49/2003

INHALT

Verstorbene

P. Florin Cavelti OSB, Kloster Fischingen

 

P. Florin Cavelti wurde am 21. Oktober 1916 in Gossau (SG) geboren und auf den Namen Georg getauft. Zusammen mit vier Geschwistern wuchs er in der bekannten Buchdruckerfamilie Cavelti in Gossau auf. 1931 kam er an die Stiftsschule Engelberg und trat 1937 ins Kloster Engelberg ein. Da fand er Persönlichkeiten, die ihm zu Vorbildern wurden und ihn dadurch auf dem Weg begleiteten. So verstand P. Florin sein pädagogisches Wirken: Zuerst seine Sache recht machen und dann zielbewusst, dabei auf die Bedürnisse der Kinder und Jugendlichen eingehend, mit ihnen eine Strecke weiterziehen. So wurde ab 1947 seine eigentliche Heimat das Kloster Fischingen mit dem Kinderheim St. Iddazell. Nach dem Studium zum Sekundarlehrer baute er die Sekundarschule in unermüdlichem Einsatz auf. Die Schule genoss bald einen sehr guten Ruf. Die wenigen Ordensleute mussten andere Aufgaben übernehmen, es wurde weltliches Personal in Schule und Internat eingestellt. Schon damals war eine integrative Oberstufe ­ Sekundarschule, Realschule ­ geplant, scheiterte aber an der Personal- und Kostenfrage. Bitter musste P. Florin als Direktor des Vereins St. Iddazell das Ende der Sekundarschule mitentscheiden und mittragen.
Er hatte aber bereits andere Visionen. Es galt die Strukturen des Kinderheims zu erneuern und die Neubauten der Sonderschule Chilberg zu realisieren. Er zeigte den Mitarbeitern die Pläne, was damals doch ausserordentlich war, und sie konnten in Details Veränderungen bewirken. Dass man anstelle einer Hauskapelle ein Schwimmbecken bauen soll, das war P. Florin dann doch etwas zu kühn und etwas verwegen. Durch den Neubau der Sonderschule wurden grosse Teile der Klostergebäude frei. Eine Restaurierung wurde ermöglicht, nachdem eine neue Zielsetzung zur Nutzung gefunden wurde: das heutige Bildungshaus. Die Leitung übergab er seinen Mitbrüdern P. Bonifaz und nach dessen frühem, für alle schmerzhaften Tod, P. Stefan.
P. Florins grösstes Anliegen war die Wiederaufnahme des monastischen Lebens in Fischingen. Am 28. August 1977 wurde die alte Abtei als selbständiges Priorat wiedererrichtet und Pater Florin zum Prior ernannt. Er hielt sich an das Wort: «Er (der Obere) mache alles Gute und Heilige mehr durch sein Leben als durch sein Reden sichtbar.» Da zeigte sich eine tiefe Verbundenheit mit dem Mutterkloster Engelberg, mit der Tradition. Er war kein Neuerer um jeden Preis.
In geselliger Runde konnte er sehr offen, herzlich und fröhlich sein, er erzählte Erinnerungen und machte Witze. So erlebte man ihn als Pfarrer. Er bewegte und ermunterte. Seine Predigten zeugten von grossem Wissen und einer festen Überzeugung, manchmal waren sie für die Zuhörer schwer verständlich. Aber sein Engagement in der Jungmannschaft, in der Frauen- und Müttergemeinschaft und bei den Erstkommunikanten war hervorragend, davon erzählen ältere und jüngere Fischinger. Man spürte immer, er war gerne unser Pfarrer.
Der Tod kam als Erlösung zu P. Florin, er wurde von seinen jahrelang mit Geduld und Gelassenheit ertragenen Gehbeschwerden erlöst, erlöst vom nicht mehr daheim in seinem Kloster wohnen zu können. Sein Leben war voll Vitalität und zäher Energie, von einer Feinfühligkeit, die sich eher wenig spontan äusserte, dafür in einer künstlerischen Sichtweise und sprachlicher Formgebung. Er setzte strenge Massstäbe an sein Wirken, rühmte sich nie und andere wenig. Trotzdem spürte man immer eine hohe Achtung und Anerkennung. Aufdringlich war P. Florin nicht ­ höchstens dann, wenn er Stumpen rauchend und ohne ein Wort durch die Gruppen des Kinderheimes wandelte. Er war zielbewusst und bestimmt in der Durchsetzung seiner Visionen ­ oft einsam, ein wenig in sich verstrickt, halt knorrig. P. Florin hat die Geschichte des Klosters während 50 Jahren ganz wesentlich geprägt. Dabei war seine Weitsicht tragend, eine Weitsicht, die er bis zum Ende hoffend in sich barg ­ für seinen Abschied, bleibend für das Kloster und Fischingen.

Alfons Fust


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003