46/2003

INHALT

Theologie in Freiburg

Institut für Ökumenische Studien

von Guido Vergauwen

 

Seit 1964 existiert an der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg ein Institut für Ökumenische Studien. Gegründet auf Initiative von Prof. Heinrich Stirnimann OP sollte das Institut die ökumenische Aufbruchstimmung des Zweiten Vatikanischen Konzils in der theologischen Lehre und Forschung zur Geltung bringen. Ins Gästebuch des Instituts schrieb damals Yves M.-J. Congar OP: «Joie d'avoir pu visiter l'Institut d'Etudes Oecuméniques de l'Université de Fribourg. C'est une grande promesse. De telles études se situent au coeur de toutes les autres dans le domaine de la Sacra Doctrina. Elles profitent de toutes mais peuvent beaucoup leur apporter. Je crois à la théologie. Je crois à l'cuménisme. Je crois à la conjonction vivante des deux.» Ökumenische Theologie sollte somit nicht einfach ein Fach neben anderen sein. Vielmehr war und ist es das Anliegen des Instituts, der gesamten theologischen Ausbildung ein ökumenisches Gepräge zu geben, von anderen christlichen Traditionen zu lernen und gemeinsam die Theologie im Dienst der Erneuerung der Kirche weiterzuentwickeln. Die Theologische Fakultät in Freiburg hat sich dieses Anliegen zu eigen gemacht und die ökumenischen Studien zu einem der drei Schwerpunkte der Fakultät erklärt. Von Anfang an hat das Institut Studierende anderer kirchlicher Herkunft in ihrem Studium begleitet, und im Direktorium des Instituts sind heute Theologen der katholischen, reformierten, orthodoxen und alt-orientalischen Kirche vertreten.

Aufgaben

Zu den akademischen Aufgaben des Instituts gehören die ökumenische Ausbildung der Studierenden in Vorlesungen und Seminaren sowie die Förderung der Kenntnis anderer christlicher Konfessionen durch die Einladung von Gastprofessoren und -professorinnen. So lehrten im Akademischen Jahr 2002/2003 im Rahmen des Instituts unter anderem der Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen, Prof. Dr. Konrad Raiser (Titel der Vorlesungsreihe «Der Ökumenische Rat der Kirchen im Dienst der sichtbaren Einheit der Kirche. Bilanz und Perspektiven»), der Leiter des Amtes für Aussenbeziehungen des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes, Dr. Gottfried Locher (Vorlesungen zur Theologie der Ökumene und zur Eschatologie), der Wiener Ordinarius für Ostkirchenkunde, Prof. Ernst Christoph Suttner (Vorlesungsreihe zum Thema «Kirchenspaltung zwischen Katholiken und Orthodoxen? Der Wandel im Verständnis von Schisma und Kirchenunion im Laufe der Geschichte»), und der russische- orthodoxe Metropolit Philaret von Minsk anlässlich eines Studientages zum Thema «Vom theologischen Konfessionalismus zu einer gemeinsam verantworteten Theologie».
Dem Gründer des Instituts war es von Anfang an gelungen, eine ausgezeichnete ökumenische Bibliothek zusammenzustellen, die fortlaufend ausgebaut wird und die dank neuerer Erwerbungen und Schenkungen (Spezialbibliothek Geschichte und Theologie der Reformation von Prof. Erwin Iserloh, eine spezialisierte ostkirchliche Bibliothek von Dr. Iso Baumer und die Bibliothek mit Literatur zu Heiligen, Orden und Mystik von Prof. Walter Nigg) zu einem wichtigen Arbeitsinstrument des Instituts geworden ist. Das Institut publiziert die Reihe Ökumenische Beihefte/Cahiers oecuméniques. Als Band 43 erschien kürzlich «Geheimnis des Glaubens. Einführung in die orthodoxe dogmatische Theologie». Der Verfasser Hilarion Alfejev ist der russische-orthodoxe Bischof von Wien und Repräsentant des Moskauer Patriarchats bei den Europäischen Institutionen in Brüssel. Neben dieser Schriftenreihe gibt das Institut die Reihe Ökumenische Wegzeichen/Repères oecuméniques heraus. Darin werden vor allem die Veranstaltungen des Instituts dokumentiert und wegweisende Texte der Ökumene einem breiteren Publikum zugänglich gemacht. Kürzlich erschien von Konrad Raiser «Der Ökumenische Rat der Kirchen im Dienst der sichtbaren Einheit der Kirche. Bilanz und Perspektiven» (Nr. 13), auf Russisch und Deutsch das Dokument der Bischofssynode der Russischen Orthodoxen Kirche (August 2000) «Grundprinzipien der Beziehung der Russischen Orthodoxen Kirche zu Andersgläubigen» (Nr. 14) und von Ernst Christoph Suttner das Buch «Schismen, die von der Kirche trennen, und Schismen, die nicht von ihr trennen» (Nr. 15).

