der Kirche niemals jene Menschen fehlen, die bereit sind, grossherzig den Aufruf des Herrn zu beantworten, der zu einem unmittel-bareren Dienst am Evangelium ruft:
«Maria, demütige Magd des Allerhöchsten, das Kind, das Du geboren hast, hat Dich zur Dienerin des Menschengeschlechts gemacht. Dein Leben war Dienen; demütig und grossherzig: Du warst Dienerin des Wortes, als der Engel dir denHeilsplan Gottes offenbarte. Du warst Dienerin des Sohnes, dem Du das Lebenschenktest; für sein Geheimnis bliebst Du immer offen. Du warst Dienerin der Erlösung, als Du mutig zu Füssen des Kreuzes gestanden bist zur Seite dem leidenden Knecht und Lamm, das sich hingab aus Liebe zu uns. Du warst Dienerin für die Kirche am Pfingsttag. Durch Deine Fürsprache hörst Du nicht auf, sie zuneuem Leben zu erwecken in jedem, der glaubt, auch in dieser unseren so schwierigen und leidgeprüften Zeit. Auf Dich, Du junge Tochter Israels, die Du selbstdie Erschütterung des aufgewühlten jugendlichen-Herzens, betroffen vom Ratschluss des Höchsten,-erfahren hast, auf Dich richten die Jugendlichen des dritten Jahr-tausends vertrauensvoll ihren Blick. Mache sie fähig, der Einladung Deines Sohnes zu folgen, aus ihrem Leben eine vollkommene Gabe zur EhreGottes zu machen. Hilf ihnen zu verstehen, dass der Dienst an Gott dasHerz erfüllt und dass sich nur im Dienst an Gottund an seinem Reich in ihnen das verwirklicht,was Gott für sie vorgesehen hat. Hilf ihnen, dass ihr Leben zu einem Lobpreis der Allerheiligsten Dreifaltigkeit werde. Amen».
Anlässlich des «Jahres der Bibel 2003» hat sich auch das Katholische Bibelwerk Gedanken darüber gemacht, wie sich die biblische Botschaft in zeitgemässerer Form vermitteln lässt. Ein Ergebnis ist die neu konzipierte und gestaltete Zeitschrift «Bibel heute». So behandelt die neueste Ausgabe das Thema «Was mir heilig ist» recht unkonventionell: Mit Umfrageergebnissen und Erfahrungsberichten, mit einem Zugang über die Begriffe «sakral» und «profan», einer aktualisierenden Textauslegung zur Dornbuschgeschichte, Bibelfacts zum Begriff «heilig» und einem «Pro und Contra»: «Ist uns eigentlich gar nichts mehr heilig». Rubriken wie «das besondere Bild», Bücher-, Medien- und Filmtipps sowie literarische Zugänge und ein Einhefter mit praktischen Vorschlägen für eine Bibelarbeit runden das Heft ab.
Bibelpastrorale Arbeitsstelle, Bederstrasse 76, 8002 Zürich, Tel. 01 205 99 60, E-Mail info@bibelwerk.ch