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Theologie in Freiburg |
Seit 1964 existiert an der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg ein Institut für Ökumenische Studien. Gegründet auf Initiative von Prof. Heinrich Stirnimann OP sollte das Institut die ökumenische Aufbruchstimmung des Zweiten Vatikanischen Konzils in der theologischen Lehre und Forschung zur Geltung bringen. Ins Gästebuch des Instituts schrieb damals Yves M.-J. Congar OP: «Joie d'avoir pu visiter l'Institut d'Etudes Oecuméniques de l'Université de Fribourg. C'est une grande promesse. De telles études se situent au coeur de toutes les autres dans le domaine de la Sacra Doctrina. Elles profitent de toutes mais peuvent beaucoup leur apporter. Je crois à la théologie. Je crois à l'cuménisme. Je crois à la conjonction vivante des deux.» Ökumenische Theologie sollte somit nicht einfach ein Fach neben anderen sein. Vielmehr war und ist es das Anliegen des Instituts, der gesamten theologischen Ausbildung ein ökumenisches Gepräge zu geben, von anderen christlichen Traditionen zu lernen und gemeinsam die Theologie im Dienst der Erneuerung der Kirche weiterzuentwickeln. Die Theologische Fakultät in Freiburg hat sich dieses Anliegen zu eigen gemacht und die ökumenischen Studien zu einem der drei Schwerpunkte der Fakultät erklärt. Von Anfang an hat das Institut Studierende anderer kirchlicher Herkunft in ihrem Studium begleitet, und im Direktorium des Instituts sind heute Theologen der katholischen, reformierten, orthodoxen und alt-orientalischen Kirche vertreten.
Zu den akademischen Aufgaben des Instituts gehören die ökumenische
Ausbildung der Studierenden in Vorlesungen und Seminaren sowie die Förderung
der Kenntnis anderer christlicher Konfessionen durch die Einladung von Gastprofessoren
und -professorinnen. So lehrten im Akademischen Jahr 2002/2003 im Rahmen
des Instituts unter anderem der Generalsekretär des Ökumenischen
Rates der Kirchen, Prof. Dr. Konrad Raiser (Titel der Vorlesungsreihe «Der
Ökumenische Rat der Kirchen im Dienst der sichtbaren Einheit der Kirche.
Bilanz und Perspektiven»), der Leiter des Amtes für Aussenbeziehungen
des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes, Dr. Gottfried Locher (Vorlesungen
zur Theologie der Ökumene und zur Eschatologie), der Wiener Ordinarius
für Ostkirchenkunde, Prof. Ernst Christoph Suttner (Vorlesungsreihe
zum Thema «Kirchenspaltung zwischen Katholiken und Orthodoxen? Der
Wandel im Verständnis von Schisma und Kirchenunion im Laufe der Geschichte»),
und der russische- orthodoxe Metropolit Philaret von Minsk anlässlich
eines Studientages zum Thema «Vom theologischen Konfessionalismus
zu einer gemeinsam verantworteten Theologie».
Dem Gründer des Instituts war es von Anfang an gelungen, eine ausgezeichnete
ökumenische Bibliothek zusammenzustellen, die fortlaufend ausgebaut
wird und die dank neuerer Erwerbungen und Schenkungen (Spezialbibliothek
Geschichte und Theologie der Reformation von Prof. Erwin Iserloh, eine spezialisierte
ostkirchliche Bibliothek von Dr. Iso Baumer und die Bibliothek mit Literatur
zu Heiligen, Orden und Mystik von Prof. Walter Nigg) zu einem wichtigen
Arbeitsinstrument des Instituts geworden ist. Das Institut publiziert die
Reihe Ökumenische Beihefte/Cahiers oecuméniques. Als Band 43
erschien kürzlich «Geheimnis des Glaubens. Einführung in
die orthodoxe dogmatische Theologie». Der Verfasser Hilarion Alfejev
ist der russische-orthodoxe Bischof von Wien und Repräsentant des Moskauer
Patriarchats bei den Europäischen Institutionen in Brüssel. Neben
dieser Schriftenreihe gibt das Institut die Reihe Ökumenische Wegzeichen/Repères
oecuméniques heraus. Darin werden vor allem die Veranstaltungen des
Instituts dokumentiert und wegweisende Texte der Ökumene einem breiteren
Publikum zugänglich gemacht. Kürzlich erschien von Konrad Raiser
«Der Ökumenische Rat der Kirchen im Dienst der sichtbaren Einheit
der Kirche. Bilanz und Perspektiven» (Nr. 13), auf Russisch und Deutsch
das Dokument der Bischofssynode der Russischen Orthodoxen Kirche (August
2000) «Grundprinzipien der Beziehung der Russischen Orthodoxen Kirche
zu Andersgläubigen» (Nr. 14) und von Ernst Christoph Suttner
das Buch «Schismen, die von der Kirche trennen, und Schismen, die
nicht von ihr trennen» (Nr. 15).
In den letzten Jahren hat das Institut die Kontakte zum Ökumenischen
Rat der Kirchen (mit einem jährlich stattfindenden Besuch) gepflegt,
sich in den schweizerischen ökumenischen Gesprächkommissionen
engagiert, in der Societas Oecumenica mitgewirkt und mit anderen ökumenischen
Instituten (unter anderem in Strassburg und Regensburg) zusammengearbeitet.
