3/2003

INHALT

Ostkirchen

Unio - Communio

von Rolf Weibel

 

Der Titel «Von der Unio zur Communio» lässt auf den ersten Blick an eine systematische Abhandlung denken, die sich für ein ökumenisches Verhalten gegenüber den Ostkirchen einsetzt. Erschienen ist unter diesem Titel indes eine historische Abhandlung über das Ostkirchenwerk «Catholica Unio»,<1> an dem im Rückblick der Gesinnungswandel und der Wandel des Verhaltens der römisch-katholischen Kirche gegenüber den altorientalisch-orthodoxen und orthodoxen Ostkirchen als ein Weg erscheint mit den Schritten: «Uniatismus (soll man einzelne Gläubige oder Minderheiten von Bischöfen für die römische Kirche zurückgewinnen?), Unionismus (soll man versuchen, den ganzen Ðdissidentenð christlichen Osten wieder zu gewinnen?), Ökumenismus (will man mit den andern Christen in ein geschwisterliches Gespräch ohne Vorbehalte und Hintergedanken eintreten, um die künftige Einheit ­ Ðwie und wann Gott es willð ­ vorzubereiten?)» (5).

Von Wien nach Freiburg

Seinen Anfang nahm das heute noch in Österreich, Deutschland und der Schweiz bestehende Werk der Ostkirchenhilfe, als 1921 in Wien an den westfälischen Grafen, den Benediktiner P. Augustin von Galen, die Bitte um Hilfe für im Gefolge der Russischen Revolution von 1917 geflüchtete Ukrainer herangetragen wurde; gedacht war dabei an «eine Bewegung zugunsten einer Union der Gross-Ukraine mit der Katholischen Kirche» (38). Um diese Anliegen zu befördern, wurde ein Ukrainisches Religionskomitee gegründet. Für P. Augustin erhielten in diesem Komitee die national-religiösen Interessen der Exil-Ukrainer ein zu grosses Gewicht, und überdies begannen sich auch Bulgaren, Serben und Rumänen für die Vereinigung zu interessieren. So kam es 1923 zu einer Zweiteilung: den ukrainischen Interessen nahm sich fortan der «St. Josaphat-Verein» an und P. Augustins kirchlichen Interessen die «Catholica Unio». Die «Catholica Unio» mit Sitz in Wien wurde 1924 päpstlich approbiert, und 1927 wurde ihr Sitz in die Schweiz nach Freiburg verlegt und der Ortsbischof Marius Besson von Rom zum Generalpräsidenten, P. Augustin zu seinem «Sekretär oder Gehilfen oder Beisitzer» ernannt.
Vor rund zehn Jahren, nämlich 1993, hat die Generalversammlung der «Catholica Unio Internationalis» in Lublin den Schweizer Iso Baumer, Lehrbeauftragter für Ostkirchenkunde an der Universität Freiburg Schweiz, zum Generalsekretär gewählt. Umgehend wurde an ihn das Anliegen herangetragen, im Hinblick auf die 75-Jahr-Feier eine historische Schrift zu verfassen. Nachdem er seine dreibändige Monographie über Prinz Max von Sachsen, den an der Universität Freiburg Schweiz tätig gewesenen Ostkirchenforscher, abgeschlossen hatte,<2> machte er sich ans Werk. Es erwies sich in der Folge wegen der Quellenlage als ein äusserst zeitaufwändiges Unternehmen.
Die Darstellung der Zeit bis 1950/55 erarbeitete Iso Baumer aus den ungedruckten Quellen. Die Archivalien der «Catholica Unio Internationalis» wurden erst 1995 zusammengeführt; sie sind heute in mehreren Schränken im Gebäude des Klosters St. Ursula in Freiburg aufbewahrt, befinden sich indes in einem misslichen Zustand. Neben diesem «eigenen» Archiv benutzte Iso Baumer vor allem noch die Diözesanarchive von Freiburg Schweiz und Wien sowie das Archiv der Kongregation für die Ostkirchen (das ihm vollständig offen stand!). Für die Zeit seit 1950/55 konnte er die archivalischen Quellen wegen ihrer Fülle nicht mehr auswerten, so dass er die Darstellung aufgrund der gedruckten Quellen (Zeitschriften, Jahresberichte, Rundbriefe) und mündlicher Auskünfte erarbeitet hat. Als guter Lehrer hat er den welt- und kirchengeschichtlichen Kontext der kleinen Geschichte der «Catholica Unio Internationalis» nicht nur skizziert, sondern recht ausführlich mit dargestellt.
So ist seine Studie weit mehr als eine Vereinsgeschichte ­ dabei ist die Vereinsgeschichte selber schon spannend. Besonders aufgefallen ist mir der anfängliche Wille zur Internationalität, dem allerdings kein bleibender Erfolg beschieden war. So gab es Gründungsversuche und Gründungen ­ ausser Österreich, Deutschland und Schweiz ­ in Holland, Frankreich, Spanien, Portugal, Bulgarien sowie Karpato Rus', Polen, Bosnien und Slawonien, Danzig und West-Ukraine, England, Schottland und Irland, Italien, Belgien, Kanada, USA, Mittelamerika, Chile, Argentinien und Brasilien. In Brasilien bestand die «Catholica Unio» am längsten, sie erlosch erst 1978 mit ihrer Pro-forma-Integration in die Ökumenische Kommission der Diözese São Paulo; das holländische Ostkirchenwerk ist heute der Bischofskonferenz zugeordnet, während die noch bestehenden Landessektionen der «Catholica Unio» der Kongregation für die Ostkirchen angegliedert sind.