Kontakte

In den letzten Jahren hat das Institut die Kontakte zum Ökumenischen Rat der Kirchen (mit einem jährlich stattfindenden Besuch) gepflegt, sich in den schweizerischen ökumenischen Gesprächkommissionen engagiert, in der Societas Oecumenica mitgewirkt und mit anderen ökumenischen Instituten (unter anderem in Strassburg und Regensburg) zusammengearbeitet. Durch Konventionen bekräftigt wurde die Partnerschaft mit der orthodoxen theologischen Hochschule Saint-Serge (Paris), der Theologischen Fakultät der European Humanities University in Minsk (Weissrussland), der Theologischen Fakultät der Universität St. Kliment Ohridski in Sofia (Bulgarien) und der Theologischen Fakultät der Universität Yerevan (Armenien). Zusammen mit dem Institut d'études supérieures de théologie orthodoxe in Chambésy und der Autonomen Theologischen Fakultät der Universität Genf führt das Institut eine Ausbildung durch, die mit einem Spezialisierungszeugnis in orthodoxer Theologie abschliesst. An diesem Programm, das seit fünf Jahren existiert, beteiligen sich jährlich etwa 10 Studierende. Im vergangenen Jahr hat das Institut über die Weiterbildungsstelle der Universität mit guten Erfolg drei Weiterbildungsangebote angeboten: Théologie et spiritualité orthodoxe. Formation continue à distance (gemeinsam mit dem Institut de théologie orthodoxe Saint-Serge in Paris); Ökumene im Dreiklang: orthodox ­ katholisch ­ reformatorisch; Religion in den gesellschaftlichen Prozessen des östlichen Europas (ein zweitägiges Modul im Rahmen des Weiterbildungsangebots Osteuropa-Kompetenzen. Erfolgreich handeln vor Ort).
Als wichtigstes Forschungsprojekt läuft heute im Institut die Vorbereitung einer Übersetzung aus dem Russischen und einer kritischen, kommentierten Edition der Werke des Ökonomen und Theologen Serge Bulgakov (1871­1944).
In den letzten Jahren hat das Institut die Kontakte nach Osteuropa auch durch Studienreisen intensiviert. Sie sind zu einem wichtigen Bestandteil im Ausbildungsangebot des Instituts geworden. Der theologische ökumenische Austausch erschöpft sich nicht im wissenschaftlichen Dialog. Er setzt voraus, dass man die anderen kirchlichen Traditionen sozusagen «vor Ort» und durch lebendige Kontakte, durch die Pflege der Freundschaft kennen lernt. Im vergangenen Jahr besuchten zum Beispiel eine Gruppe von Studierenden und Professoren verschiedene Orte der Ukraine. So wurden neue Kontakte aufgebaut mit der bekannten Mogila-Akademie in Kiev und mit der Katholischen Universität in Lviv, die für das begonnene Akademische Jahr drei Studierende zum Weiterstudium nach Freiburg geschickt hat. Vom 1.­10. Oktober dieses Jahres führte eine Pilger- und Studienreise nach Moskau und zu den Städten des «Goldenen Rings».
Ökumene kann auch die Form der spontanen menschlichen Solidarität erhalten. Dies wurde für unser Institut eine lebendige Erfahrung in der Begegnung mit dem Bischof und den Priestern der orthodoxen Diözese Kherson (Ukraine). Die konkrete Hilfe durch Geld und Medikamente für Arseniy, den fünfjährigen leukämiekranken Sohn des Priesters Georgiy, offenbarte uns eine neue Dimension der gelebten Ökumene als Zeugnis für Christus, der sich mit den Notleidenden und Kranken, mit den geringsten Seiner Brüder und Schwestern identifiziert.
In den bald vierzig Jahren seiner Existenz hat das Institut die ökumenische Dimension der theologischen Ausbildung engagiert mitgetragen. Nicht selten wird heute die christliche Ökumene als eine überholte Phase angesehen, die nun durch die «Ökumene der Religionen» abgelöst werden soll. Die Erfahrungen in Lehre und Forschung, vor allem aber die Begegnungen mit dem Leben anderer christlicher Kirchen hier und im Ausland, haben uns jedoch gezeigt, dass wir den Weg des gemeinsamen Zeugnisses noch nicht zu Ende gegangen sind. Es ist leicht, von «Einheit in Vielfalt» zu sprechen ­ es ist nicht immer leicht, in der konkreten Vielfalt der Sprachen, Kulturen, Riten, theologischen Ausdrucksformen verbindliche Gemeinschaft zu bezeugen und füreinander Verantwortung zu übernehmen. In der Postmoderne drohen die ökumenischen Beziehungen zu unverbindlicher Pluralität zu werden. Die ökumenische Theologie steht damit vor einer unverändert aktuellen Aufgabe: Nicht nur geographische Globalität ist gefragt, sondern die gegenseitig übernommene Verantwortung gelebter Communio in allen Lebensbereichen. Das ist nur möglich, wenn wir miteinander auf dem Weg der kirchlichen Erneuerung bleiben. Nur so steht die Ökumene zugleich im Dienst menschenwürdiger Verhältnisse im sozialen Leben und im Dienst eines tragfähigen Friedens auf dieser Erde.

 

Der Dominikaner Guido Vergauwen ist Professor für Fundamentaltheologie sowie Direktor des Instituts für Ökumenische Studien an der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003