37/2003

INHALT

Theologie

Eucharistie und Kirche in ökumenischer Perspektive (2)

von Bischof Kurt Koch

 

Nochmals sei betont, dass der Papst mit den genannten Konsequenzen, die sich aus dem katholischen Eucharistieverständnis in den ökumenischen Beziehungen ergeben, nichts Neues sagt. Ebenso ist klar, dass er auch nichts vom ökumenischen Engagement der katholischen Kirche zurücknimmt, sondern es verstärkt. Immer wieder zitiert er seine grosse Ökumene-Enzyklika «Ut unum sint» und zeigt damit, dass sich das ökumenische Anliegen gleichsam wie ein roter Faden durch seinen ganzen Pontifikat hindurchzieht. Er möchte den Elan der Hoffnung auf dem ökumenischen Weg zur sichtbaren Einheit der Kirche in keiner Weise mindern, wenn er im Blick auf eine Gemeinschaft aller Christen beim Herrenmahl vor einem übereilten Vorgehen warnt und die geltenden Bestimmungen des kirchlichen Rechtsbuches und des Ökumenischen Direktoriums in Erinnerung ruft und dabei jede Schärfe im Ton vermeidet. Dies dürfte auch damit zusammenhängen, dass das Weltrundschreiben über die Eucharistie die zweifellos persönlichste Enzyklika von Papst Johannes Paul II. ist, in der er uns sein persönliches Glaubenszeugnis schenkt. Gerade als solches ist es aber zugleich ein Zeugnis für das katholische Eucharistieverständnis. Von daher geht es dem Papst um die notwendige Klarheit, und er lässt sich dabei leiten von drei Perspektiven, die auch wir uns zu eigen machen sollten.