Durch Konventionen bekräftigt wurde die Partnerschaft mit der orthodoxen
theologischen Hochschule Saint-Serge (Paris), der Theologischen Fakultät
der European Humanities University in Minsk (Weissrussland), der Theologischen
Fakultät der Universität St. Kliment Ohridski in Sofia (Bulgarien)
und der Theologischen Fakultät der Universität Yerevan (Armenien).
Zusammen mit dem Institut d'études supérieures de théologie
orthodoxe in Chambésy und der Autonomen Theologischen Fakultät
der Universität Genf führt das Institut eine Ausbildung durch,
die mit einem Spezialisierungszeugnis in orthodoxer Theologie abschliesst.
An diesem Programm, das seit fünf Jahren existiert, beteiligen sich
jährlich etwa 10 Studierende. Im vergangenen Jahr hat das Institut
über die Weiterbildungsstelle der Universität mit guten Erfolg
drei Weiterbildungsangebote angeboten: Théologie et spiritualité
orthodoxe. Formation continue à distance (gemeinsam mit dem Institut
de théologie orthodoxe Saint-Serge in Paris); Ökumene im Dreiklang:
orthodox katholisch reformatorisch; Religion in den gesellschaftlichen
Prozessen des östlichen Europas (ein zweitägiges Modul im Rahmen
des Weiterbildungsangebots Osteuropa-Kompetenzen. Erfolgreich handeln vor
Ort).
Als wichtigstes Forschungsprojekt läuft heute im Institut die Vorbereitung
einer Übersetzung aus dem Russischen und einer kritischen, kommentierten
Edition der Werke des Ökonomen und Theologen Serge Bulgakov (18711944).
In den letzten Jahren hat das Institut die Kontakte nach Osteuropa auch
durch Studienreisen intensiviert. Sie sind zu einem wichtigen Bestandteil
im Ausbildungsangebot des Instituts geworden. Der theologische ökumenische
Austausch erschöpft sich nicht im wissenschaftlichen Dialog. Er setzt
voraus, dass man die anderen kirchlichen Traditionen sozusagen «vor
Ort» und durch lebendige Kontakte, durch die Pflege der Freundschaft
kennen lernt. Im vergangenen Jahr besuchten zum Beispiel eine Gruppe von
Studierenden und Professoren verschiedene Orte der Ukraine. So wurden neue
Kontakte aufgebaut mit der bekannten Mogila-Akademie in Kiev und mit der
Katholischen Universität in Lviv, die für das begonnene Akademische
Jahr drei Studierende zum Weiterstudium nach Freiburg geschickt hat. Vom
1.10. Oktober dieses Jahres führte eine Pilger- und Studienreise
nach Moskau und zu den Städten des «Goldenen Rings».
Ökumene kann auch die Form der spontanen menschlichen Solidarität
erhalten. Dies wurde für unser Institut eine lebendige Erfahrung in
der Begegnung mit dem Bischof und den Priestern der orthodoxen Diözese
Kherson (Ukraine). Die konkrete Hilfe durch Geld und Medikamente für
Arseniy, den fünfjährigen leukämiekranken Sohn des Priesters
Georgiy, offenbarte uns eine neue Dimension der gelebten Ökumene als
Zeugnis für Christus, der sich mit den Notleidenden und Kranken, mit
den geringsten Seiner Brüder und Schwestern identifiziert.
In den bald vierzig Jahren seiner Existenz hat das Institut die ökumenische
Dimension der theologischen Ausbildung engagiert mitgetragen. Nicht selten
wird heute die christliche Ökumene als eine überholte Phase angesehen,
die nun durch die «Ökumene der Religionen» abgelöst
werden soll. Die Erfahrungen in Lehre und Forschung, vor allem aber die
Begegnungen mit dem Leben anderer christlicher Kirchen hier und im Ausland,
haben uns jedoch gezeigt, dass wir den Weg des gemeinsamen Zeugnisses noch
nicht zu Ende gegangen sind. Es ist leicht, von «Einheit in Vielfalt»
zu sprechen es ist nicht immer leicht, in der konkreten Vielfalt der
Sprachen, Kulturen, Riten, theologischen Ausdrucksformen verbindliche Gemeinschaft
zu bezeugen und füreinander Verantwortung zu übernehmen. In der
Postmoderne drohen die ökumenischen Beziehungen zu unverbindlicher
Pluralität zu werden. Die ökumenische Theologie steht damit vor
einer unverändert aktuellen Aufgabe: Nicht nur geographische Globalität
ist gefragt, sondern die gegenseitig übernommene Verantwortung gelebter
Communio in allen Lebensbereichen. Das ist nur möglich, wenn wir miteinander
auf dem Weg der kirchlichen Erneuerung bleiben. Nur so steht die Ökumene
zugleich im Dienst menschenwürdiger Verhältnisse im sozialen Leben
und im Dienst eines tragfähigen Friedens auf dieser Erde.
Der Dominikaner Guido Vergauwen ist Professor für Fundamentaltheologie sowie Direktor des Instituts für Ökumenische Studien an der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg.