8/2003 | |
INHALT | |
Kirche in der Welt |
Jede Zeit braucht Leitfiguren, die Wege und Visionen der Veränderung
aufzeigen, und jede Zeit braucht die Auseinandersetzung mit diesen Leitfiguren,
um neues Verhalten zu provozieren. Spirituell gesprochen geht es dabei um
die «Nachfolge Christi», genauer gesagt um die eine spezifische
Nachfolge Christi mit besonderer Relevanz für die aktuelle Zeitsituation.
Dies macht ein neues Buch über Oscar Romero, Erzbischof von San Salvador
von 19771980, bewusst.
Für deutschsprachige Leserinnen und Leser gab es bisher zwei ausführliche
Biografien über Erzbischof Oscar Romero (geboren 1917, ermordet 1980).
Die immer noch umfassendste und am besten dokumentierte Biografie stammt
vom amerikanischen Jesuiten James R. Brockman, deren englisches Original
1989 in New York erschien und deren deutsche Übersetzung 1990 vom Paulus-Verlag
herausgegeben wurde.
Keine Biografie im herkömmlichen Sinn, vielmehr ein Porträt aus
tausend Bildern stellt das Buch von María López Vigil dar,
eine Art kollektive Erinnerung von rund 200 Personen, die erzählen,
wie sie Romero persönlich erlebt haben. Die Autorin ordnet diese Zeugnisse
chronologisch und wagt es, in theologischer Sprache vom «Handeln Gottes
in Romeros Geschichte» zu reden, weil sichtbar wird, «wie bei
ihm das Mitleiden immer mehr Raum gegenüber der Ideologie gewinnt.
Und genau das ist es, was unsere Zeit, was vielleicht alle Zeitalter dieser
Welt brauchen: gute Autoritäten, Leute mit Macht auch in der
Kirche die die Dinge beim Namen nennen, die die Wirklichkeit sehen
und nicht nur ein Bild von der Wirklichkeit» (8f.).
Eindrücklich und etwas melodramatisch aufbereitet vermittelt auch der
Spielfilm «Romero Seine Waffe war die Wahrheit» die Ereignisse
rund um Erzbischof Romeros Tod (erhältlich bei Filme für eine
Welt, Telefon 0313982088 oder mail@filmeeinewelt.ch). Zwar keine Biografie,
aber eine weitsichtige Reflexion über die Bedeutung Romeros für
Lateinamerika ist die Aufsatzsammlung im Taschenbuch «Vergessen heisst
Verraten», herausgegeben von Giancarlo Collet und Justin Rechsteiner.
Darin enthalten sind zwei eindrückliche persönliche Erinnerungen
der beiden Theologen Jon Sobrino und Gustavo Gutierrez.
Zu diesen Darstellungen kommt seit Mitte 2001 neu ein Herder-Taschenbuch
hinzu, verfasst vom deutschen Jesuiten und Redaktor der «Stimmen der
Zeit», Martin Maier, der zwar Bischof Romero selbst nicht mehr gekannt
hat, aber in San Salvador bei Jon Sobrino und bei Ignacio Ellacuría,
der später (1989) ebenfalls ermordet wurde, studiert hat. In dieser
Zeit hatte er mit verschiedenen Bekannten und Verwandten Romeros Gespräche
geführt. Was seine Darstellung von den andern deutschsprachigen Biografien
unterscheidet, ist die Berücksichtigung der inzwischen edierten rund
200 Predigten Romeros, seiner Tagebuchnotizen und Exerzitienaufzeichnungen.
Deshalb folgt auf einen ersten Teil über das Leben und Werk Romeros
ein zweiter Teil über Werk und Zeugnis. Dieses Herder-Taschenbuch ist
denn auch in der Reihe «Meister der Spiritualität» erschienen.