II. Ökumenische Wegweisungen

Der Papst ist erstens der Überzeugung, dass es die Kostbarkeit der Eucharistie selbst ist, die uns «auf das Ziel des vollen Teilens mit allen Brüdern und Schwestern hin» beflügelt, «mit denen uns die gemeinsame Taufe verbindet»<54>. Der Papst ist also der Überzeugung, dass sich das ökumenische Anliegen aus der Eucharistie selbst ergibt und dass sie auf die Einheit der Kirchen hin zielt. Hier liegt der tiefste Grund, dass der Papst eine ökumenische Eucharistiegemeinschaft heute für noch keinen sinnvollen und verantwortbaren Weg hält. Sie könnte sich vielmehr als ein Hindernis für das Erreichen der vollen kirchlichen Gemeinschaft erweisen, da sie den Sinn für die heutige Entfernung vom ökumenischen Ziel verschleiert. Das Ziel der Einheit der Christen sieht der Papst noch nicht in einer gemeinsamen Abendmahlsfeier von Kirchen, die ansonsten weiterhin getrennt bleiben, sondern in einer verbindlichen Gemeinschaft der Kirchen selbst.
Demgegenüber hat sich heute auch unter Katholiken die Meinung vieler reformatorischer Kirchen durchgesetzt, das grosse ökumenische Ziel sei nicht mehr die wirkliche Einheit in einer verbindlichen Kirchengemeinschaft, sondern das gemeinsame Abendmahl, wobei die getrennten Kirchen durchaus weiterbestehen können. Sie meinen, wenn das Ziel der gemeinsamen Feier des Herrenmahles erreicht sei, könne alles weiter so bleiben wie es ist. Dies ist freilich ein fataler Trugschluss. Denn der eigentliche Skandal besteht nicht nur darin, dass wir noch nicht gemeinsam die Eucharistie feiern können, sondern vielmehr darin, dass wir als Kirchen nach wie vor getrennt und als Christenheit gespalten sind. Dieses Ärgernis zu überwinden, ist und muss das Ziel der Ökumene bleiben.<55> Hier liegt der tiefste Grund, dass nach katholischem Verständnis das Ziel aller ökumenischen Bemühung nicht die Interkommunion sein kann, sondern «die Communio, innerhalb derer dann auch die Gemeinschaft im Herrenmahl ihren Ort hat»<56>. Deshalb besteht die grosse Gefahr, dass man dieses Ziel aus den Augen verliert und sich über die konkrete Realität im Alltag hinwegtäuscht, wenn man meint, jetzt schon gemeinsam das Abendmahl zu feiern, aber ansonsten die Gespaltenheit der Christen so bleiben zu lassen, wie sie jetzt ist. Denn wer Einheit feiert, ohne dass sie besteht, könnte sich an der Wirklichkeit vorbeimogeln.
Dies ehrlich festzustellen, ist kein Grund zur Resignation, sondern eine Herausforderung, den ökumenischen Weg mutig weiterzugehen ­ zusammen mit dem Papst. Er ist überzeugt, dass wir uns heute auf dem Weg von der gemeinsamen Taufe zur noch nicht gemeinsamen Eucharistiefeier befinden. Und er möchte diesen Weg konsequent weitergehen und nicht nach dem heute beliebten, aber in sich paradoxen Motto handeln, dass der Weg bereits das Ziel sei. Dem Papst liegt das Ziel der Einheit der Kirchen am Herzen, und deshalb will er sich nicht mit gelegentlichen gemeinsamen Abendmahlsfeiern zufrieden geben, die das Ziel aus dem Auge verlieren und deshalb letztlich Ausdruck von ökumenischer Resignation sind. Der Papst ist zu ehrlich und zu realistisch und möchte deshalb mehr Ökumene, als heute selbst etwelche Katholiken sich offensichtlich begnügen zu dürfen meinen. Auch diesbezüglich ist der Papst eine Herausforderung.
Für den Papst ist die ökumenische Diskussion zweitens auf das Gespräch zwischen Katholiken und Protestanten weder konzentriert noch fixiert. Ihm geht es um die ganze und grössere Ökumene, und dazu gehören vor allem die Orthodoxen Kirchen. Es ist eindrücklich, wie der Papst in seiner Enzyklika immer wieder wertvolle und sprechende Zeugnisse aus dem christlichen Orient anführt, die das Gesagte vertiefen und vom gemeinsamen Glauben mit den Ostkirchen Zeugnis geben. Es ist höchst dringlich, dass die Ökumene auch hierzulande nicht nur zwischen Westkirchen geführt wird, sondern dass Ost- und Westkirchen einander näher kommen.<57> Dies ist nicht nur notwendig, um die grossen Probleme der westlichen Kirchenspaltung lösen zu können; dies ist vielmehr auch in politischer Hinsicht für die Gestaltung eines neuen Europa unabdingbar.<58> Deshalb ruft der Papst immer wieder dazu auf, dass wir lernen müssen, mit zwei Lungen, einer westkirchlichen und einer ostkirchlichen, zu atmen. In der Tat haben wir auch und gerade hierzulande eine «Ost-Erweiterung» auch in ökumenischer Sicht dringend nötig. Denn wahrhafte Ökumene bedeutet, weltweit und nicht nur national zu denken.
Auf der internationalen Ebene der Ökumene besteht erst recht kein Grund zur Resignation, auch und gerade in der katholischen Kirche nicht. Wenn man die internationalen ökumenischen Dialoge in den vergangenen 35 Jahren überblickt, die in den beiden umfangreichen Bänden «Dokumente wachsender Übereinstimmung» gesammelt sind<59>, kann man unumwunden sagen, dass die katholische Kirche mit Abstand die meisten ökumenischen Dialoge führt und von allen christlichen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften am intensivsten im ökumenischen Dialogprozess engagiert ist. Wie die jährlichen Berichte des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen zeigen<60>, ist die katholische Kirche in der Gegenwart an dreizehn ökumenischen Dialogen mit anderen christlichen Kirchen, Konfessionsfamilien und Weltbünden beteiligt. Angesichts dieses immensen ökumenischen Engagements ist es nicht nachvollziehbar, wenn heute vorschnell von einem ökumenischen Stillstand geredet wird.
Der Papst ist drittens überzeugt, dass man in der Ökumene zusammensehen muss, was unlösbar zusammengehört, nämlich Liebe und Wahrheit. Denn Wahrheit ohne Liebe kann brutal werden, weil sie die weise Empfehlung nicht beherzigt, die Max Frisch in seinem «Tagebuch» so ausgedrückt hat, man solle die Wahrheit einem Menschen nicht sagen, indem man sie ihm wie einen Waschlappen um die Ohren schlägt, man solle die Wahrheit einem Menschen vielmehr hinhalten wie einen Mantel, in den er schlüpfen kann. Auf der anderen Seite aber kann Liebe ohne Wahrheit banal werden, weil sie dem Menschen das Kostbarste vorenthält, das es gibt, nämlich die Wahrheit.
Wahrheit ohne Liebe ist brutal und blind; aber Liebe ohne Wahrheit ist banal und leer. Jenseits von liebloser Wahrheit und wahrheitsleerer Liebe zeichnet sich der Eros der Ökumene durch eine sensible Liebe zur Wahrheit und durch wahrhaftige Liebe aus. Deshalb hebt auf der einen Seite eine ökumenische Diskussion, die nicht mehr im Kontext des realen kirchlichen Lebens verwurzelt ist, ab und verliert ihren festen Grund und Boden. Auf der anderen Seite aber gleitet eine ökumenische Praxis, die zur reinen Pragmatik wird, ab und wird seicht. Es gilt, die Wahrheit in Liebe zu sagen und zu tun. In dieser Grundhaltung ist die Eucharistie-Enzyklika des Papstes, die theologische Klärung, spirituelle Ermutigung und ökumenische Wegweisung zusammensieht, geschrieben.

