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Theologie in Freiburg |
Die Liturgie ist der Lebensnerv des christlichen Glaubens und des theologischen Lehrens und Forschens. Diese Überzeugung steht hinter den Beschlüssen des Zweiten Vatikanischen Konzils, das vor 40 Jahren die Liturgiewissenschaft den Hauptfächern der Theologie zurechnete; dabei forderten die Konzilsväter, dass «die Dozenten der übrigen Fächer, insbesondere die der dogmatischen Theologie, die der Heiligen Schrift, der Theologie des geistlichen Lebens und der Pastoraltheologie, von den inneren Erfordernissen je ihres eigenen Gegenstandes aus das Mysterium Christi und die Heilsgeschichte so herausarbeiten, dass von da aus der Zusammenhang mit der Liturgie und die Einheit der priesterlichen [heute müsste man formulieren: der ganzen theologischen] Ausbildung deutlich aufleuchtet» (Liturgiekonstitution, Art. 16).
So ist aus dem früher vor allem unter dem Aspekt der Rubrikenkunde
im Lehrbetrieb begegnenden Fach die Liturgiewissenschaft als jene theologische
Disziplin geworden, die sich mit der Kirche und mit dem Menschen befasst,
insofern diese Gottesdienst feiern. Liturgie der Kirche bedeutet gemäss
dem Liturgiebegriff des Konzils, das Christusmysterium gedenkend zu vergegenwärtigen
und in den unter Wort und Zeichen vollzogenen Dialog mit Gott einzutreten.
Mit diesem Selbstverständnis untersucht die Liturgiewissenschaft sowohl
die Geschichte als auch die gegenwärtige Gestalt des Gottesdienstes
in seinen vielfältigen Formen, fragt nach den theologischen Grundlagen
genauso wie nach den anthropologischen Bedingungen. Ebenso berücksichtigt
sie spirituelle und kirchenrechtliche Aspekte.
Bei alldem hat sich die Liturgiewissenschaft dem Paradigmenwechsel in Theologie
und Glaubenspraxis zu stellen, wie er für die Gegenwart charakteristisch
ist. Sie zeichnet sich durch ihre ökumenische Orientierung und durch
Interdisziplinarität innerhalb der Theologie und darüber hinaus
aus.
Diesem konziliar begründeten Selbstverständnis und der daraus
hervorgehenden Aufgabenstellung sieht sich das Institut für Liturgiewissenschaft
an der Universität Freiburg verpflichtet. Vorweg sei ein kurzer Blick
in die Geschichte geworfen.
Erstmals bestand in Freiburg von 19001910 ein Lehrstuhl für Liturgiewissenschaft,
den Prinz Max von Sachsen (18701951) innehatte. Bei dessen Weggang
verfiel der Lehrstuhl jedoch. In den folgenden Jahrzehnten wurden liturgische
Aspekte in verschiedenen Fächern mitbehandelt, vorab in Pastoraltheologie,
Patristik und Kirchenrecht. Unter dem Einfluss der Liturgischen Erneuerung
richtete die Theologische Fakultät 1953 einen festen Lehrauftrag für
Liturgiewissenschaft ein, den der Luxemburger Benediktiner Jean Hild (Abtei
Clervaux) bis 1956 übernahm. Im selben Jahr wurde ein stabiler Lehrstuhl
für Liturgiewissenschaft begründet, einer der frühesten im
deutschen Sprachgebiet. Sein erster Inhaber war Anton Hänggi (19171994)
bis zu seiner Wahl zum Bischof von Basel Ende 1967. Von seinem Werdegang
her Kirchenhistoriker, beschäftigte sich Hänggi vor allem mit
der Liturgiegeschichte. Im Rahmen der Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen
Konzils gehörte er mehreren internationalen Kommissionen an und wirkte
an wichtigen Punkten bei der Erneuerung des Gottesdienstes in der katholischen
Kirche mit. Er war 1957 Mitbegründer der Reihe «Spicilegium Friburgense»
zur Edition von «Texten zur Geschichte des kirchlichen Lebens».