Romeros spirituelle Grundhaltung findet sich heute vor allem in seinen Predigten formuliert, die unterdessen auf Spanisch als Tonbandabschriften gesammelt vorliegen. Romero selbst hat seine Predigten nie aufgeschrieben, er machte sich bloss einige Notizen. Überhaupt gibt es sehr wenig Geschriebenes von Romero selbst. Und dennoch ist sein Name heute weltweit ein Programm. Seine weltweite Wirkung beruht vor allem auf seinem politisch-kirchlichen Lebenszeugnis während seiner drei letzten Lebensjahre 19771980 und seinen damals gehaltenen, religiös glaubwürdigen und das Unrecht deutlich benennenden Predigten.
Trotz weniger Notizen waren die Predigten aber äusserst seriös vorbereitet. Auf seinem Schreibtisch hatte er bibelwissenschaftliche Bücher, persönliche Notizen und Zeitungsausschnitte. «Ich stelle meine Umgebung in das Licht dieses Wortes und versuche daraus eine zusammenfassende Sicht zu gewinnen und diese weiterzugeben» (86). Vom Schreibtisch ging er dann aber immer wieder in die Kapelle, um «im Gespräch mit meinem Gott» den Inhalt seiner Predigt zu klären.
Dass seine Spiritualität und speziell sein neues Sehen der Wirklichkeit
in den letzten drei Jahren seines Lebens nicht ein einsamer Prozess war,
zeigt ein Detail, das für jegliche kirchliche Führungsaufgabe
vorbildlich ist. «Hatte er früher seine Entscheidungen einsam
getroffen, so liess sich Romero jetzt von den verschiedensten Leuten und
Gruppen beraten. Er wurde zum Mann des Dialogs. Er umgab sich mit drei Beratergruppen:
eine für pastorale Fragen, eine zweite für juristische und eine
dritte für politische Fragen» (47). Nun nützen solche Einrichtungen
natürlich nichts, wenn nicht der Wille zum Lernen da ist. Schon als
er sein Bischofsamt antrat, wandte er sich an seine Mitarbeitenden mit der
Bitte: «Helft mir, klar zu sehen». Auch seine so genannte Bekehrung
hatte mit diesem neuen Sehen zu tun. Die für die Überwindung seiner
Ängstlichkeit wichtige Nacht der Leichenwache bei seinem ermordeten
Freund Rutilio Grande war es dann auch, die ihm, wie er sagte, entschieden
die Augen geöffnet habe. Lange hatte Romero zwar das Elend in El Salvador
gesehen, aber die Wirklichkeit wirklich mutig an sich herangelassen und
nach den Ursachen und Interessen gefragt, das hatte er erst, als er den
gewaltsamen Tod vieler seiner Mitarbeitenden mit ansehen musste. In seinem
Vortrag in Löwen anlässlich der Verleihung des Ehrendoktorats
sagte er mit bewusst biblischem Verweis: «Das Schreien meines Volkes
ist zu mir gedrungen, und ich habe die Bedrängnis gesehen, mit der
man es quält. Diese Worte aus der Heiligen Schrift haben uns die Augen
geöffnet, so dass wir nun erkennen, was sich immer schon bei uns zutrug,
aber oft verborgen war, sogar dem Blick der Kirche selbst. Wir haben gelernt
zu sehen, was das erste, fundamentale Unrecht in unserer Welt ist, und haben
es als Seelsorger in Medellin verurteilt: Dieses Elend als Massenerscheinung
ist eine Ungerechtigkeit, die zum Himmel schreit» (107f.).
Wie aktuell solche Worte noch heute sind, wenn im Zeitalter der Globalisierung
800 Millionen Menschen an schwerer chronischer Unterernährung leiden
und pro Tag 24000 Menschen an den Folgen dieser Ungerechtigkeit sterben,
muss nicht eigens betont werden. Aber es muss nicht bloss nach wirtschaftlichem
Wachstum, sondern vor allem nach strukturellen Veränderungen und einer
neuen weltweiten Verteilungspolitik gefragt werden, wenn 358 Milliardäre
mehr besitzen als das Gesamteinkommen der armen Länder, in denen fast
45 Prozent der Weltbevölkerung leben. Das «Helft mir klar zu
sehen» gilt gerade in einer Zeit der zunehmenden Komplexität
um so mehr. Aber nur wer sucht und nachfragt, findet auch Wege. Wer aber
Wege findet, der bekommt Feinde bei denen, die nicht gerne sehen, wenn wir
hinter aller Komplexität nach den Interessen fragen. «Umgebracht
wird, wer stört» (53), sagte Romero einmal ganz lapidar.