III. Zur Situation der Ökumene heute

Das Erscheinen der Enzyklika ist zu einem Zeitpunkt erfolgt, an dem viele behaupten, die ökumenische Bewegung überhaupt stehe an einem Wendepunkt. Es lohnt sich, abschliessend auf diesen grösseren Zusammenhang der Ökumene in der heutigen Christenheit einzugehen und jene Herausforderungen zu benennen, vor denen wir heute stehen, zumal die ökumenische Landschaft nicht nur unübersichtlich geworden ist, sondern sich vor allem durch eine grosse Ungleichzeitigkeit auszeichnet.

1. Ökumene an einem Wendepunkt

Die Optimisten in der ökumenischen Bewegung geben sich nach den durchaus bescheidenen Anfängen dankbar und froh über das bisher Erreichte. Die Pessimisten hingegen sprechen vom Winter in der Ökumene oder von einer angebrochenen Eiszeit oder sie diagnostizieren geradezu das Ende der Ökumene. Die Altmeister der ökumenischen Sternstunden an ihrem Beginn beklagen sich über die ökumenische Interesselosigkeit der jüngeren Theologengeneration. Diejenigen, die sich an der Ökumene nie beteiligt haben und es auch heute nicht tun, halten die Ökumene für ein Hobby, das sich allein protestantisierende Katholiken und katholisierende Protestanten und andere konfessionelle Mischungen leisten können. In einigen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften ist nur schon das Wort «Ökumene» nach wie vor negativ besetzt. Viele Gläubige in den Gemeinden verbinden mit der Ökumene nur noch Frustration, weil sie ungeduldig sind, bis die von ihnen so genannten «heissen Eisen» in der Ökumene angepackt und gelöst werden. Hinzu kommt, dass die in oft mühseliger theologischer Kärrnerarbeit erreichten ökumenischen Konsense die Gläubigen in den Gemeinden kaum erreicht haben und von ihnen nicht rezipiert worden sind.
In der Tat stehen wir in der Ökumene an einem Wendepunkt. Aber ich möchte dieses Wort durchaus positiv verstanden wissen. Denn das in der bisherigen ökumenischen Bewegung Erreichte darf uns durchaus mit Dankbarkeit, Freude und Hoffnung erfüllen. Es ist aber zugleich auch Anlass zu Schmerz und Leiden. Dieses Janusgesicht hat seinen Grund darin, dass, je näher wir uns gekommen sind, desto schmerzlicher wir auch erfahren müssen, dass wir noch nicht in voller kirchlicher Gemeinschaft stehen. Desto mehr schmerzt uns, was uns noch trennt und was uns deshalb auch hindert, gemeinsam am eucharistischen Tisch des Herrn Platz zu nehmen. Und umso mehr nimmt deshalb die Unzufriedenheit mit dem ökumenischen Status quo zu. Ist es nicht mit Kardinal Walter Kasper als wirklich paradox zu bezeichnen, dass «eben der ökumenische Fortschritt eine der Ursachen der ökumenischen Malaise» ist?<61> Umso mehr drängt sich die Frage auf, wie es in der Ökumene weitergehen kann. Damit zusammen hängt die weitere grundlegende Frage: Wie kommen wir von der bereits bestehenden, aber unvollkommenen Gemeinschaft zur vollen ökumenischen Communio?