Vom Konversions- zum Hilfswerk

In einem Brief von 1927 nannte P. Augustin von Galen als die drei Ziele der «Catholica Unio»: Gebetsvereinigung für die Wiedervereinigung der Abtrünnigen mit der Kirche, Ausbildung von Priestern und Mönchen im Hinblick auf diese Einigung, Verbreitung von Schriften, die diese Einigung befördern könnten. Zugleich stellte er den Grundsatz auf: Die «Catholica Unio» hält sich von «Liebeswerken» fern, die zum Ziel haben, «Geld zu sammeln, um Not und Elend zu lindern, damit die Dissidenten uns nicht mehr vorwerfen könnten, wir wollten mit Wohlfahrtswerken ihre Seelen kaufen» (50f.).
Vorläufer des ökumenischen Gedankens in der römisch-katholischen Kirche ­ wie der genannte Prinz Max von Sachsen, aber auch Priester im Kreis der «Catholica Unio» ­ begannen zu differenzieren und die Unio in Abhängigkeit von der Communio zu denken. Das Zweite Vatikanische Konzil gab ihnen Recht: Es geht um die Gemeinschaft der Kirchen, «in geduldigem Dialog, unter Wahrung der historisch gewachsenen spirituellen und liturgischen und theologischen Reichtümer», wie Iso Baumer an der Buchvernissage ausführte. Darum ist das Ziel der «Catholica Unio» heute: den Ostkirchen ­ den altorientalisch-orthodoxen und orthodoxen wie den mit Rom in Communio stehenden («unierten» bzw. katholischen) Ostkirchen ­ materielle Hilfe zu bringen (was weltweit über 40 andere, zumeist grössere und wichtigere Werke auch besorgen)<3> sowie den Christlichen Osten den westlichen Christen und Christinnen intellektuell, emotional und spirituell näher zu bringen.
Dieses Ziel wird auch von Papst Johannes Paul II. durch wegweisende Gedanken zum Verhältnis zu den Ostkirchen und eindrucksvolle Zeichen unterstützt. Leider wirkt die Tätigkeit seiner Kurie «nicht in allen Aspekten auf die orthodoxen und altorientalischen Christen vertrauenerweckend» (26). Mehr noch: sie ist recht widersprüchlich. Da erlässt auf der einen Seite der Päpstliche Rat zur Förderung der Einheit der Christen «Richtlinien für die Zulassung zur Eucharistie zwischen der chaldäischen Kirche und der assyrischen Kirche des Orients» und gestattet so eucharistische Gastfreundschaft zwischen einer katholischen und einer nichtkatholischen Ostkirche.<4> Auf der anderen Seite werden in Russland Apostolische Administraturen in Bistümer umgewandelt, ohne auf Empfindlichkeiten der Russisch-Orthodoxen Kirche erkennbar Rücksicht zu nehmen.<5> Ohne Vertrauen ist Communio aber nicht zu haben!


Anmerkungen

1 Iso Baumer, Von der Unio zur Communio. 75 Jahre Catholica Unio Internationalis, (Ökumenische Beihefte zur Freiburger Zeitschrift für Philosophie und Theologie, 41), Universitätsverlag, Freiburg Schweiz 2002, 536 Seiten. Die Ziffern im Text bedeuten die Seitenzahlen in diesem Werk.

2 Ebenfalls im Freiburger Universitätsverlag 1990, 1992 und 1996 erschienen.

3 Die römisch-katholischen Werke treffen sich zweimal jährlich bei der Kongregation für die Ostkirchen als ROACO (Riunione delle Opere per l'Aiuto alle Chiese Orientali ­ Vereinigung der Hilfswerke für die Ostkirchen).

4 L'Osservatore Romano deutsch vom 23. November 2001, Nr. 47, S. 9.

5 Siehe dazu die Glosse von Hanno Helbling, Konsolidierung ohne Mission? Die Schaffung katholischer Bistümer in Russland, in: NZZ vom 5. März 2002, Nr. 53, S. 66.


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