Sehr aktuell und spirituell von grossem Belang ist auch die Frage nach
der so genannten «Bekehrung» von Erzbischof Romero. Romero war
und blieb immer ein Mensch des Gebetes. Und dennoch ist da noch etwas mehr.
Romero sagte von sich nach seinem Wandel, früher hätte er den
Eindruck erweckt, «diskreter» und«spiritueller»
zu sein als in seinen letzten drei Jahren, aber jetzt erforderten die Umstände
mehr «pastorale Tapferkeit». Nach Martin Maier stammt das umfassendste
Zeugnis über die Veränderung Romeros vom damaligen Provinzial
der zentralamerikanischen Jesuiten César Jerez, der mit Romero während
seines ersten Rombesuchs im April 1977 ein Gespräch führte.
Auf die Frage, warum haben Sie sich geändert, antwortete Romero gemäss
diesem Zeugnis: «Ein Mensch hat seine Wurzeln... Ich bin in einer
sehr armen Familie geboren. Ich habe Hunger gelitten, ich weiss, was es
heisst, von klein auf zu arbeiten... Als ich ins Seminar eintrat und meine
Studien begann..., habe ich Jahr um Jahr zwischen Büchern verbracht
und meine Herkunft ganz vergessen. Ich habe mir eine andere Welt geschaffen.
Danach bin ich nach El Salvador zurückgekommen, und man hat mich zum
Sekretär des Bischofs von San Miguel gemacht. 23 Jahre lang war ich
Pfarrer dort und wieder in Papierkram versunken. Und als ich dann Weihbischof
von San Salvador wurde, fiel ich dem Opus Dei in die Hände! Und da
war ich nun... Dann schickten sie mich nach Santiago de María, und
dort stiess ich wieder auf das Elend. Bei den Kindern, die allein schon
an dem Wasser sterben, das sie getrunken haben, bei den Campesinos, die
sich bei der Ernte zugrunde richten... Sie wissen ja, Padre, Kohle, die
einmal Glut gewesen ist, fängt beim kleinsten Windhauch wieder Feuer.
Und es war ja nicht gerade wenig, was da in der Sache mit Pater Grande passiert
ist. Sie wissen, dass ich ihn sehr gemocht habe. Als ich den toten Rutilio
ansah, dachte ich: Wenn sie ihn für das umgebracht haben, was er getan
hat, dann muss ich denselben Weg gehen wie er... Ich habe mich geändert,
ja aber ich bin auch zurückgekehrt» (99f.).
Und in einer Predigt ein Jahr nach dem Tod von Rutilio Grande sagte Romero,
Rutilio Grande habe zwar als Jesuit immer wieder durch die Exerzitien eine
lebendige Begegnung mit Jesus gesucht. Doch das wahre Bild Christi wird
«nicht nur in den Exerzitien vermittelt, sondern dadurch, dass man
dort mitlebt, wo Christus in seinem Fleisch leidet,... wo Christus verfolgt
wird, wo Christus in den Menschen gegenwärtig ist, die im Freien schlafen
müssen, weil sie kein Haus haben, wo Christus sich in den Krankheiten
zeigt, die er als Folge des schlechten Wetters und anderer Entbehrungen
erleidet; hier ist Christus mit seinem Kreuz auf den Schultern gegenwärtig,
nicht in der Kreuzwegmeditation in einer Kapelle, sondern lebendig im Volk»
(135).
Ein anderes Kapitel im Buch von Maier behandelt die inzwischen bekannten
skandalösen Hintergründe von Romeros Ermordung. Obwohl man recht
genau Bescheid weiss, kam es bis jetzt zu keiner gerichtlichen Aufklärung
dieses Mordes. Eine nach den Friedensverträgen von 1992 in El Salvador
eingesetzte Wahrheitskommission schreibt in ihrem Bericht: «Es ist
völlig offensichtlich, dass der frühere Major Roberto D'Aubuisson
den Befehl zur Ermordung des Erzbischofs gab und dass er den Mitgliedern
seines Sicherheitsdienstes, die als Todesschwadron agierten, genaue Anweisungen
gab, wie der Mord zu organisieren und zu überwachen sei» (156).