2. Ökumenische Herausforderungen

Diese Fragen lassen sich freilich nur beantworten, wenn wir den Mut aufbringen, die schmerzenden Wunden in der ökumenischen Annäherung zu benennen. Wie der Arzt keine sinnvolle Therapie einleiten kann, ohne zuerst eine klare Diagnose zu wagen, so müssen auch wir in der heutigen ökumenischen Situation die erschwerenden Hindernisse auf den Tisch legen, um von daher weiterführende ökumenische Wege zu suchen. Ich beschränke mich auf drei meines Erachtens nicht unwichtige Beobachtungen:

a) Konfessionelle Identitätsvergewisserung

Nach den weitgehenden interkonfessionellen Annäherungen in den vergangenen Jahrzehnten ist erstens in allen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften eine neue Suche und Besinnung auf die eigene konfessionelle Identität festzustellen. Diese konfessionelle Selbstvergewisserung ist zunächst durchaus zu verstehen und auch zu begrüssen, weil Begegnung und Dialog die je eigene Identität voraussetzen. Schwierig wird es freilich dort, wo an die Stelle der ­ in den vergangenen Jahrzehnten stets gewachsenen ­ Überzeugung, dass das, was uns schon eint, viel grösser ist als das, was uns noch trennt, ein Vorgehen tritt, das eher das Unterscheidende betont, weil die intensive Suche nach der eigenen konfessionellen Identität als zumindest ebenso wichtig betrachtet wird wie die Suche nach der christlichen Einheit. Dieses Vorgehen kann ökumenische Annäherungen behindern, wie jüngere ökumenische Irritationen gezeigt haben, beispielsweise die heftigen Diskussionen und Reaktionen in vielen evangelischen Kirchen vor und nach der Unterzeichnung der «Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre» in Augsburg im Jahre 1999, die Auseinandersetzungen über die Erklärung «Dominus Iesus» der Kongregation für die Glaubenslehre im Jahre 2000 oder die atmosphärischen Störungen zwischen der russisch-orthodoxen und der römisch-katholischen Kirche.<62>
Diese Beispiele belegen die Feststellung, dass alte Vorurteile und Animositäten die Beziehungen der Christen untereinander auch heute noch erheblich belasten können. Dabei käme es bereits einem weiterführenden Schritt gleich, wenn alle Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften gemeinsam eingestehen könnten, dass sie alle ihre eigenen ökumenischen Irritationen kennen, und deshalb eingleisige Schuldzuweisungen unterlassen. Denn die Besinnung auf die eigene konfessionelle Idenitität ist nicht eine Erscheinung, die nur einzelne Kirchen betrifft. Sie ist heute vielmehr in beinahe allen Kirchen anzutreffen. Erst wenn wir dies gemeinsam eingestehen, wird diese Besinnung nicht ein Hindernis für die Ökumene bleiben, sondern kann zur Chance gegenseitiger Verständigung und Bereicherung werden.

