10/2003

INHALT

Verstorbene

Karl Frei, Pfarr-Resignat, Lachen

 

Karl Frei wurde am 16. März 1916 dem Josef und der Anna Frei-Jann in Stans als zweitletztes von acht Kindern geboren und wuchs zusammen mit seinen drei Brüdern und vier Schwestern auf. Überfluss herrschte damals nicht in der kinderreichen Briefträgerfamilie, aber seine Jugend empfand er als glücklich und fröhlich. Nach der Primarschule durfte der junge Karl das Kapuzinerkollegium St. Fidelis in Stans besuchen. Nach der Matura ging Karl Frei für ein Jahr an die Universität Freiburg und studierte bei den Dominikanern Philosophie. Aber es zog ihn mehr in die praktische Seelsorge, weshalb er 1937 ans Priesterseminar St. Luzi in Chur wechselte.
Nach vier Jahren des theologischen Studiums weihte Bischof Laurentius Matthias ­ mit dem Beinamen Vinzenz ­ den jungen Theologen Karl Frei 1941 in Chur zum Priester und schickte ihn daraufhin als Vikar in die Stadtzürcher Pfarrei St. Franziskus nach Wollishofen. Dort unterstand dem jungen Priester die «Jungwacht», mit der er Jahr für Jahr ein Lager auf dem Wisiberg bei Dallenwil in seinem Nidwaldner Herkunftsland durchführte. Hier lernte er den Umgang mit Jugendlichen kennen, auch deren Nöte und Sorgen. Daraufhin kam Karl Frei als Kaplan nach Alpnach in Obwalden. Und hier galt sein ganzes Sinnen und Trachten dem Gesellenverein «Kolping», wo er vor allem junge Männer seelsorgerisch betreute. Gegen Ende der Fünfziger Jahre wurde er durch Bischof Christianus Caminada als Kaplan und Pfarrhelfer ins Urner Eisenbahnerdorf Erstfeld versetzt , wo man ihm nebst der Jugendseelsorge auch das Schulpräsidium übertrug. Sein Chef, Pfarrer und Dekan Herger, war eine höchst interessante, aber auch autoritäre Persönlichkeit, ein Mann wie aus dem Barockzeitalter geschnitzt, der als Erziehungsrat noch anfangs der Sechziger Jahre das Tanzen am Samstagabend im ganzen Urnerland staatlich verbieten lassen wollte.
Es verwundert daher nicht, dass Karl Frei im Frühling 1967 seine Wahl zum Pfarrer von Wollerau als eigentlichen Ausbruch aus dem von hohen Bergen umschlossenen Gesellschaftskreis empfand. Eine leichte Stelle hatte er hier allerdings im Herbst 1967 nicht angetreten, war doch in Wollerau wegen der Kritikfreudigkeit gegenüber der Geistlichkeit die «innere Lage» der Pfarrei recht aufgewühlt, noch verstärkt durch den kircheninternen Umbruch innerhalb des Katholizismus nach dem II. Vatikanischen Konzil. Aber Karl Freis Start in Wollerau war doch gelungen, vielleicht auch dank zufällig äusseren Rahmenbedingungen: Man feierte gerade in diesen Wochen die 750-Jahr-Feier von Wollerau, wo der neue katholische Pfarrherr selbstverständlich Ehrengast und eine gefragte Persönlichkeit war. Sein psychologisches Geschick ermöglichte dem neuen Parochus rasch die breite Akzeptanz durch seine neuen Pfarreiangehörigen, und Karl Frei wurde als tolerant denkender und handelnder Priester von den frommen und auch von den weniger frommen Mitchristen als ihr Pfarrer angenommen. Selber Spurensucher, hat er in Wollerau als Pfarrer die Lebensspur vieler Mitmenschen im Herzen und im Geist mitgeprägt, als Priester und als Religionslehrer. Als dienstfertiger Pfarrherr war er nicht nur für die Seelsorge zuständig; er stellte sich 1968 für mehrere Jahre auch der politischen Gemeinde als Schulratspräsident zur Verfügung. Stark engagiert hat er sich auch bei der geglückten Innenrenovation der St.-Verena-Kirche in Wollerau 1985. Sein leutseliges Wesen, der ungezwungene gesellige Umgang mit den Mitmenschen, auch mal eine Aussprache mit einem von Sorge und Not belasteten Menschen bei einem Gläschen Wein am Wirtshaustisch, die lebensbejahende Freude bei Festlichkeiten, alle diese vorzüglichen Eigenschaften machten Karl Frei zu einem weitherum beliebten und geachteten Dorfpfarrer. Dass dies einigen wenigen nicht ganz passte, gehört ja zur Gesetzmässigkeit der menschlichen Natur und Gesellschaft. Man war 1989 anlässlich seines Rücktritts jedoch bass erstaunt, als man die Bemerkung hörte, Karl Frei sei den Eiferern nicht mehr modern genug. 22 Jahre lang hatte er mit Erfolg, mit viel Anpassungsvermögen und mit der längsten Amtsdauer im 20. Jahrhundert die katholische Pfarrei St. Verena seelsorgerisch gradlinig und mit theologisch aufgeschlossenem Weitblick geführt.
Im Alter von 73 Jahren zog er sich Ende des Jahres 1989 nach einer doch würdigen Verabschiedungsfeier in Wollerau als Pfarr-Resignat in den alten Marktort Lachen zurück, lebte dort gemütlich in einer modernen Wohnung, half dem Lachner Pfarramt als Prediger und Konzelebrant in der Liturgie und engagierte sich mit viel Verve und Freude im Team für die Altersnachmittage.
Eine Art Gehirnlähmung verursachte im Frühjahr 2002 eine kurzzeitliche Amnesie, und dieser Gedächtnisverlust machten ihm arg zu schaffen. Ende Juni konnte er, nun an den Rollstuhl gefesselt, im Alters- und Pflegeheim des Damenstifts von Schänis ein geräumiges Zimmer beziehen, wo er sich sehr wohl und heimisch fühlte. Im Herbst musste er wegen Altersschwächen erneut im Krankenhaus Lachen hospitalisiert werden. Zwei Tage nach dem Empfang der Sterbesakramente entschlief Karl Frei am 25. Oktober 2002 im 87. Altersjahr für immer im Frieden des Herrn.

Werner Röllin


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003