D'Aubuisson war der Gründer der seit 1988 bis heute regierenden ultrarechten
Partei ARENA und gilt noch immer als grosser Patriot, der El Salvador vor
dem Kommunismus bewahrte. Er starb 1992 an Kehlkopfkrebs. Der für die
Ausführung des Mordes verantwortliche Hauptmann Saravia wurde in Florida,
USA, verhaftet; das Bundesgericht der USA verfügte aufgrund der überzeugenden
Aktenlage die Auslieferung Saravias im September 1988. Doch Rechtsextreme
und ARENA hatten das Oberste Gericht von El Salvador fest in den Händen.
Im Dezember 1988 annullierte der Oberste Gerichtshof den Auslieferungsantrag.
Der Fall wurde eingestellt und die USA musste Saravia freilassen. Auch die
Ergebnisse der Wahrheitskommission wurden durch ein Amnestiegesetz sofort
wirkungslos gemacht. Alle Verbrechen und Menschenrechtsverletzungen, die
seit dem 1. Januar 1980 begangen wurden, wurden dem so genannten «Gesetz
zur nationalen Versöhnung» unterstellt und bis heute gerichtlich
nicht verfolgt.
Aber auch in einflussreichen kirchlichen Kreisen versuchte man den Ruf von
Erzbischof Romero zu schädigen. Er sei von linken Jesuiten manipuliert
worden. Doch vergisst man, mit welchen Mitteln Romero von seinen eigenen
Mitbischöfen öfters unter Druck gesetzt wurde. Auch dem 1990 offiziell
eingeleiteten Seligsprechungsprozess wurden und werden von Gegnern Romeros
in El Salvador und in Rom viele Hindernisse in den Weg gelegt. Das wird
gerade vom Volk der Armen sehr bedauert, das ändert aber nichts an
der Verehrung Romeros: Sein Leben, sein Wandel, die Wirklichkeit klar zu
sehen, und vor allem die drei letzten Jahre seines Wirkens überzeugten
und machten Bischof Oscar Romero innerhalb kürzester Zeit weltweit
bekannt und bedeutsam für die aktuellen Herausforderungen unserer gespaltenen
Welt.
Der promovierte Theologe Toni Bernet-Strahm leitet das Ressort Bildung im RomeroHaus, Luzern.
Am 24. März 2003 jährt sich der Mord an Romero zum 23. Mal. Das Romero-Haus veranstaltet in Kooperation mit Amnesty International Gruppe Immensee, Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien, Interteam, SüdForum, Theologische Bewegung am Samstag, 22. März 2003 (9.15 bis 16.30 Uhr) mit Johann Aeschlimann, Bruce Buckingham, Bruno Rütsche und Reinhild Traitler den Romero-Tag zum Thema «Vom Weltpolizist zum Weltsheriff». Was ist los mit den USA? Welche Rolle spielt dabei die Religion? Welches sind die Gegenbewegungen im Lande selber? Wie gehen die USA mit den Ländern Lateinamerikas, besonders mit Kolumbien, um? Welche Reaktionen zeitigen am ehesten Erfolg? Weitere Informationen: Telefon 0413757272 oder über www.romerohaus.ch
Oscar Romero: Prophet für das 21. Jahrhundert. Religion und Solidarität
am Beispiel des Märtyrerbischofes aus El Salvador. Leitung und Referent:
José Amrein-Murer.
Prospekt und Auskünfte erhalten Sie bei: Bethlehem Mission Immensee,
Bildungsdienst, Postfach 62, 6405 Immensee, Telefon 0418541252.
Das Romero-Haus veranstaltet jeweils Ende März Todestag von Erzbischof Oscar Romero ist der 24. März einen speziellen Romero-Tag. Informationen dazu erhalten Sie über Telefon 041 3757272 oder über www.romerohaus.ch.