b) Strittiges Ziel der Ökumene

In diesem Licht können wir zweitens auch das Hauptproblem der Ökumene heute ins Visier nehmen. Dieses besteht darin, dass auf der einen Seite in den bisherigen Phasen der Ökumenischen Bewegung weitgehende und erfreuliche Konvergenzen und Konsense über sehr viele Einzelfragen erzielt werden konnten, dass sich aber auf der anderen Seite alle noch bestehenden Differenzpunkte im nach wie vor recht unterschiedlich profilierten Verständnis der ökumenischen Einheit der Kirchen selbst bündeln. Dass somit gerade das Ziel der Ökumenischen Bewegung zwischen den verschiedenen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften noch immer strittig ist, darin ist ihr eigentliches Elend zu diagnostizieren.
Dass es bisher keine gelungene ökumenische Verständigung über das Ziel der Ökumene gibt, hat seinen wesentlichen Grund seinerseits darin, dass jede Konfessionskirche ihr spezifisches Konzept von der Einheit ihrer eigenen Kirche hat und realisiert und von daher beinahe selbstverständlich bestrebt ist, diese konfessionelle Konzeption auch auf das Ziel der Ökumenischen Bewegung zu übertragen.<63> Denn das Verständnis von Kirche, das von den jeweiligen Kirchen vertreten wird, und das von ihnen postulierte ökumenische Modell der Einheit der Kirchen oder Kirchengemeinschaft hängen auf das Engste zusammen und bedingen sich wechselseitig: «Es gibt, so wie es verschiedene Kirchen gibt, auch unterschiedliche Ökumenismen, also konkurrierende Vorstellungen darüber, wie sich die Pluralität der Kirchen mit ihrem jeweiligen Wahrheitsanspruch untereinander verbinden ­ und also auch zu dem je eigenen Wahrheitsanspruch ins Verhältnis setzen lässt.»<64>
Von daher ist es kein Zufall, dass beim protestantischen Kirchenverständnis das ökumenische Konzept der Kirchengemeinschaft, vor allem in der Gestalt der Leuenberger Konkordie, im Vordergrund steht, während die römisch-katholische Kirche von ihrem Kirchenverständnis her vom Konzept der sichtbaren Einheit der Kirchen ausgeht. Ein wiederum anderes ökumenisches Konzept vertreten die orthodoxen Kirchen aufgrund ihres eigenen ekklesiologischen Verständnisses einer Gemeinschaft von autokephalen Kirchen. Ein nochmals anderes ökumenisches Konzept dürften aufgrund ihres eigenen konfessionellen Verständnisses die Freikirchen vertreten. Hier liegt der eigentliche Grund für die Unmöglichkeit, vom eigenen konfessionellen Kirchenverständnis problemlos auf ein kompatibles ökumenisches Einheits- oder Gemeinschaftsmodell zu schliessen, zumal dann, wenn man es in ökumenischen Gesprächen nicht erprobt hat, sondern die eigene konfessionelle Ekklesiologie ökumenisch verabsolutiert. Wie die Erfahrung zeigt, ist diese Gefahr bei allen Kirchen gegeben.
Die recht unterschiedlichen konfessionellen Konzeptionen der Kirche und ihrer Einheit stehen somit noch immer weithin unversöhnt nebeneinander, weshalb über das Ziel der Ökumene selbst bisher keine wirklich tragfähige Verständigung erzielt werden konnte. Das eigentliche Problem besteht dabei darin, dass das Bewusstsein für diese elementare Problematik bis auf den heutigen Tag nur schwach entwickelt ist. Da es aber keine «konfessionsneutrale Ekklesiologie»<65> und somit auch keine konfessionsneutrale Ökumenik geben kann, muss dies bedeuten, dass die ökumenische Klärung des Kirchen- und Einheitsverständnisses das Haupttraktandum auf der heutigen ökumenischen Tagesordnung sein muss. Denn erst wenn das Ziel der Ökumenischen Bewegung klar vor Augen tritt, lässt sich auch die Frage nach den nächsten notwendigen Schritten adäquat stellen.

