43/2003

INHALT

Theologie in Luzern

Exegese des Alten Testaments

von Ruth Scoralick

 

Die Bibel erscheint vielen ihrer modernen Leser sperrig und kantig, oft sogar abschreckend. Das gilt besonders von ihrem ersten Teil, den Schriften des Alten Testaments. Ist aber einmal von einem Zipfel her ­ etwa im Bild eines Psalms oder einem prophetischen Wort ­ ein Zugang gefunden, ein noch so kleiner Text mit dem eigenen Leben verbunden worden, dann geschieht nicht selten Erstaunliches. Gregor der Grosse (Ý 604 n. Chr.) beschreibt es in einer Predigt über Ezechiel so: Die Worte der Schrift «wachsen mit dem Lesenden, denn jeder begreift sie umso tiefer, je mehr er sich in sie vertieft». Dann kann die Bereitschaft entstehen, sich auch den nicht sofort zugänglichen Worten der Bibel auszusetzen ­ das heisst immer auch, sich von den Worten, Texten und Schriften anstossen zu lassen, sich in den eigenen Sicherheiten und Gewissheiten in Frage stellen zu lassen und so vielleicht auf einen Weg der Gottsuche und des Gottfindens setzen zu lassen, der nicht selten anders aussieht, als man zunächst vermutet hätte. Das gilt für Einzelne wie für Gemeinschaften. Im lebendigen Umgang mit den biblischen Texten liegt eine Hoffnung und eine Quelle von Leben und Kraft für christliche Gemeinden.

Prinzip der Lebendigkeit der Theologie

Eine anstossende und In-Bewegung-setzende Rolle schreibt das Zweite Vatikanische Konzil (1962­1965) der Bibel auch im Blick auf die Theologie zu: « Das Studium des heiligen Buches ist gleichsam die Seele der heiligen Theologie» (Dei Verbum 24, nach Papst Leo XIII.). Die Seele, das unverzichtbare Prinzip der Lebendigkeit der Rede von Gott, liegt in der Beschäftigung mit den alten Schriften. Dies im interdisziplinären Gespräch, in Seminaren und auf Tagungen, zu bewahrheiten und wirksam werden zu lassen, ist eine grosse und bleibende Herausforderung.
Exegese als Teil des Fächerkanons der Theologie ist der Versuch, die Texte in wissenschaftlich verantworteter Weise, also methodisch reflektiert, auszulegen. Die Vielfalt der Methodenschritte, die im Laufe der Zeit entwickelt wurden und auch die mittlerweile herangewachsene Vielfalt der Perspektiven auf den Text, der hermeneutischen Ansätze also, ist faszinierend. 1993 hat die päpstliche Bibelkommission im Dokument «Die Interpretation der Bibel in der Kirche» mehrere Auslegungsformen knapp, aber differenziert besprochen, darauf sei hier einfach verwiesen (interessant ist auch das Dokument von 2001 «Das jüdische Volk und seine heilige Schrift in der christlichen Bibel»). Eine der spannendsten Entwicklungen, die auch die Vorlesungen zur Exegese des AT in Luzern in Zukunft sicher prägen wird, ist die Entwicklung der so genannten kanonischen Lektüre. Dieser Ansatz sei hier kurz skizziert.

Kanonische Lektüre

Orientiert sich die klassische historisch-kritische Exegese in vielem am Leitbild der Geschichtswissenschaften und fragt nach Entstehungssituation und Entstehungsgeschichte des Textes, so ist für die (in sich durchaus verschiedenen) Ansätze kanonischer Lektüre in wesentlich höherem Masse die Literaturwissenschaft Gesprächspartner. Anstelle der Frage nach der Intention, die ein historischer Autor oder Redaktor mit dem von ihm produzierten Text/Textteil verbunden hat (was wollte der Autor/Redaktor seinen Lesern damals sagen?), wird nun in Übereinstimmung mit der Entwicklung jüngerer Literaturwissenschaft (Stichwort: Rezeptionshermeneutik) nach der im vorliegenden Text angelegten Kommunikationsstruktur und der Interaktion zwischen Text und Lesern gefragt. Ausgelegt wird der vorliegende Text, der «Endtext», nicht seine Vorstufen. Das geschieht letztlich im Horizont des (jeweiligen) Kanons der Glaubensgemeinschaft. Interpretation wird auf diesem Weg zu einem offenen Vorgang. Die Texte sind offen für viele Lektüren, nicht festgelegt in ihrer Bedeutung auf die eine und einzige Autorenintention. Im Einzelnen fächern sich zurzeit dann die Textzugänge auf, das Feld der Diskussion ist breit. Die Grundbewegung bleibt. Kanonische Lektüre ist weder Ersatz noch Konkurrenz für die klassische historisch-kritische Exegese, die sich übrigens zurzeit selbst immer stärker in Richtung auf ein Interesse am Endprodukt des Entstehungsvorganges hin entwickelt.
Kanonische Lektüre ist ein anderer Zugang zu den Texten, der spannende Horizonte eröffnet und vor neue Herausforderungen stellt. Um davon nur einige zu erwähnen: Von einem Ansatz kanonischer Lektüre der Bibel her wird ein produktives Gespräch sowohl mit der rabbinischen Bibelauslegung als auch mit der christlichen Väterexegese möglich. Das war bislang so nicht der Fall. Die Klage, Exegese bearbeite gerade im Bereich des Alten Testamentes immer nur Textteile und komme selten zu einer ­ zum Beispiel für die Predigtvorbereitung oder die geistliche Schriftlesung hilfreichen ­ Aussage über die theologischen Inhalte des vorliegenden Textes, sollte sich gegenüber diesem Ansatz seltener erheben lassen. Die Grundeinsicht in die Offenheit der Interpretation sollte zur sensiblen Achtung gegenüber anderen Weisen der Lektüre und zu einer ausgeprägten Gesprächsbereitschaft und -fähigkeit führen ­ so ist jedenfalls zu hoffen. Wie spannend Bibellektüre in diesem Horizont tatsächlich ist, lässt sich in einer kurzen Skizze ihrer Grundzüge leider nicht vermitteln, nur beteuern.

Neu in Luzern

Seit Oktober 2002 ist die Professur für Exegese des Alten Testaments in Luzern neu besetzt. Das bringt einige Veränderungen und Verlagerungen mit sich. So wird in nächster Zukunft die Schriftleitung einer der grössten europäischen Fachzeitschriften für Exegese nach Luzern wandern. Die «Biblische Zeitschrift» wird zurzeit in ihrem alttestamentlichen Teil noch von Prof. Dr. E. Zenger (Münster/Deutschland) betreut, von Heft 1/2004 an übernimmt Prof. Dr. R. Scoralick die Herausgeberschaft. Ein Schwerpunkt der exegetischen Forschung für die nächsten Jahre wird das biblische Buch der Sprichwörter sein. Die Untersuchungen sollen in einen Kommentarband der neuen, theologisch orientierten Reihe «Herders Theologischer Kommentar zum AT» münden. Daneben steht die Mitarbeit an einem neuen Projekt der Bibelübersetzung («Bibel in gerechter Sprache») sowie die schon recht weit gediehene Übersetzung und Erläuterung der griechischen Fassung des Sprichwörterbuches im Rahmen des Projektes «Septuaginta deutsch». An Projekten herrscht kein Mangel.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003