1963 wurde unter ihm das Liturgische Institut der Schweizer Bischofskonferenz
in Freiburg errichtet, das jedoch nach seiner Wahl zum Bischof als kirchliche
Einrichtung die Verbindung mit der Universität aufgab und 1968 zunächst
nach Zürich übersiedelte.
Als Nachfolger wurde Jakob Baumgartner SMB (19261996) gewählt,
der die Professur von 1969 bis 1991 innehatte. Er widmete sich primär
pastoralliturgischen Fragen und verstand es, der Liturgiewissenschaft in
Freiburg an der Schnittstelle zwischen der deutschen und französischen
Sprache und Kultur Geltung zu verschaffen. Über die Universität
hinaus trug er in der Schweiz durch Lehre und Veröffentlichungen, Vorträge
und unermüdlichen pastoralen Einsatz zur Umsetzung der Konzilsanliegen
bei.
Seit Oktober 1994 ist der Autor dieses Artikels Inhaber des zweisprachigen
Lehrstuhls und hat das Fach in Lehre, Forschung und Weiterbildung zu vertreten.
Unter den das liturgiewissenschaftliche Lehrangebot ergänzenden Lehrbeauftragten
hatte Titularprofessor Bruno Bürki zwei Jahrzehnte lang eine besondere
Stellung. Als evangelisch-reformierter Theologe 1982 von der Theologischen
Fakultät Freiburg habilitiert, dozierte er bis zu seinem Ausscheiden
aus Altersgründen (Ende des WS 2001/02) schwerpunktmässig zur
Liturgiegeschichte und zu ökumenischen Fragen der Liturgiewissenschaft.
Weitere Lehrbeauftragte kommen seit Jahren fallweise aus dem deutschen und
französischen Sprachgebiet hinzu, unter ihnen so bekannte Theologen
wie etwa Louis-Marie Chauvet, Paul De Clerck (beide Paris) oder Marcel Metzger
(Strasbourg).
Die Freiburger Liturgiewissenschaft ist in Lehre, Forschung und bei Publikationsunternehmen über die Schweiz hinaus in zahlreiche internationale Projekte vernetzt. Die Zweisprachigkeit schafft Möglichkeiten der Begegnung und Vermittlung zwischen verschiedenen theologischen Ansätzen, kirchlich-liturgischen Lebens- und Feierformen, Mentalitäten und Kulturen, soweit sie den Gottesdienst betreffen. Die Theologische Fakultät hat dieser Entwicklung dadurch Rechnung getragen, dass sie 1999 die Errichtung eines Instituts für Liturgiewissenschaft beschloss. Neben dem Angebot und der Koordination der Lehre in Liturgiewissenschaft engagiert sich das Institut vor allem bei der Durchführung interdisziplinärer liturgiewissenschaftlicher Forschungsprojekte unter besonderer Berücksichtigung der schweizerischen Liturgiegeschichte, bei der Bereitstellung von Weiterbildungsangeboten und Dienstleistungen auf wissenschaftlicher und pastoralliturgischer Ebene, bei der Förderung der Zusammenarbeit innerhalb der Liturgiewissenschaft und im interdisziplinären Austausch an der Universität Freiburg sowie durch weitere nationale und internationale Kontakte.
In der Lehre werden über das vom theologischen Curriculum her erforderliche
Programm hinaus ein Schwerpunktprogramm und Nebenfachstudium in Liturgiewissenschaft
angeboten, das von den Studierenden gut angenommen wird. Gastvorlesungen,
Fachtagungen, regelmässige Kolloquien und Studienreisen werden teils
in eigener Verantwortung, teils in Kooperation mit anderen Trägern
veranstaltet. Auf besondere Resonanz stiess etwa die letzte Studienreise,
die zu einem der Zentren der Liturgischen Bewegung, dem Benediktinerkloster
Maria Laach, und zur Schaltstelle der Pastoralliturgie in Deutschland, dem
Deutschen Liturgischen Institut in Trier, führte.
Die Forschung ist in Fortführung der schon mit A. Hänggi gesetzten
Akzente schwerpunktmässig, aber nicht exklusiv liturgiegeschichtlich
orientiert. Charakteristisch für diesen Ansatz ist zum Beispiel das
mehrjährige, in internationaler Kooperation mit fast 50 Kolleginnen
und Kollegen realisierte Projekt «Liturgiereformen», das der
Verfasser gemeinsam mit Benedikt Kranemann (Erfurt) leitete und das mit
der Herausgabe eines 1200-seitigen Werkes mit demselben Titel im letzten
Jahr zum Abschluss kam. Dabei wurde das Phänomen «Liturgiereform»
in den Kirchen des Westens quer durch alle Epochen der Liturgiegeschichte
untersucht und daraus eine Art Typologie von Liturgiereform entwickelt.
Ein besonderes Augenmerk gilt der Liturgie in der Schweiz, gibt es doch
bisher nur wenige Detailuntersuchungen und keine Gesamtsicht der älteren
Liturgiegeschichte oder der gottesdienstlichen Entwicklungen im Laufe des
20. Jahrhunderts. Seit 1999 wurden drei grössere ökumenisch orientierte
Tagungen gehalten, von denen sich die erste («Liturgie in Bewegung»)
allgemein der liturgischen Erneuerung in der Schweiz im 20. Jahrhundert
widmete, die zweite der Tagzeitenliturgie in den Schweizer Kirchen in der
jüngeren Vergangenheit und Gegenwart nachging (2002) und schliesslich
Ende November 2003 die Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils,
ihre Bedeutung, ihr Fortleben und ihre bleibenden Herausforderungen im Mittelpunkt
des Interesses standen. Verschiedentlich war das Institut für Liturgiewissenschaft
Mitveranstalter von Tagungen und Kongressen auch ausserhalb Freiburgs. Aus
diesen Aktivitäten gingen mehrere Tagungsbände hervor (z.B. Liturgie
in Bewegung, 2000; Liturgia et Unitas, 2001; Gottes Volk feiert, 2002; Tagzeitenliturgie,
erscheint Anfang 2004). Auch wird relevantes Material zur Liturgie aus den
Kirchen in der Schweiz gesammelt und dokumentiert. Mit diesem Engagement
sieht sich das Institut für Liturgiewissenschaft dem ökumenischen
Geist verpflichtet, wie er für heutiges theologisches Fragen und Forschen
im Bereich der Liturgie unabdingbar ist und wie er nicht zuletzt durch das
Mitwirken mehrerer Institutsangehöriger in der internationalen ökumenischen
«Societas Liturgica» zum Ausdruck kommt.
Bei den Publikationen sind weiter hervorzuheben die hauptverantwortliche
Herausgeberschaft der Fachzeitschrift «Archiv für Liturgiewissenschaft»,
die im Benehmen mit dem Abt-Herwegen-Institut Maria Laach e.V. geschieht
und wobei 25 Ständige Mitarbeiter aus zahlreichen Ländern verschiedene
Spezialgebiete vertreten. In Fortführung der Freiburger Tradition gehört
der Lehrstuhlinhaber zu den Herausgebern von «Spicilegium Friburgense»
und «Spicilegii Friburgensis Subsidia». Weiterhin läuft
seit vielen Jahren die Edition der «Dokumente zur Erneuerung der Liturgie»,
eines inzwischen auf drei Bände angewachsenen Quellenwerkes zur nachkonziliaren
Liturgiereform; ein separater Registerband und ein vierter Textband sind
in Vorbereitung.
Schliesslich werden die Dienste des Instituts oft in der Weiterbildung im
In- und Ausland angefragt, sei es von kirchlichen Stellen, sei es von anderen
Interessierten. Hierbei wie auch mit vielfachen Dienstleistungen versucht
das Institut, seinen wissenschaftlichen Auftrag in der Theologie und nicht
zuletzt in Verbindung mit dem kirchlichen Leben zu erfüllen.<1>
1 Kontakt: Prof. Dr. Martin Klöckener, Universität Freiburg Schweiz, Miséricorde, Institut für Liturgiewissenschaft, 1700 Freiburg, Telefon 026 300 74 42/51, E-Mail martin.kloeckener@unifr.ch, Homepage www.unifr.ch/liturgie