c) Ökumenische Spiritualität

Zu den nächsten Schritten gehört zweifellos auch die Wahrnehmung einer weiteren Herausforderung. Man redet heute gerne von einer Krise oder gar vom Ende der theologischen «Konsens-Ökumene». Dieses Urteil kann und darf die Feststellung nicht dementieren, dass die interkonfessionellen Dialoge auf bilateraler und multilateraler Ebene in den vergangenen Jahrzehnten positive und greifbare Ergebnisse erzielt haben und über viele strittige Kontroversfragen der Theologie einen breiten Konsens herbeiführen konnten. Die Aufarbeitung der theologischen Differenzen zwischen den verschiedenen Kirchen bleibt deshalb weiterhin eine indispensable Aufgabe, die nicht zu unterschätzen ist. Dennoch zeigt die gegenwärtige ökumenische Situation, dass die theologische Übereinkunft allein offensichtlich nicht ausreicht, um einen ebenso wirklichen wie nachhaltigen Fortschritt in der Ökumene erzielen zu können.
Daraus kann man nur den Schluss ziehen, dass sich der ökumenische Prozess nicht auf die theologisch-wissenschaftlichen Bemühungen beschränken darf, sondern dass viel entschiedener auch die aussertheologischen Faktoren in der Ökumene berücksichtigt werden müssen, auf die Papst Johannes Paul II. in seiner Enzyklika «Ut unum sint» hingewiesen hat, wenn er betonte, die heutige ökumenische Situation sei weithin erschwert «durch Unbeweglichkeit, Gleichgültigkeit und eine unzureichende Kenntnis voneinander». Deshalb müsse sich das Engagement für die Ökumene «auf die Umkehr der Herzen und das Gebet stützen», «was auch zur notwendigen Läuterung der geschichtlichen Erinnerung führen» werde<66>. Wenn die aussertheologischen Faktoren in der Ökumene kaum theologisch, sondern nur spirituell bewältigt werden können, dann wird es wichtig sein, die Ökumene als einen geistlichen Prozess zu begreifen, in den alle Glaubenden einzubeziehen sind und der eine spirituelle Neuorientierung der Ökumene nötig macht.
Nach meiner Überzeugung werden wir in der Ökumene heute nur weiterkommen, wenn wir zu ihren spirituellen Wurzeln zurückkehren und eine erneuerte ökumenische Spiritualität suchen. Denn wir brauchen in erster Linie nicht weiteren ökumenischen Aktivismus, sondern eine neue ökumenische Spiritualität.<67> Da das ökumenische Lebenselixier im gegenseitigen Austausch der Gaben besteht, bietet das Jahr der Bibel 2003 eine gute Gelegenheit, im gemeinsamen Lesen der Bibel die spirituelle Dimension der Ökumene zu leben.
Aber auch die Enzyklika von Papst Johannes Paul II. über die Eucharistie bietet mit ihrer tief spirituellen Schau eine gute Gelegenheit, die eucharistische Frömmigkeit in ökumenischem Geist zu vertiefen. Der Papst selbst möchte mit seinem Rundschreiben das «Staunen» über die Eucharistie wieder neu anregen und bringt es deshalb in Zusammenhang mit seinem Pastoralprogramm, das er zum Abschluss des Heiligen Jahres 2000 in seinem Apostolischen Rundschreiben «Novo millennio ineunte» vorgelegt hat und das heisst: Das Antlitz Christi betrachten. Dies verwirklicht sich vor allem in der Eucharistie: «Die Kirche lebt vom eucharistischen Christus. Von ihm wird sie genährt, von ihm wird sie erleuchtet.»<68> Von daher ist es kein Zufall, dass der Papst die Eucharistie-Enzyklika mit dem Hinweis beendet, dass die wahren Interpreten der eucharistischen Frömmigkeit die Heiligen sind und dass es deshalb nahe liegt, «in die Schule der Heiligen, der grossen Verkünder der wahren eucharistischen Frömmigkeit» zu gehen. Denn in ihnen gewinnt die Theologie der Eucharistie den «vollen Glanz des Erlebten»<69>. Diesen Glanz gilt es aber ökumenisch wiederzugewinnen und zum Strahlen zu bringen.


Anmerkungen

54 Nr. 61.

55 Vgl. K. Koch, Gelähmte Ökumene. Was jetzt zu tun ist (Freiburg i.Br. 1991).

56 P. Neuner/B. Kleinschwärzer-Meister, Ein neues Miteinander der christlichen Kirchen. Auf dem Weg zum Ökumenischen Kirchentag in Berlin 2003, in: Stimmen der Zeit 128 (2003) 363­375, zit. 373.

57 Vgl. W. Kasper, Ökumene zwischen Ost und West. Stand und Perspektiven des Dialogs mit den orthodoxen Kirchen, in: Stimmen der Zeit 128 (2003) 151­164.

58 Vgl. K. Koch, Christsein in einem neuen Europa. Provokationen und Perspektiven (Freiburg/Schweiz 1992), bes. 137­166: Ökumenische Herausforderung.

59 H. Meyer/H. J. Urban/L. Vischer (Hrsg.), Dokumente wachsender Übereinstimmung. Sämtliche Berichte und Konsenstexte interkonfessioneller Gespräche auf Weltebene. Band 1 (Paderborn 1983) und Band 2 (Paderborn 1992).

60 Vgl. beispielsweise W. Kasper, Der Päpstliche Rat zur Förderung der Einheit der Christen im Jahre 1999, in: Catholica 54 (2000) 81­97.

61 W. Kardinal Kasper, Communio ­ Leitbegriff katholischer ökumenischer Theologie. Situation und Zukunft der Ökumene, in: Catholica 56 (2002) 243­262, zit. 245.

62 Vgl. W. Kasper, Theologische Hintergründe im Konflikt zwischen Moskau und Rom, in: Ost-West. Europäische Perspektiven (2002) 230­239; Ders., Was heisst Proselytismus?, in: G2W Nr. 11/2002, 16­19.

63 Vgl. G. Hintzen/W. Thönissen, Kirchengemeinschaft möglich? Einheitsverständnis und Einheitskonzepte in der Diskussion (Paderborn 2001).

64 F. W. Graf/D. Korsch, Jenseits der Einheit: Reichtum der Vielfalt. Der Widerstreit der ökumenischen Bewegungen und die Einheit der Kirche Jesu Christi, in: Dies. (Hrsg.), Jenseits der Einheit. Protestantische Ansichten der Ökumene (Hannover 2001) 9­33, zit. 24.

65 G. Wenz, Communio ecclesiarum, in: F. W. Graf/D. Korsch (Hrsg.), Jenseits der Einheit. Protestantische Ansichten der Ökumene (Hannover 2001) 111­124, zit. 111.

66 Nr. 6.

67 Vgl. Card. W. Kasper, Spiritualità ed ecumenismo, in: Rivista Teologica di Lugano VII (2002) 211­224; G. Augustin, Ökumene als geistlicher Prozess, in: P. Walter/K. Krämer/G. Augustin (Hrsg.), Kirche in ökumenischer Perspektive (Freiburg i.Br. 2003) 522­550; B. Neumann, «Nehmt einander an, wie auch Christus uns angenommen hat» (Röm 15,7). Bausteine zu einer Spiritualität der Ökumene, in: Geist und Leben (2003) 182­196; U. Wilckens, Ökumenische Spiritualität ­ Biographische Notizen, in: K. Raiser und D. Sattler (Hrsg.), Ökumene vor neuen Zeiten. Für Theodor Schneider (Freiburg i.Br. 2000) 81­96.

68 Nr. 6.

69 Nr. 62.


Ein Thema, das «auf den Nägeln brennt»

 

«Der Ökumenische Kirchentag in Berlin war ein gewagtes, aber letztlich gelungenes Projekt», heisst es in der Stellungnahme des Johann-Adam-Möhler-Instituts für Ökumenik, Paderborn. Denn er habe sich «als Plattform des Glaubens ganz eigener Art erwiesen... Man kann diese Erkenntnis auch so lesen: Es gibt in Deutschland Tausende von Christen, die sich mit theologischen Sachfragen auseinander setzen wollen. Für die theologische Sacharbeit, die in den Gemeinden und anderswo geleistet wird, ist dies ein überaus ermutigendes Zeichen.
Vor diesem Hintergrund entspricht die in den Medien hochgespielte Bedeutung der beiden ÐÖkumenischen Mahlfeiernð in der Berliner Gethsemane-Kirche, bei denen es sich eigentlich um konfessionell geprägte Gottesdienste mit Einladung zur Ðoffenen Kommunionð für alle Gottesdienstbesucher/innen handelte, nicht deren Relevanz im Rahmen des Kirchentags. Schon die Tatsache, dass gerade ein Prozent der Kirchentagsbesucher an den entsprechenden Gottesdiensten teilgenommen hat, zeigt, dass die wenigsten bereit waren, einen für alle christlichen Kirchen zentralen Glaubensvollzug für demonstrative Zwecke zu missbrauchen. Allerdings darf dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass es an der so genannten ÐBasisð ein grosses Verlangen nach gottesdienstlicher Gemeinschaft ­ auch im sakramentalen Bereich ­ gibt. Das zeigt sich schon an der Tatsache, dass alle Veranstaltungen, die sich mit dem Eucharistie-/Abendmahlsverständnis befassten, schon früh überfüllt waren. Der grosse Zulauf zu den entsprechenden Podien und Foren ist ein Indikator dafür, dass dieses Thema vielen Gläubigen Ðauf den Nägeln brenntð. Die Tatsache, dass gemeinsame Eucharistie- und Abendmahlsfeiern bis heute nicht möglich sind, wird von ihnen als eine schmerzliche Wunde empfunden, deren Heilung nicht Ðauf die lange Bankð geschoben werden darf, wenn es ­ um im Bild zu bleiben ­ nicht zu weiteren ÐEntzündungsherdenð kommen soll. Das grosse Interesse an den entsprechenden Podiumsveranstaltungen war zugleich ein nachdrücklicher Beweis dafür, dass viele Gläubige wirklich bereit sind, sich mit den dahinter stehenden theologischen Problemen ernsthaft auseinander zu setzen und keineswegs eine unreflektierte Haltung zu diesem Thema haben.»


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003